Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten, zum Vierten – zum fünften Mal in Folge gewinnen die Internetabzocker den Prix Blamage, zum fünften Mal in Folge verursachen die dreisten Geschäftemacher die meisten Klagen beim Beobachter-Beratungszentrum. Und die Flut reisst nicht ab: Waren es 2006 noch 1058 Anfragen, haben sich dieses Jahr bereits 1748 Personen telefonisch oder per E-Mail beim Beobachter über das Geschäftsgebaren der Internetabzocker beschwert (siehe Rangliste). Hinzu kommen mehr als 4000 Leute, die das entsprechende Beratungsangebot auf der Beobachter-Internetplattform HelpOnline abfragten.

Zur Erinnerung: Über Suchmaschinenanfragen und Links lotsen unseriöse Anbieter arglose Internetsurfer auf ihre Website und locken mit vermeintlichen Gratisangeboten – von Gedichtesammlungen über Routenplaner bis hin zu Adventskalendern. Wer sich dort mit Name und E-Mail-Adresse registriert, erhält wenig später eine Rechnung über rund 100 Euro, weil man angeblich ein Abo abgeschlossen habe. Stossend daran ist erstens, dass die Kosten absichtlich versteckt werden, und zweitens, dass es die für den «Abopreis» gebotenen Inhalte auf vielen anderen Internetseiten gratis gibt.

Mehr als 500 Websites sind dem Beobachter bekannt, die nach diesem Geschäftsmodell funktionieren, und die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Hinter den Abzocker-Sites stecken zwar verschiedene Firmen, viele davon sind aber miteinander verflochten. Deshalb zählen wir diese Anfragen für die Prix-Blamage-Statistik zusammen. Ohnehin wechseln die Firmennamen, Adressen und sogar die angeblich verantwortlichen Geschäftsführer für gewöhnlich in rascher Folge.

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Cablecom und Sunrise geloben Besserung

Der Beobachter rät Betroffenen, die Forderung zuerst schriftlich zu bestreiten, weil wegen der täuschenden Aufmachung gar kein Vertrag zustande gekommen ist, und anschliessend nicht mehr auf Droh-Mails zu reagieren. Zahlen muss man nicht: Die Abzocker haben hierzulande noch nie versucht, eine solche Forderung gerichtlich einzutreiben. Keiner der angefragten Abzocker wollte gegenüber dem Beobachter eine Stellungnahme abgeben, niemand den «Prix Blamage» entgegennehmen. So bleibt die «Goldene Gurke»-Skulptur ein weiteres Jahr auf der Beobachter-Redaktion stehen.

Verglichen mit den Internetabzockern stehen zwar die restlichen Firmen in Sachen Beschwerden deutlich besser da, zu vernachlässigen sind die stetig steigenden Zahlen aber dennoch nicht. Das gilt insbesondere für die Cablecom, die Jahr für Jahr Besserung gelobt. Für Cablecom-Sprecher Marc Maurer ist unverständlich, dass sich immer noch so viele Konsumenten beschweren. Umfragen hätten eine höhere Kundenzufriedenheit ergeben, die ans Unternehmen selbst gerichteten Beschwerden seien deutlich rückläufig. Laut Maurer entfällt zudem bald ein häufiger Klagegrund: Cablecom fesselt unzufriedene Kunden nicht mehr länger an sich. Für digitale Produkte entfällt die automatische Vertragsverlängerung um ein Jahr, die Kündigungsfrist wird auf zwei Monate verkürzt.

Ein kleiner Trost für unzufriedene Cablecom-Kunden: Die Konkurrenz holt auf. Die Zahl der Klagen über Sunrise ist mittlerweile fast gleich gross wie bei Cablecom. Am unzufriedensten sind die Kunden mit der Verbindungsqualität, dem Chaos bei der Rechnungsstellung sowie bei monatelangen Verzögerungen bei Umschaltungen und Nummernportierungen. Sunrise-Sprecherin Sevgi Gezici erklärt dies mit steigenden Kundenzahlen. Sunrise habe deshalb im Kundendienst mehr Personal eingestellt und die Antwortzeiten an der Hotline verkürzt.

Talk Easy: «Bedauerliche Einzelfälle»

Gegenüber dem Vorjahr gar mehr als verdoppelt hat sich die Anzahl Beschwerden über Intrum Justitia. Sie bedient sich unzimperlicher Inkassomethoden – selbst wenn die Forderungen gar nicht berechtigt sind. Wegen der Finanzkrise habe sich die Anzahl der Inkassofälle «stark erhöht», sagt dazu Intrum-Sprecher Sascha Brombois.

Auf Platz fünf der Beschwerdestatistik liegt Talk Easy. Eigentlich ein unbedeutend kleiner Telefonanbieter, der jedoch mit aggressiven Anwerbemethoden die potentielle Kundschaft scharenweise verärgert. Vor allem ältere Menschen werden telefonisch zu einem Vertrag überredet – oder gar gegen ihren Willen zu «Kunden». Talk Easy hat geschätzt zehnmal weniger Kunden als Sunrise, ist aber für annähernd so viele Beschwerden verantwortlich. Talk Easy kann auf Anfrage des Beobachters die hohe Zahl der Beschwerden «nicht nachvollziehen», es müsse sich um bedauerliche Einzelfälle handeln. Die Statistik spricht indes eine andere Sprache.

Weitere Infos: Eine Liste der Abzocker-­Websites sowie Rat bei ­Problemfällen erhalten Sie unter www.beobachter.ch/abzockerwebsites oder beim ­Beobachter-Beratungszentrum.