«Furchtbar aufgeregt» habe sie sich am 8. Dezember um 20 Uhr, als sie über den Thunersee geblickt habe, erzählt Edith Loosli. In der Rehaklinik Schönberg, wo sie nach einer Operation weilte, habe man sich bemüht, im Zuge der Sensibilisierungsaktion «Licht aus!» tatsächlich die Lichter zu löschen. «Aber in Spiez? Nur das Schloss war nicht beleuchtet!», schimpft die pensionierte Sekundarlehrerin.

Wie sehr hätte sie sich wohl erst in Iffwil aufgeregt? Dort nämlich strahlte Wirt Markus «Küse» Bütler sein «Sternenpintli» aus Protest gegen die «Alibiübung» mit grossen Scheinwerfern an. «Klimawandel gab es immer schon», sagt der 50-Jährige. «Wir werden doch bloss angelogen.»

Für einen Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer ist der Klimawandel jedoch eine besorgniserregende Tatsache. Eine Ende Januar durchgeführte repräsentative Umfrage des Instituts Konso bei 700 Personen im Auftrag des Beobachters zeigt, dass milde Winter, Stürme und andere Klimakapriolen durchaus ernst genommen werden: So sind nur rund 30 Prozent der Befragten überzeugt, dass der Klimawandel ein natürliches Phänomen sei, das mit unserer Art zu leben nur wenig zu tun habe. Stolze 86 Prozent bejahten jedoch die Aussage: «Wenn jeder etwas an seinem Verhalten ändert, kann der Klimawandel gebremst werden.» Und immerhin knapp 50 Prozent sprachen sich für «neue, massive Vorschriften und höhere Preise für Energie und Treibstoffe» aus.

Die Schweiz, ein Land von Klimaschützerinnen und Klimaschützern? Haben Uno-Berichte, Überschwemmungen und die grünen Skipisten im Winter die Leute zur ökologischen Räson gebracht? Offenbar. Schmelzende Polkappen, steigende Temperaturen sind das Thema der Stunde, Eisbärenbabys die Ikonen der vom Klimawandel betroffenen Gesellschaft.

Aber sind die Schweizerinnen und Schweizer auch tatsächlich bereit, auf Annehmlichkeiten zu verzichten, bewusster zu konsumieren und zum Wohl des Klimas tiefer in die Tasche zu greifen? WWF-Mediensprecher Fredi Lüthin warnt vor allzu grossen Hoffnungen: «Es wird sich wohl erst in zwei, drei Jahren zeigen, ob sich die aktuelle Klimadebatte tatsächlich auch in Verhaltensänderungen niederschlägt.»

Auf den ersten Blick scheint Lüthins vorsichtige Haltung den Tatsachen zu widersprechen. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass die Trendwende hin zu einem schonenderen Umgang mit Ressourcen und zu einer klimafreundlicheren Lebensweise in Reichweite sein könnte. Umweltfreundliche Technologien boomen, der Schutz des Klimas gilt als schick: Konsumenten begnügten sich nicht mehr mit einem Biolabel auf den Produkten, stellt etwa die Konsumpsychologin Simonetta Carbonaro in einem Interview der Zeitschrift «GDI Impuls» fest: «Sie wollen mehr wissen: Wo kommen die Rohstoffe her, was ist die CO2-Bilanz der Produkte, welche Arbeitsbedingungen herrschen?»

Und die von Carbonaro georteten aufgeklärten Konsumenten kaufen entsprechend ein: In einer Marktstatistik für die Jahre 2004 bis 2006 der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz (SAFE) zeigt sich etwa, dass bei stromfressenden Haushaltsgeräten offensichtlich ein Umdenken stattfindet. Bei den Wäschetrocknern beispielsweise betrug die Zuwachsrate bei den energiesparendsten Geräten (Energieeffizienzklasse A) in dieser Zeit stolze 289 Prozent, bei Tiefkühlern und Kühlschränken stiegen die Verkäufe der effizientesten A++-Geräte sogar um sagenhafte 727 Prozent. Letztes Jahr gingen laut SAFE-Sprecher Armin Braunwalder zudem rund doppelt so viele Energiesparlampen über die Ladentische als noch 2006. Das ist insofern von Bedeutung, als auch bei der Stromproduktion CO2 anfällt. Umweltorganisationen schätzen, dass wegen Stromimporten jede Kilowattstunde im Durchschnitt 100 Gramm CO2 verursacht hat.

