Per Post kommt der «Gewinnerpass», ausgestellt von der «Stelle für Bargeldgewinnspiele». Mit einem Anruf auf eine 0901-Nummer solle man «vorsorglich den Auszahlungstermin bestätigen». Dies sei nötig, um «Auszahlungsverzögerungen zu vermeiden», schreibt die Wiener Versandhandelsfirma Friedrich Müller an Tausende potenzielle Kunden in der Schweiz.

Reihenweise fallen Gutgläubige darauf herein. Kein Wunder, verstehen doch nur Juristen das Kleingedruckte, wonach entgegen dem ersten Eindruck eben doch kein Gewinn garantiert ist. Konkret: Gewinner ist einzig das Unternehmen, denn der Anruf kostet Fr. 4.99 pro Minute.

Die Erfahrung der teuren Art machte Ruth Kohler aus St. German VS. «Ab Band redete ein Herr minutenlang belangloses Zeug, während mein Gebührenzähler tickte.» Als sie aufgefordert wurde, eine auf dem «Pass» angegebene «Gewinnnummer» einzutippen, klappte das mehrmals nicht. Schliesslich wurde die Verbindung unterbrochen - auf der Telefonrechnung schlug der erfolglose Anruf mit Fr. 66.80 zu Buche. «Es ist eine Sauerei, den Leuten auf diese Weise das Geld aus der Tasche zu ziehen», sagt Kohler - und entsorgt solche Briefe jetzt konsequent im Altpapier.

«Weisse Lilien oder orange Gerbera?»
Als der Beobachter die Probe aufs Exempel macht, zeigt sich immerhin eine kabarettistische Note. Auszüge aus dem Anruf:

Zählerstand Fr. 1.80: «Herzlich willkommen bei Friedrich Müller. Sie sprechen mit Hubert Einfalt, dem Gewinn-Juror von Friedrich Müller.»

Fr. 5.60: «Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Ihnen der Gewinn von 15'000 Franken, 30'000 oder gar 75'000 Franken gerade recht kommt. Es geht also um insgesamt 120'000 Franken, unglaublich viel Geld, nicht wahr?»

Fr. 13.90: «Ich freue mich wirklich sehr, dass ich diese Geldübergabe noch vor meinem Sommerurlaub erledigen kann.»

Fr. 30.10: «Also, atmen Sie noch einmal tief durch, denn gleich gehts los!»

Fr. 60.10: «Sprechen Sie jetzt bitte, nach dem Signalton, langsam Ihren Namen aufs Band.»

Fr. 80.50: «Würde Ihnen denn eine Gewinnübergabe am 18. Juli um 15 Uhr passen? Sind Sie dann zu Hause? Wenn nicht, wäre das doch eine Katastrophe, und ich wäre schon sehr verärgert, wo ich doch den weiten Weg aus Wien in Ihr schönes Städtchen machen muss.»

Fr. 100.30: «Wenn Sie anlässlich der Gewinnübergabe lieber weisse Lilien erhalten möchten, drücken Sie nach dem Signalton bitte die Taste eins. Wenn Sie lieber rote Rosen möchten, drücken Sie bitte die Taste zwei. Oder wenn Sie am liebsten orange Gerbera möchten, drücken Sie jetzt bitte die Taste drei.»

Fr. 108.40: «Rein aus statistischen Zwecken möchte ich Sie noch fragen, wie Sie das viele Geld anlegen werden. Wenn Sie Möbel kaufen möchten, drücken Sie die Taste eins, wenn Sie auf eine Kreuzfahrt gehen, drücken Sie Taste zwei, und wenn Sie das Geld aufs Sparbuch legen, Taste drei.»

Fr. 112.30: «So, wir kommen langsam zum Ende unseres netten Gesprächs.»

Fr. 121.30: «Tippen Sie also bitte nach dem Signalton Ihre Telefonnummer samt Vorwahl ein.» (Obwohl keine Eingabe erfolgt, fährt das Band weiter:) «Ich bedanke mich bei Ihnen. Sie machen das wirklich prima!»

Fr. 131.50: «Bis zur Geldübergabe dauert es zwar noch ein bisschen, aber Sie wissen ja: Gut Ding will Weile haben. Ich drücke Ihnen jedenfalls ganz fest die Daumen! Es war mir ein ausserordentliches Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen.»