Es ist sieben Uhr morgens. Erika Zweifel steht auf einem Parkplatz und wartet auf einen Reisecar, der sie zu einer Gewinnübergabe am Bodensee bringen soll. Vor drei Wochen hat die Rentnerin aus Trimmis bei Chur einen Brief erhalten, in dem die IGT GmbH mit Sitz in Salzburg beschwört, sie habe sich bei der Firma Gewinn-Service für Erika Zweifel stark gemacht: «Wir schreiben alle Geschädigten an, die Gewinnmitteilungen von der Firma Gewinn-Service bekommen und den versprochenen Gewinn nicht erhalten haben. Wir konnten bei der Abwicklung dieser Firma für Sie eine angemessene Summe realisieren.» Klingt nett, eine noble Geste. Doch Erika Zweifel ist kritisch. «Ich weiss nicht, ob ich die versprochenen Fr. 937.52 erhalte», sagt sie, «aber ich bin wirklich gespannt, wie die sich da herausreden.»

Geschlagene vier Stunden später ist die mühsame Fahrt ins 175 Kilometer entfernte deutsche Volkertshausen geschafft. Warum der Anlass einer österreichischen Firma mit Zweigniederlassung im Raum Zürich in Deutschland stattfindet, können auch die drei Gewinnüberbringer Marco, Thomas und Max nicht plausibel erklären.

Statt Bargeld gibts ein «Travelkonto»

Um so gewandter dafür ihre Ausführungen zum Gewinn. Das Guthaben könne nicht bar ausbezahlt werden, erklären die drei, sondern werde einem sogenannten Travelkonto gutgeschrieben. Praktisch – denn wie es der Zufall will, bietet ihre Firma IGT Seniorenreisen an: fünf Tage Südfrankreich für 679 Franken, acht Tage Dalmatien für 998 Franken. Innerhalb von 20 Minuten stellt Marco vier Reisen im Schnellverfahren vor. Den Umstand, dass die Reisen teilweise erst in über einem Jahr stattfinden, bezeichnet er als «branchenüblich».

Dann endlich naht der grosse Moment für Erika Zweifel. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, will direkten ­Sichtkontakt zu Marco herstellen, denn nun gehts an die Gewinnübergabe. Oder doch nicht? Nicht ganz: Der Gewinn kann nämlich nicht beliebig für Reisen investiert werden. Vielmehr ist es die Firma IGT, die den Gewinnern vorschreibt, wie viel Geld pro Reise maximal vom Travelkonto bezogen werden darf. So gibt es für die Südfrankreich-Reise gerade mal einen Rabatt von 200 Franken.

Damit noch nicht genug. Denn jetzt verwandelt sich Gutmensch Marco doch zum aufdringlichen Kaffeefahrten-Vertreter. Ein vermeintlicher Gewinner nach dem anderen wird von ihm aufgerufen: «Wollen Sie eine der tollen Reisen buchen? Nicht? Dann kann ich Ihnen auch nicht mehr helfen. Ihr Guthaben ist somit erloschen.»

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Kaffeefahrt? Nein, Lagerverkauf

Als die ersten schliesslich ihren Vertrag unterzeichnen, zeigt sich: Es fehlen sämtliche Detailangaben. Diese würden noch aus­gearbeitet, erklärt Max. Wer unterschreibt, weiss nur, dass er vier Übernachtungen in Ungarn gebucht hat – ob in der Jugendherberge oder im Fünfsternehotel, bleibt offen. Max beschwichtigt: «Alle Hotels haben zwischen drei und vier Sterne.» Schwarz auf weiss steht das nirgends. Auch auf die direkte Nachfrage des Beobachters bei der IGT GmbH wollen die Verantwortlichen keine Stellung zu den mangelhaften Verträgen nehmen.

Nach der Gewinnübergabe folgt dann doch noch ein plumper Verkaufsanlass. «Das hier ist keine Kaffeefahrt», gluckst Thomas. Es handle sich um einen Lagerverkauf mit neuen und hochwertigen Produkten. Marco preist eine Stereoanlage mit Kassettenrekorder, die altbekannte Magnet­felddecke und einen Pandaplüschbär als innovativ und hochwertig an.

Erika Zweifel hat unterdessen die Hoffnung auf eine Gewinnauszahlung begraben. Doch die Kaffeemaschine, die im Brief der IGT GmbH versprochen wird, die müss­ten sie doch rausrücken, findet die Rentnerin. Tatsächlich: Zum Ende der Veranstaltung wird eine «Express-Kaffeemaschine» verteilt: eine einfache Kanne mit Filteraufsatz und beheizbarem Unterboden. Zudem passt der Stecker nicht einmal in Schweizer Steckdosen. Wer das Geschenk also benutzen möchte, muss sich zuerst einen Adapter kaufen, dessen Kosten wohl den Wert des Geräts übersteigen.

Als Belohnung für sechs Stunden Sitzen und Warten kommt dann die Rechnung des Restaurants. Einige Rentner schauen fragend in die Runde, tippen ihren Nachbarn an. Stand im Brief nicht etwas von «Gratis-Frühstück und Mittagessen»? Marco zitiert aus der Einladung: Es werde «kostenloses Frühstück organisiert. Mittagessen darf bei solch einem Event natürlich auch nicht fehlen.» Er verstehe nicht, weshalb sich die Gäste nicht über das Gratis-Frühstück freuen könnten, sondern nun auch noch ein Mittagessen forderten, entrüstet sich Marco.

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