Imposante Zuwachszahlen vermeldet auch der Verein Minergie: Wurden 2002 noch 658 neue Wohnhäuser nach dem ressourcenschonenden Standard gebaut, so waren es 2007 bereits 1576 - eine Zunahme um 240 Prozent. Und auch die Vereinigung der Schweizer Automobilimporteure kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Im Jahr 2006 waren knapp 20 Prozent der verkauften Autos Energieeffizienzklasse A, Tendenz weiter steigend.

Zugegeben: Es ist ein zartes Pflänzchen, das da heranwächst. Aber eines, auf das Schweizerinnen und Schweizer gern verweisen, wenn sie gefragt werden, was sie denn persönlich zum Schutz des Klimas unternehmen. Die Rolle der bewussten und aktiven Klimaschützer jedenfalls scheint beliebt zu sein, wie die Beobachter-Studie von Ende Januar 2008 zeigt:

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  • 69,3 Prozent der Befragten geben an, beim Kauf von Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik auf energiesparende Produkte zu achten.
  • 70,3 Prozent schalten nach eigenen Angaben elektrische Geräte ganz aus, statt sie im Stand-by-Modus zu belassen.
  • Beim Kauf von Glühbirnen entscheiden sich 63,5 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten für Energiesparlampen.
  • Warme Kleider zu tragen und weniger zu heizen, nehmen 63,3 Prozent in Kauf.
  • Immerhin 50,8 Prozent der Befragten fahren weniger Auto und benutzen vermehrt öffentliche Verkehrsmittel.
  • Und 46,9 Prozent erklären, dass sie aus Sorge um das Klima weniger Flüge buchen und auch mal auf eine Reise verzichten.


Dumm nur: Zwischen dem, was die Schweizerinnen und Schweizer zum Schutz des Klimas zu tun behaupten, und dem, was sie effektiv tun, klafft eine Lücke. Eine grosse Lücke sogar. Klimaschutzmassnahmen, die eine Verhaltensänderung bedingen und möglicherweise der eigenen Bequemlichkeit zuwiderlaufen, sind weit weniger populär als behauptet: «Wir fahren Hybridautos, aber keiner von uns ist bereit, sein Mobilitätsverhalten zu ändern», bringt es der Konsumkritiker Kalle Lasn auf den Punkt (siehe Artikel zum Thema «Konsum: ‹Die Menschheit fährt gegen eine Wand›») - und die Fakten geben ihm recht.

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  • Beispiel Stand-by-Modus: Nach Schätzungen von Umweltorganisationen werden durch den Stand-by-Betrieb in Haushalten jährlich rund 1,4 Milliarden Kilowattstunden Strom verschleudert, knapp acht Prozent des privaten Stromverbrauchs. Dieser steigt denn auch munter weiter: Allein zwischen 2001 und 2006 betrug die Zunahme 10,1 Prozent. Selbst wenn auch andere Faktoren diese Zahl beeinflussen: Dass 70 Prozent der Schweizer ihre Geräte ganz ausschalten, ist blosses Wunschdenken.
  • Beispiel Energiesparlampen: Für die Beleuchtung von öffentlichem Raum, Industrie, Gewerbe und Privaträumen werden jährlich rund 50 Millionen Glühbirnen verkauft. Würden, wie in der Beobachter-Umfrage angegeben, fast zwei Drittel der Konsumenten ihr Heim stromsparend beleuchten, müsste ein grosser Teil der verkauften Birnen Energiesparlampen sein. SAFE schätzt jedoch die Zahl der 2007 tatsächlich verkauften Sparlampen lediglich auf drei Millionen.
  • Beispiel Autofahren: Der Trend zu immer sparsameren Personenwagen ist unbestritten - ebenso aber der Boom der grossen Benzinsäufer: Von den im Jahr 2006 in der Schweiz verkauften Neuwagen stiessen knapp 44 Prozent über 200 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Zum Vergleich: In der EU soll bis 2012 der durchschnittliche Ausstoss auf 120 Gramm verringert werden.
  • Beispiel Flugreisen: 2007 war ein Traumjahr für die Swiss und den Zürcher Flughafen. Die Swiss beförderte rund zwölf Millionen Passagiere. Auch Unique konnte einen Rekord feiern: 20 Millionen Passagiere flogen im vergangenen Jahr über den Flughafen Zürich, so viele wie nie mehr seit dem Swissair-Grounding 2001.


