«Wir sind jung, die Welt ist offen...» Mein Primarlehrer liebte den Gesang, das Klavier und seine singenden Klassen. Ich sang wie alle seine Schülerinnen und Schüler kräftig mit. Kaum hatte Herr Luchsinger das Schulzimmer betreten und seinen immer gleichen hellbraunen Mantel an den Haken gehängt, sass er auch schon am Klavier und lachte uns an. «Wir sind jung, die Welt ist offen – o / du / sch / öne / wei / te / Welt.»

«O du schöne weite Welt.»

Ich bin inzwischen etwas älter geworden. Mein letzter Geburtstag verlief ruhig. Abends freilich stutzte ich vor dem Bildschirm, als ich meinen elektronischen Briefkasten öffnete. Dort fanden sich Glückwünsche von Personen und Firmen, die mir auch nicht im entferntesten bekannt waren. Sie alle nahmen sich sehr herzlich aus; sie alle waren durchaus sympathisch; und doch –

«Wir sind jung die Welt ist offen...»

Das Wort Offenheit hat einen neuen Geschmack erhalten.

Wieviel Offenheit erträgt die Welt?

Ich weiss, die Frage ist schlecht gestellt. Möglicherweise stammt sie aus der Optik eines ängstlichen Primarschülers. Was schert mich, wer das Datum meines Geburtstag kennt? Was habe ich denn zu verbergen? Arglos wie ich bin, muss ich irgendeinem Händler via Internet sogenannte persönlichen Daten preisgegeben haben, und irgendwie, auf höchst unkrummen Wegen, landeten diese dann bei ...Gratulanten.

Anzeige

Real.com.

Ich erinnere mich ungenau. Ich bin ein begehrlicher Mensch und im Klicken sehr spontan. So vieles war ohne Realplayer nicht abzuspielen gewesen. Download here! Ein paar leere Felder, die gefüllt sein wollen, ein paar Auskünfte. Wer fragt denn wozu. Kreditkartennummer, Geburtsdatum, Geschlecht, Mittel-Initial –

Habe ich Geheimnisse?

Beruflicher Status... Muttersprache... Handy... Ist es nicht herrlich, wie wir uns näherrücken? Konzerne, Individuen, Staaten, gross und klein und dünn und dick und frisch und fröhlich – und vor allem: Atemberaubend schnell! So schnell fast, wie unsere Gedanken sind.

Nein, schneller. Viel schneller.

Lange Zeit bevor Rudolf Luchsinger, mein singender Primarleher, die Offenheit der Welt besang, sann ein griechischer Philosoph über die Klänge des Alls nach. Die Planeten, erklärte er, seien durch eine unhörbare Sphärenmusik miteinander verbunden. Um diese zu erkennen, brauche es allerdings eine eigene Konzentration. Der Geist allein könne sie vernehmen.

Anzeige

Die europäischen Rechtsgelehrten haben sich wohl an dieses liebliche Modell erinnert, als sie den Begriff der Privat-Sphäre schufen. Danach hat jeder Mensch Anspruch auf einen inneren Lebenskreis, der dem Blick der Öffentlichkeit entzogen ist. Ein Recht auf Telefongespräche, die niemand mithört; auf Briefe, die kein Fremder liest; ein Recht auf Wahrung seiner Intimität und seiner privaten Gefühle.

Haben meine unbekannten Gratulanten diese Sphäre verletzt? Wenn dem so wäre, könnte ich sie einklagen? Wo?

Fragen über Fragen. Falls es jemand interessiert: Ich habe am 11.Mai Geburtstag und liebe es grundsätzlich, für mein Dasein beglückwünscht zu werden. (Darf ich wiederholen: 11.Mai.)

Bekanntlich gibt's da aber ärgerlichere Vorkommnisse. Da werden – im Kanton Neuenburg etwa – Krankengeschichten mit intimen Daten im Netz herumgereicht; unzählige Anwälte sind der irrigen Meinung, ein e-mail beuge sich per se ihrer Schweigepflicht; eine Schweizer Grossbank gewährte zehn Tage lang Einblick in allerlei private Daten.

Anzeige

Auf wieviel Datenbanken bin ich registriert? Keine Ahnung. Stimmen die dort gespeicherten Angaben? Keine Ahnung. Wieviele dieser Datenbanken sind untereinander vernetzt? Keine Ahnung! Hätte ich als durchschnittlicher Bürger eine Chance, dies je zu erfahren?

Jetzt wächst eine Ahnung. Sie lautet: Nein.

Wieviel Offenheit erträgt die Welt?

Als ich siebzehn war, tobte die sexuelle Revolution nicht nur in meinem Innern. An den französischen, deutschen, zum Teil auch an Schweizer Universitäten wurde zur Umkehrung aller Werte aufgerufen. Wer sich zur intellektuellen Elite zählte, wusste: Diesen miserablen Zustand des Planeten hatten wir der bürgerlichen Doppelmoral zu verdanken, dieser menschenverachtenden Heimlichkeit, welche das Private unaussprechlich und also zur Gefangenschaft macht.

