Zu Beginn lief bei Felix Meier (Name geändert) alles rund. Alle seine Bekannten lud er zu den Informationsabenden der Business Academy (siehe Artikel zum Thema «Business Academy: ‹Wollt ihr Erfolg?› - ‹Ja, Mann!›») ein - und versprach ihnen einen lukrativen Nebenverdienst. Viele kamen, und einigen konnte Meier das mit 6800 Franken völlig überteuerte Weiterbildungspaket verkaufen. Das hiess für ihn jedes Mal 1000 Franken Provision.

«Wenn einer den Kaufvertrag unterschrieben hatte, mussten wir möglichst schnell an sein Geld kommen, bevor er es sich anders überlegte», erinnert sich Meier. Schnell stieg er zum Gruppenleiter auf. Denn Interessierte konnten nebst dem Kaufvertrag bei Business Academy einen Vermittlervertrag unterschreiben. Meier kassierte auch Provisionen, wenn andere für ihn Kunden anwarben.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern bearbeitete der 22-Jährige jede Woche Dutzende von jungen Leuten. «Zuerst fragten wir sie über ihre Vermögensverhältnisse aus. Sparkonto, Kreditkarte, Schulden? Am interessantesten waren natürlich Leute mit Erspartem und einer EC-Karte. Die anderen versuchten wir dazu zu bewegen, einen Kredit aufzunehmen», so Meier.

«Geben wir Vollgas»
Die rhetorischen Tricks, mit denen der gelernte Bauzeichner seine Gäste jeweils nach der zweistündigen Verkaufsshow von Motivationstrainer Gerd H. zur Unterschrift überredete, waren im Leitfaden der Business Academy Wort für Wort vorgeschrieben:

«Geben wir Vollgas. Das ist der Kaufvertrag: Zahlst du bar oder mit Karte? - Habe das Geld nicht… - (zurücklehnen, Vertrag wegnehmen) Oje, oje. Du hast das Geld nicht, das ist aber gar nicht gut. Da ist aber etwas ganz falsch gelaufen in deiner Vergangenheit… Was machen wir jetzt? Hast du einen Vorschlag?»

Bis zur richtigen Sitzposition ist alles durchdacht, um möglichst schnell zur Unterschrift zu kommen. Für insolvente Gäste füllte ein Buchhalter gleich vor Ort den Kleinkreditantrag aus. Auch gegen Bedenken der allenfalls zögerlichen Kreditnehmer liefert der Leitfaden Argumente:

«Du arbeitest mit fremdem Geld, das tut dir also nicht persönlich weh. Wenn wir zusammen Gas geben, haben wir das in einem halben Jahr zurückbezahlt. Geben wir Gas (Hand geben).»

Leere Versprechungen
Wer die EC-Karte oder die Kreditkarte dabeihatte, wurde gleich zu einem Bankomaten begleitet. Auch Christian Pauli (Name geändert). «Sie nahmen mir die Kreditkarte aus der Hand, fragten nach der Limite und buchten gleich 2000 Franken ab», so der 22-jährige Handwerker, der endlich mal viel Geld verdienen wollte. «Sie versprachen mir ein Einkommen von mehreren tausend Franken im Monat.» Pauli konnte innert zweier Monate drei Freunde dazu bewegen, den Kaufvertrag zu unterschreiben. Dann hörte er auf: «Der psychische Druck, mehr Leute anzuwerben, war enorm. Ich nahm in dieser Zeit sechs Kilo ab.» Gelohnt hat sich sein Engagement auch finanziell nicht. Die Provisionen wurden nie bezahlt: «Heute stottere ich bei meiner Kreditkartenfirma Schulden ab.»

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Sophie Bachmann (Name geändert) versuchte mehr als zwei Jahre lang, mit dem Verkauf des Weiterbildungspakets Geld zu verdienen. «Ich kam durchschnittlich auf etwa 2000 Franken im Monat», erzählt die 19-jährige gelernte Verkäuferin. Es war ein Vollzeitjob: An zwei Abenden pro Woche musste sie an den Verkaufsshows für Stimmung sorgen, am Mittwoch und am Samstag gab es Verkaufsschulung, am Sonntag fanden die Weiterbildungsseminare statt. «Daneben versuchte ich den ganzen Tag, an neue Adressen zu kommen, Geld einzutreiben und meine Kunden bei Laune zu halten, damit sie weitere Gäste anwerben.» Für Kundenbesuche verfuhr sie alle zwei Tage einen Benzintank. Ihre monatliche Handyrechnung kletterte auf über 500 Franken.

Kaugummi und Jeans verboten
Bachmann musste lernen, dass sie keine Rechte, aber viele Pflichten hatte: «Meine Vorgesetzten verlangten plötzlich, dass ich täglich sechs neue Adressen melden müsste und viermal pro Tag rapportieren sollte, mit wem ich Kontakt hatte.» Wenn sie einmal zu spät an eine Veranstaltung kam, Kaugummi kaute oder Jeans trug, gab es Strafpunkte und bis zu 50 Prozent Abzug von der Provision.

Das Schlimmste für die 19-Jährige ist, dass sie alle ihre Freunde verloren hat: «Wenn meine Leute realisierten, dass ich Geld verdiente, indem ich ihr Vertrauen ausnützte, um ihnen überteuerte Seminare zu verkaufen, wollten sie nichts mehr mit mir zu tun haben.»

Kein schnelles Geld, keine Freunde mehr und ein Haufen unbezahlter Provisionen und Spesen - Bachmann, Pauli und Meier haben gemerkt, dass die Hintermänner der Business Academy sie nur ausnützten. Weil sie sich von den ehemaligen Vorgesetzten bedroht und unter Druck gesetzt fühlen, wollen die drei anonym bleiben.

Von den Vorwürfen der Aussteiger will die «Geschäftsleitung der Business Academy Corp.» mit Firmensitz in Liechtenstein nichts wissen. «Es wird absolut kein Druck ausgeübt. Leider gibt es viele Möchtegernchefs, die bei uns scheitern und dann beim Beobachter landen», antwortet sie. Wer hinter der Firma steckt, bleibt unbekannt, einen Handelsregistereintrag gibt es nicht.

Unterdessen landen die Fälle weiterer «Möchtegernchefs» vor dem Richter. In Ostermundigen, wo die Academy derzeit aktiv ist, verzeigte die Berner Kantonspolizei zwölf Personen wegen Verstosses gegen das Lotteriegesetz. Sie wurden gebüsst, weil sie an einem illegalen Schneeballsystem teilgenommen hätten.

Fast alle der Gebüssten haben Einspruch erhoben. Jetzt muss das Strafeinzelgericht Bern-Laupen untersuchen, ob das Vorgehen der Business Academy legal ist. Ende Oktober findet die erste Hauptverhandlung statt. Unterdessen machen die Turboverkäufer der Business Academy munter weiter.

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