Ist das Bekenntnis zum Klimaschutz also bloss scheinheiliges Gerede? «Beim momentanen Hype um den Klimawandel sind die Menschen im Sinn einer Norm fast gezwungen, zu sagen, sie seien besorgt», sagt der Zürcher Sozial- und Umweltpsychologe Heinz Gutscher. «Reden ist halt relativ billig - und das Abschmelzen der Polkappen geschieht weit weg. Die Menschen handeln vor allem dann, wenn sie eine Wirkung sehen.» Die Frage «Was kann ich allein schon ausrichten?» hindere viele daran, effektiv etwas zu unternehmen. Eine messbare Wirkung lasse sich dann erzielen, wenn man zeigen könne, dass sich kollektives Engagement aufsummiert und entsprechend für jeden Einzelnen lohnt.

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Wie das gehen könnte, hat der Psychologieprofessor im Jahr 1999 zu demonstrieren versucht: Mit Flugblättern und via Medien wurden damals die Autopendler während einer Woche aufgefordert, ihr Auto an ein oder zwei Tagen stehenzulassen, um den berüchtigten Stau am Baregg vermeiden zu helfen. Ziel war es, ein «Wir-Gefühl» zu schaffen, bei dem Pendler, die für einen Tag ein anderes Verkehrsmittel wählten, darauf zählen konnten, dass am nächsten Tag andere Automobilisten verzichten würden. Der Erfolg war nicht spektakulär: Während der «Stau-weg-Woche» verzeichnete man eine zehnprozentige Reduktion der Stauzeiten. «Es braucht eine kritische Masse, damit der Erfolg für den Einzelnen wirklich sichtbar wird», sagt Psychologe Gutscher. Und diese kritische Masse könne unter Umständen sehr gross sein.

Ist die Idee des freiwilligen Energiesparens und Klimaschutzes deshalb gescheitert? «Nein», sagt Gutscher. «Mehr Zwang, etwa eine Limitierung des persönlichen Energieverbrauchs, torpediert nur den guten Willen und verleitet die Leute zum Betrügen.»

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Ein ganzer Stapel von Massnahmen

«Die Zeit der Freiwilligkeit allein ist vorbei», erklärt demgegenüber Michael Kaufmann, Vizedirektor des Bundesamts für Energie (BFE) und Chef des «freiwilligen» Programms Energie Schweiz. Das BFE hat dem Bundesrat ein ganzes Bündel von Massnahmen vorgelegt, mit denen die Energieeffizienz gefördert werden soll: Beschränkungen oder Verkaufsverbote für ineffiziente Geräte wie konventionelle Glühbirnen, höhere Minimalvorschriften für Haushaltsgeräte, eine Angleichung an die EU-Normen bei Fahrzeugen. «Die politische Akzeptanz ist eigentlich gut, auch in den betroffenen Branchen», ist Kaufmann optimistisch. Er weiss aber, dass man diese Massnahmen auch durchsetzen muss und dass das Verhalten immer noch eine Rolle spielt: «Sonst riskieren wir, dass der Mehrkonsum gleich wieder wegfrisst, was durch effizientere Geräte und Fahrzeuge an Energie und CO2 eingespart wird.»

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Umfrage zum Klimawandel Die Schweizer sehen das Problem - und sich selbst als Umweltschützer
Legende:
Zustimmung
Umsetzung
Was ist Ihre Meinung zum Klimawandel?
Wenn jeder etwas an seinem Verhalten ändert, kann der Klimawandel gebremst werden. 86%
Der Klimawandel zeigt sich am stärksten an den sich häufenden Naturkatastrophen. 73.9%
Um den Klimawandel zu bremsen, braucht es massive Vorschriften und höhere Energiepreise. 49,6%
«Klimawandel» ist vor allem ein politisches Schlagwort. 46,5%
Der Klimawandel bereitet mir schon Sorgen, aber ich weiss nicht, was ich dagegen tun kann. 39,5%
Der Klimawandel ist eine natürliche Sache. Mit der Art, wie wir leben, hat er nicht viel zu tun. 30,6%
Die Schweiz ist zu klein, um amKlimawandel etwas ändern zu können. 28,1%
Wo stimmen Sie zu? Und wo tun Sie selber etwas?
Energiesparende Geräte für den Haushalt kaufen 92,6%
69,3%
Elektrische Geräte ganz ausschalten 92,3%
70,3%
Nur saisonale Gemüse- und Früchtesorten kaufen 89,7%
71,1%
Normale Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzen 87,2%
63,5%
Mehr den öffentlichen Verkehr benutzen 86,7%
50,8%
Raumtemperatur im Winter tief halten und wärmere Kleider tragen 75,6%
63,3%
Weniger mit dem Flugzeug reisen oder auf längere Reisen verzichten 69,6%
46,9%
Beim Stromlieferanten Ökostrom beziehen 63,8%
19,5%
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