Das Private ist politisch. Dies war die Devise des damaligen Denkens. Die Mächtigen, die über uns bestimmen, seien krank; so krank wie die Gesellschaft, die ihnen die Macht überliess; unser Handeln sei bestimmt von fremden Strukturen. Das Private ist politisch, und das Politische ist privat: Die 68er Bewegung hatte in der Tat etwas Mystisches. Ob die Pille allein daran schuld war? Die Sexualität als Inbegriff der privaten Sphäre beherrschte jedenfalls die öffentliche Diskussion.

Anzeige

Der Fichenskandal gab der These im spiegelverkehrten Sinne recht. Über Jahrzehnte hatte der wackere Staat das Privatleben der Linken nach verschwörerischen Aktivitäten durchforstet. Von einigen war jede Minuten festgehalten worden – ohne dass sie es bemerkt hätten. Ein Aufschrei der Empörung ging durchs Land.

Wieviel Offenheit erträgt die Welt?

Wie sehr sie sich verändert hat.

Die Datenmengen, die heute gesammelt werden, häufen sich ungleich stiller an, sind ungleich grösser, ungleich schneller durchsuchbar, und sie sind ungleich genauer. Die Laute unseres Staunens müsste Pythagoras' Sphärenmusik eigentlich zum Missklang bringen. Aber nichts regt sich. Das Informatikzeitalter ist jetzt einfach da, und zwar global, und es lässt sich so wenig rückgängig machen wie der Fall der Berliner Mauer, der uns alle ja so verbunden hat.

Anzeige

Oh! Ich hab nichts zu verbergen. Ich hab mich auch schon in einem zwielichtigen Chatraum herumgetrieben. Versehentlich, wie ich betonen möchte. In einer elektronischen Zeitung deponierte einst ich einen absolut seriösen Leserbrief. Ich zeigte Interesse am Kauf eines Powerbooks. Ich mailte einem amerikanischen Freund meine Telefonnummer.

Ich bin ein offener Mensch, wie Sie sehen. Die Frage stellt sich nur: Was fangen andere mit meiner Offenheit an – im Verborgenen, notabene?

In der Schweiz ist der Datenschutz ein Teil des Persönlichkeitsschutzes. Der Staat greift nur in gravierenden Fällen ein, das heisst dann, wenn das Strafrecht tangiert ist: Bei Unrechtmässigkeiten gröberer Art also, wie: Betrug, krasser Ehrverletzung, absichtlicher Datenbeschädigung und so weiter. Der Bedarf nach neuen Gesetzen, die auf das Internet zugeschnitten sind, stehe nicht an erster Stelle, sagen die Iuristen. Die Angelegenheit sei zu kompliziert.

Anzeige

In der Tat: So offen die Welt auch sein mag – sie kennt nur nationale Gesetze. Deren Geltungsbereich ist auf das staatliche Territorium beschränkt. Sobald ein Auslandbezug besteht – und dieser ist im Internet systemimmanent – hat jedes Land seine Kollisionsregelungen, welche regeln, wie wann welches fremde Recht im eigenen Land mit welchen Einschränkungen Geltung habe. Das Argument ist überzeugend. Die Angelegenheit ist wirklich zu kompliziert.

Zum Glück gibt es Dinge, die sich von selbst regeln. Das Beispiel von doublecklick zeigt: Nachdem die federal trade organisation (fto) die Praktiken dieser Firma aufgedeckt hatte, stürzten deren Aktien in die Tiefe. Wo der Ruf beschädigt ist, verstummt auch der Lockruf des Geldes. Die Investoren disponieren um. Die Aktienkurse ersetzen die richterliche Strafe. Die Börsen das hohe Gericht. Recht ist, was – Begehrlichkeiten weckt.

Anzeige

In fünf, zehn Jahren wird sich niemand mehr für die Privatsphäre interessieren, sagte mir kürzlich ein befreundeter Fachmann. Ich nehme ihn durchaus ernst. Und doch kann ihm nicht glauben. Wird innerhalb von wenigen Jahren hinfällig, was über Jahrhunderte als zentrale Errungenschaft galt: Das Private? Werden unsere Surfspuren uns häppchenweise öffentlich, zugänglich, durchschaubar machen? Gewiss: Das Ganze war immer mehr als die Summe seiner Teile. Aber die Details zu meinen Gewohnheiten, meiner Neugier, meinem Wesen, im Netz zerstreut und irgendwo gesammelt, diese Details lassen sich sehr wohl zu einem Ganzen formen. Einem Ganzen, das ich nicht kenne. Es lässt sich unter ganz präzisen Aspekten ausleuchten. Als mein digilitalisiertes Alter-Ego geistert es irgendwo herum – und ich weiss nicht, zu wessen Diensten.

Anzeige

Ich aber gehe davon aus, dass mein Geheimnis ein Teil meiner Würde ist. Und mein Wissen über mich meine Geborgenheit. Sphärenmusik hin – oder her.

Wieviel Offenheit erträgt unsere Welt?

Ok. Ich gebs ja zu. So fürchterlich unterscheiden wir uns nicht voneinander. Was stören kann, ist lediglich dies: Dass mein Nachbar weiss, wie frappant ähnlich wir uns sind.