Pünktlich mit dem ersten Schneefall rollt meist auch eine Beschwerdewelle durch die Schweiz: «Drei Zugausfälle in einer Woche!», «Ist es zu viel verlangt, eure Züge zu heizen?» und «Ich habe heute schon wieder den Anschlusszug verpasst», klagten Passagiere in der vergangenen Woche auf der Facebook-Seite der SBB.

Um die Rechte der Passagiere zu stärken und die Regelungen innerhalb von Europa anzunähern, verabschiedete der Bundesrat am Mittwoch die Vorlage «Organisation der Bahninfrastruktur (OBI)», welche nun ins Parlament kommt.

So sollen Passagiere entschädigt werden

Die Vorlage fordert, dass Reisende zukünftig zwingend über Verspätungen und Ausfälle informiert und auf die folgenden Rechte hingewiesen werden:

Rückerstattung

Ist der Zweck der Reise wegen Verspätung oder Ausfall nicht mehr zu erfüllen, gibt es folgende Möglichkeiten:

  • Wer vor Antritt der Reise von dieser zurücktritt, erhält den vollen Preis retour.
  • Wer bereits unterwegs ist, kann vor Erreichen des Zielorts gratis zurückfahren und erhält den vollen Fahrpreis. Dies gilt zum Beispiel beim Ausfall eines Anschlusszugs oder wenn der Zug aus technischen Gründen nicht weiterfahren kann.
  • Wer auf die Weiterreise verzichtet, erhält einen Anteil des Fahrpreises erstattet.


Beispiel:
Für einen Geschäftstermin kauft ein Churer ein Zugbillett nach Basel. In Zürich erfährt er, dass sein Anschlusszug ausfällt, wodurch er den Termin nicht wahrnehmen kann. Reist er nun direkt nach Chur, bekommt er sein Geld zurück. Bleibt er für andere Aufgaben in Zürich, wird nur ein Anteil des Billetts erstattet.

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Einige Unternehmen, darunter die SBB, setzen diese Praxis bereits heute um. «Unser Ziel ist es, dass die gesetzlich festgelegten Forderungen in Zukunft für alle Zug- und Busunternehmen gelten», erklärt Gregor Saladin, Mediensprecher des Bundesamts für Verkehr.

Entschädigung

Wenn der Zug zwar verspätet ist, den Reisenden aber dennoch ans Ziel bringt, hat dieser keinen Anspruch auf eine Rückerstattung. Verspätet sich der Zug stark, kann es eine Entschädigung geben: Bei Verspätungen über einer Stunde erhält der Betroffene mindestens 25 Prozent des Billettpreises, bei Verspätungen von über zwei Stunden die Hälfte des Betrages. Das dürfte nicht oft vorkommen: «Wir rechnen mit Kosten von circa einer halben Million Franken über alle Unternehmen hinweg», bestätigt Gregor Saladin.

Von grösseren Verspätungen betroffen sind vor allem internationale Züge. Die Vergütung wird in solchen Fällen von demjenigen Bahnunternehmen übernommen, bei welchem das Billett gekauft wurde – auch wenn die Verspätung durch ein anderes Unternehmen entstanden ist.

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Einschränkungen

  • Wer ein GA oder ein Verbundabo besitzt, wird nicht entschädigt. Einerseits lassen sich die Kosten einer bestimmten Fahrt schwer berechnen, andererseits kann ein nachvollziehbarer Nachweis ohne Ticket selten erbracht werden.
  • Entschädigungen werden erst ab einem Mindestpreis bezahlt, welcher der Bundesrat noch festlegen muss.


In weiteren Punkten der Vorlage fordert der Bundesrat eine Beschwerdestelle, mehr Stauraum für Velos in Bussen und Zügen sowie einen finanziellen Vorschuss für die Angehörigen bei Verletzung oder Tod eines Fahrgastes. Zu den Forderungen wollten sich die SBB auf Anfrage des Beobachters nicht äussern: «Wie üblich mischen wir uns nicht in laufende politische Geschäfte ein», so Mediensprecher Oli Dischoe.

Diese Rechte haben Betroffene schon jetzt

Auch heute haben Passagiere der SBB schon ein Recht auf Entschädigung, allerdings nur, wenn sie durch eine Verspätung oder einen Zugausfall den letzten Anschluss verpassen. In solchen Fällen organisiert das Unternehmen ein Taxi oder bezahlt eine Übernachtung, die den Betrag von 150 Franken pro Person nicht übersteigt. Des Weiteren können auf freiwilliger Basis «Sorry-Checks» über 10 Franken (2. Klasse) beziehungsweise 15 Franken (1. Klasse) verteilt werden. Aber Achtung: Ausbezahlt wird die Entschädigung nur, wenn die Verspätung von der SBB direkt verschuldet wurde. Unwetter oder Personenunfälle sind davon ausgenommen. Ein solcher Haftungsausschluss würde voraussichtlich auch für die neue Regelung gelten, so Gregor Saladin.

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Obwohl der Bundesrat von einer Verbesserung der Passagierrechte spricht, dürften die Forderungen keine grossen Veränderungen für die Reisenden zur Folge haben: «Neu ist vor allem die Entschädigung bei Verspätungen von mehr als einer Stunde», erklärt Beobachter-Experte Michael Krampf. Solche kämen wegen des dichten Streckennetzes aber selten vor. «Ausserdem werden die Entschädigungen aufgrund der kurzen Strecken nicht gerade hoch sein. Deshalb werden die wenigsten sich überhaupt die Mühe machen, Geld einzufordern.»