Der typische überschuldete Sportwagenfahrer hat ein Gesicht: Er ist männlich, 31- bis 40-jährig, verheiratet, kinderlos, Angestellter, verdient 4400 Franken im Monat – und er hat 69200 Franken Schulden am Hals.

Dieses Profil ergibt sich aus der Kundschaft bei Schuldenberatungsstellen. Rund 750 Dossiers aus sechs Kantonen hat der Schweizer Dachverband für Schuldenfragen ausgewertet. Seine Bilanz:

  • Das Einkommen stagniert, die Verschuldung steigt.

  • Steuern, Barkredite und Verluste aus Geschäften sind die drei grössten Schuldenblöcke.

  • Die wichtigsten Gründe für Überschuldung sind: Arbeitslosigkeit, Stellenwechsel mit Lohneinbusse, Scheidung, übermässiger Kauf von Konsumgütern – häufig in Zusammenhang mit einem Barkredit.

  • Die Tendenz bei den Überschuldeten: «Immer mehr Personen, immer mehr mit hohen Schulden, immer mehr mit hohen Einkommen», sagt Gerda Haber von der Zürcher Fachstelle für Schuldenfragen. «Die Leute gehen viel lockerer mit Schulden um als früher.»

Für den Ständerat waren dies Ende September Nachrichten von einem andern Planeten. Bei der Revision des Konsumkreditgesetzes folgte er fast auf der ganzen Linie den Wünschen der Wirtschaft, der Banken und der Kreditinstitute. Diese hatten vor der «Bevormundung mündiger Konsumenten» gewarnt. Sogar Justizministerin Ruth Metzler wunderte sich in der Debatte über den soliden Wirtschaftskurs der Volksvertreter. «Konsumentenpolitisch ein Rückschritt», meinte sie. Und: Man käme der Branche weiter entgegen, als diese selber wünsche.

Ständerat hilft den Banken

Es nützte nichts. Der Ständerat votierte in Serie gegen die Anliegen der Konsumentenschützer und Schuldenberater:

  • Keine Bedenkzeit: Barkredite und Leasingverträge kann der Kunde innert sieben Tagen widerrufen. Wer aber mit einer Kredit- oder Kundenkarte einkauft, soll dieses Recht nicht erhalten.

  • Solidarhaftung erlaubt: Kreditgeber können verlangen, dass beide Eheleute für einen Kredit haften. Das sei vor allem für Frauen problematisch, warnte Bundesrätin Ruth Metzler. Sie müssten häufig auch nach einer Scheidung die Schulden ihrer Ehemänner mittragen.

  • Kein Höchstzins: Ein Maximalzins von 15 Prozent bei Kreditgeschäften wird nicht festgeschrieben. Der Markt soll das regeln.

  • Leasing inklusive: In einer Hauruck-Übung wurden auch Leasingverträge ins Gesetz aufgenommen. Mit dem Resultat, dass die Rückzahlfrist von maximal 36 auf 60 Monate steigt und die Raten erhöht werden können. «Eine Schuldenfalle», meint Samuel Amsler von der Aargauer Fachstelle für Schuldenfragen. «Wer weiss schon, ob er in fünf Jahren noch eine Stelle hat und wie viel er verdient?»

  • Keine Meldepflicht: Leasingverträge muss der Kreditgeber erst bei der Zentralstelle für Kreditinformation melden, wenn der Kunde mindestens drei Raten schuldet. Damit besteht die Gefahr, dass überschuldete Personen neue Verträge abschliessen.

  • Keine Bewilligung: Institute, die Konsumkredite geben, können ohne staatliche Bewilligung Geschäfte machen – und bleiben damit weitgehend unkontrolliert.

  • Kantone ausgebootet: Das nationale Gesetz geht vor. Kantone wie Basel, Bern oder Neuenburg müssen ihre konsumentenfreundlichen Vorschriften aufgeben.

Jetzt geht das Gesetz zurück an den Nationalrat, der eine weniger wirtschaftsfreundliche Version beschlossen hatte. Illusionen haben die Schuldenfachleute allerdings keine. «Bei einer Überschuldung bezahlt der Staat die Folgekosten», sagen sie – und verweisen auf Steuerausfälle in Millionenhöhe.

Doch die Wirtschaft fährt mit gewichtigeren Argumenten auf: Sie spricht von einem Markt mit über 69000 Arbeitsplätzen» und einer jährlichen «Wertschöpfung von netto 1,7 Milliarden Franken».

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