Zwölf Uhr mittags, Einstieg Suworow-Denkmal, östlich der Passstrasse, die sich durch die gewaltige Schöllenenschlucht windet: Check-up vor dem Urner Alpenpanorama. Steinschlaghelme? Passen. Klettergurte, Klettersteigset samt Sturzbremsen? Alles sitzt.

Locker hält Elmar Mühleder die Enden des knapp zwei Meter langen, Y-förmigen Seils, an denen zwei Klettersteigkarabiner baumeln. Jetzt noch, denn während der Tour wird vom ersten bis zum letzten Schritt immer mindestens einer der Karabiner an fest verankerten Drahtseilen eingehängt bleiben, die sich steil an den Granitfelsen emporziehen. Selbstsicherung am Führungsseil nennt sich das. «Falls du abrutschst, dämpft die Bremse am Seil den abrupten Sturz», erklärt Bergführer Christian Cavaletti aus Andermatt.

Die Gruppe will hoch hinaus: durch die «via ferrata» Diavolo, den Teufelssteig, empor zum Urner Fahnenmast am Tüfelstalboden auf 1’860 Meter Höhe.

Jeder seine eigene Seilschaft

Klettersteiggehen ist die Alternative zum reinen Sportklettern und Bergsteigen. Bereits über 40 «vie ferrate» - so die populäre italienische Bezeichnung - gibt es in der Schweiz: meist klassische Steige, die mit Leitern, Eisenbügeln und Stiften am Fels das Überwinden heikler Passagen einfacher machen. Anders als beim Klettern geht jeder einzeln am kurzen Seil, ist so nur für die eigene Sicherung und nicht für die der anderen verantwortlich. «Wer sich gut informiert, kann Klettersteige auch allein gehen», erklärt Christian Cavaletti. Mehr Spass bringt aber eine Tour in der Gruppe.

Doch wie stehts um die Sicherheit? Tauender Permafrost, brüchiger Fels und damit eine grössere Steinschlaggefahr fordern Bergsportlern zunehmend Vorsicht ab. «Die Mehrzahl der Klettersteige in der Schweiz ist davon kaum betroffen», sagt Beat Burgener, Präsident des Verbands der Bergsportschulen Schweiz. Zum einen würden die Griffe, Haken und Seile der Klettersteige regelmässig vor der Freigabe im Frühjahr von verantwortlichen Interessengruppen - Hüttenwarten, Bergführerverbänden oder Seilbahnen - gewartet. Zudem liegen viele Klettersteige ohnehin unterhalb der Permafrostzonen. «Unter 2’500 Meter Höhe sind sie kaum gefährdet», sagt der Fachmann. Doch Natur verändere sich stets, daher rät er zur Eigenverantwortung der Klettersteigbenutzer. «Ausbrüche von Haken und Tritten sind immer möglich. Deshalb sind alle Benutzer angehalten, solche Schäden zu melden.»

Anzeige

Nur nicht leichtsinnig werden

Der Urner Diavolo ist nicht so gefährlich, wie der Name vermuten lassen würde. «Der Teufelssteig ist ideal für Anfänger», erklärt Bergführer Cavaletti. In drei Stunden sei er mit ein wenig Kondition machbar. Aufmerksam sollte man trotzdem sein - auch um das Sichern zu üben. Cavaletti: «Leichtsinnigkeiten, die bei einfachen Klettersteigen ohne gravierende Folgen bleiben, können schon bei der nächsthöheren Schwierigkeitsstufe böse enden.»

Die Gruppe schreibt es sich hinter die Ohren: Mit 700 Meter Stahlseil, 265 Trittstiften, 185 Seilführungseisen und zwei Leitern gilt es, 470 Höhenmeter zu überwinden. Es geht über Felsstufen, Gesteinsplatten und matschige Grasbänder. Der Ausblick ist überwältigend, die Konzentration darauf gerichtet, wie welcher Fuss wohin gehört. «Mulmig ist mir nicht», sagt Elmar Mühleder, er habe Tourenerfahrung. Als die letzte Leiter vor dem Ausstieg aber gar luftig in der Gegend hängt, schluckt der 37-Jährige leer. Fast hätte er die Selbstsicherung vergessen. «Die meisten Unfälle passieren», erklärt Bergführer Cavaletti, «wenn man müde wird, meint, die Selbstsicherung nicht zu benötigen, oder vergisst, die Karabiner am Führungsseil einzuhängen.» So war es bei den letztjährigen Klettersteigunfällen.

Auch wenn Klettersteige gesichert sind, soll man sich also nicht überfordern. Schwierigkeitstabellen und Toureninfos helfen bei der Auswahl. Was in erster Linie aber zählt, ist die eigene Einschätzung. «Ich habe den Teufelssteig als leicht empfunden», sagt Elmar Mühleder. «Aber ich hätte nicht gedacht, dass es trotz Aufstiegshilfen so anstrengend ist.» Christian Cavaletti schmunzelt: «Man sollte Klettersteige nie unterschätzen, schliesslich steigt man stundenlang senkrecht auf.» Und er gibt den doch leicht erschöpften Anfängern noch eine Kletterweisheit mit auf den Heimweg - für den Fall, dass sie künftig im Alleingang Steige meistern wollen: «Wer beim Material auf den Rappen schaut, spart an der eigenen Sicherheit.»


Buchtipps

Iris Kürschner: «Klettersteige Schweiz»; Bergverlag Rother, 2006, 194 Seiten, Fr. 26.80

Eugen E. Hüsler, Daniel Anker: «Wandern vertikal. Die Klettersteige der Schweiz»; AT-Verlag, 2004, 160 Seiten, 54 Franken

Quelle: Ursula Meisser
Anzeige