Irgendwie verheissungsvoll blickt mich der Fremde an. Und zugleich irgendwie triumphierend und verschwörerisch. Das muss man erst mal schaffen, denke ich, alle diese Emotionen zur selben Zeit im selben Gesicht unterzubringen.

Aber der Typ ist ein Profi, das sieht man. An dem goldenen Ring, den er in der Hand hält, klebt sogar ein Stück Dreck.

Das Stück Dreck passt zu dem schmutzigen Trick, den er mit mir durchziehen will: Er will mir weismachen, er habe gerade zufällig einen Goldring gefunden auf dem Rasen im Park. Und weil es so ein schöner Tag ist und er so gute Laune hat und ich ihm so sympathisch bin, würde er mir den Ring zum Spezialpreis verkaufen, weit unter dem Wert.

Ich grinse ihn an, wissend, verärgert und irgendwie strafend. Denn ich weiss mehr, als er denkt. Ich weiss, dass der Ring nicht aus Gold ist, sondern aus Messing oder so, Tinnef halt, Klimbim, Ramsch. Und ich weiss, dass er den Ring nicht auf dem Boden gefunden hat, sondern in seiner Hosentasche in den Park gebracht hat. In seiner Tasche, wo sich wahrscheinlich noch mehrere typähnliche Kollegen des wertlosen Stücks befinden.

Der Trick mit dem falschen Edelmetall ist uralt: Schon vor 500 Jahren wurde er in einem Buch beschrieben, das vor Betrügern und falschen Bettlern warnte. Und es war Martin Luther höchstpersönlich, der ein Vorwort dazu beisteuerte. Eigene Erfahrungen schienen den Reformator dabei anzutreiben: «Ich bin selbst dieses Jahr beschissen von solchen lantstreichern… mehr denn ich bekennen will», schreibt er.

«Du mir geben Geld?»

Das Buch warnt übrigens auch vor Wahrsagern, Wunderheilern und Bettlern mit falschen Zertifikaten. Und es erwähnt einen Trick, den die Nigeria Connection noch heute praktiziert, er geht ungefähr so: «Ich dir geben viel Geld. Aber zuerst du mir geben Geld, damit ich kann dir geben Geld. Okay, du mir jetzt geben Geld?»

Alle diese Kniffe gab es schon vor 500 Jahren. So dürfen wir ein schönes Jubiläum feiern: mindestens ein halbes Jahrtausend Nepper, Schlepper, Bauernfänger.

Dabei wollte Luther damals mit seinem Betrüger-Warnbuch das Problem endgültig lösen, «damit man doch sehe und begreife, wie der Teufel so gewaltig in der Welt regiert, und ob die Leute nicht klug werden und sich ein für alle mal vorsehen wollen».

Anscheinend sind die Leute nicht klüger geworden. Und auch der Teufel
regiert wohl noch immer. Wenn ich mich recht erinnere, verströmte der Typ, der mir im Park den Ring andrehen wollte, einen leichten Schwefelgeruch. Und das nächste Mal, wenn er es wieder mit mir versuchen sollte, werde ich ihn bitten, mir seine Füsse zu zeigen. Denn merke: Wenn dir einer aus angeblicher Menschenliebe einen angeblich vorteilhaften Deal anbietet, ist meist ein Pferdefuss dabei.