Ohne viel zu tun, haben Sie ein Leben lang ein Einkommen»: Was Walter T. erzählt, klingt verlockend. In einem Säli im Restaurant Albisriederhaus in Zürich versucht der etwa 50-Jährige mit Brille und Goldkettchen am Arm den drei Zuhörern das Prinzip des Multi-Level-Marketings zu erklären. Folie um Folie legt er auf den Hellraumprojektor – es geht viel zu schnell, als dass einer wirklich versteht, worum es geht.

Von immer mehr Handyanschlüssen ist die Rede, von einem Milliardenmarkt, den wir dank erstklassiger Organisation im Nu aufrollen würden. Von flexiblem Zeiteinsatz, von Führungsaufgaben erzählt er. Einzig ein Computer mit Internetanschluss müsse zu Hause stehen. Damit sollen wir 4000 E-Mails pro Monat verschicken, um bei potenziellen Kunden für Herbatel zu werben, zuerst in Deutschland, «in zwei bis drei Monaten dann auch in der Schweiz: Wir verschenken 600-fränkige Natels, wenn sich die Leute für ein Zwölf-Monats-Abo verpflichten.»

Und das ist noch nicht alles: Bei Vertragsabschluss gibts eine einmalige Vermittlerprovision von zehn Franken plus lebenslang 2,75 Prozent von der Telefonrechnung der angeworbenen Kundschaft. Wer dann noch in der Hierarchie vorrückt und neue Beraterinnen und Berater unter sich hat, komme nach einem halben Jahr, so Walter T., «100-prozentig auf mehr als 10'000 Franken monatlich».

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Eine tolle Sache, dieses Herbatel. Nur: Bereits letzten Herbst warnte der Beobachter davor, dass das angebliche Telekommunikationsangebot des Ernährungszusatzvertriebs Herbalife wohl nie funktionstüchtig sein wird (Nr. 18/99). Und inzwischen hat sogar die Herbalife-Zentrale im deutschen Weiterstadt ihre Schweizer Berater schriftlich aufgefordert, die Propaganda für das Herbatel-Projekt vorläufig zu stoppen.

Ohne Wirkung: Landauf, landab suchen eifrige Herbalife-Berater per Kleininserat und E-Mail Interessenten für einen «lukrativen Nebenverdienst in der Telekommunikation». Im Internet findet sich auch eine Liste mit den vorgesehenen Tarifen, ja sogar Ansteckpins mit Lämpchen und Herbatel-Schriftzug werden hergestellt.

Alles Humbug. Mobiltelefone verschenken macht bloss dann Sinn, wenn Herbatel auch ein Handynetz hätte. Doch dafür haben in der Schweiz nur Swisscom, Diax und Orange eine Konzession. Walter T. kümmert das nicht: «Der Vertrag mit der Swisscom ist unterschrieben, einzig das Bakom macht noch Ärger wegen der Mehrwertsteuerabrechnung», erklärt er den verwunderten Zuhörern. Merkwürdig bloss: Weder bei der Swisscom noch beim Bundesamt für Kommunikation (Bakom) weiss man etwas von einem solchen Vertrag.

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Vom Beobachter auf die Widersprüche angesprochen, winden sich Walter T. und sein Chef Rudolf Fischer, Mitglied des Presidential-Teams und einer der ranghöchsten Herbalife-Vertreter in der Schweiz: Der Handymarkt sei «bloss ein Ziel», vorrangig gehe es um Festnetztelefonie.

Das wäre möglich. Die Herbalife-Partnerfirma Primus Telekommunikation in Zug hat einen Vertrag mit Catel, die wiederum ein Zugangsrecht aufs Swisscom-Netz besitzt. Bloss: Primus-Direktor Allan Dalcher reagiert ganz überrascht auf die Anfrage des Beobachters: «Von den Herbalife-Leuten habe ich seit mindestens einem halben Jahr nichts mehr gehört.»

Bern untersucht
Dazu kommt: Bei täglich schrumpfenden Margen lässt sich in diesem Business für neue Anbieter fast kein Geld verdienen. Das räumt Rudolf Fischer sogar selber ein. «Mit Herbatel, sollte es je einmal funktionieren, wird niemand reich.» Der Herbatel-Berater erhält als Umsatzbeteiligung von einem Kunden mit einer Durchschnittsrechnung von 100 Franken monatlich nur gerade Fr. 2.75 – alles andere als ein lukrativer Nebenverdienst.

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Aber Fischer betreibt ein Doppelspiel: Im Gespräch mit dem Beobachter schraubt er die Erwartungen herunter, den Interessenten aber gaukelt er vor: «Wir werden damit (…) einen unglaublichen Erfolg haben.» Und an den Werbeveranstaltungen beschwört Walter T. die Zuhörer: «Mit diesem Superangebot "tätschen" wir auf den Schweizer Markt.» In einem E-Mail heisst es verlockend: «Sie bestimmen das Einkommen, ob Sie 1000 oder 10'000 Franken oder mehr im Monat verdienen möchten.»

Angesichts dieser Widersprüche ist auch das Bundesamt für Polizeiwesen (BAP) auf Herbatel aufmerksam geworden. Schon letzten Sommer schickte es den Herbalife-Anwälten eine Fragenliste, und am 11. Januar trabte Christophe Thomann, Herbalife-Vizepräsident für Westeuropa, einmal mehr beim BAP an. Umstritten ist vor allem, ob das schneeballähnliche Multi-Level-Marketing-System im Telekommunikationsgeschäft erlaubt ist. Aufschlussreich ist jedenfalls, wer sich beim BAP mit Herbalife beschäftigt: die Sektion Glücksspiel.

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Herbalife beschwichtigt
Die Recherchen des Beobachters lösten in der deutschen Herbalife-Zentrale hektische Betriebsamkeit aus. Christophe Thomann und Heinz-Dieter Stops, Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz, eilten flugs nach Zürich, um wortreich eine einzige Botschaft zu überbringen: «Herbatel wird bis auf weiteres in der Schweiz nicht angeboten. Wenn unsere Berater dafür werben, verstossen sie gegen die Richtlinien und riskieren den Ausschluss.»

Es gebe allerhöchstens ein Prozent «schwarze Schafe» in ihrer Organisation, sagen Thomann und Stops, erklären aber gleichzeitig, dass sie bereits mindestens 17 Schweizer Herbalife-Berater schriftlich verwarnt hätten. Offiziell ist das Herbatel-Schweiz-Projekt also seit letztem Herbst gestoppt; es gibt keine Verhandlungen mit der Swisscom. Doch woher dann die Berater die Preislisten oder das Mehrwertsteuerproblem mit dem Bakom haben, ist auch den Chefs ein Rätsel: «Das muss alles frei erfunden sein», wiegeln sie ab.

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Oder preisen die Berater Herbatel mit Duldung der Zentrale an? Eine Erklärung dafür wäre, dass dank dem Schlagwort Telekommunikation neue Bevölkerungsschichten für Herbalife gewonnen werden können. Für Herbalife-Boss Stops ist dieser Vorwurf absurd: «Weil wir eine Rückgabegarantie für unsere Produkte abgeben, käme es uns viel zu teuer, mit unmotivierten Beratern zusammenzuarbeiten.»

Herbalife-Berater Mario F. ist da anderer Meinung: «Hätte ich von Anfang an gewusst, dass es vor allem um den Verkauf von Ernährungspülverchen und Kosmetika geht, hätte ich nie mitgemacht.» Statt Telefonminuten verkauft der technisch interessierte Kaufmann jetzt Haarshampoo und Lippenstifte.