Was haben Bastelfreaks mit Astrologiefans gemeinsam? Und SMS-Süchtige mit Schulkindern, die Hilfe bei den Hausaufgaben brauchen? Und lehrstellensuchende Jugendliche mit Musikliebhabern, die einen Songtext suchen? Sie alle landen im Internet im Nu auf einer von Dutzenden Websites der Gebrüder Andreas und Manuel Schmidtlein aus Deutschland. Dort registrieren sie sich für ein auf den ersten Blick kostenloses Schnupperangebot - doch wenige Wochen später flattern Rechnungen, Mahnungen und schliesslich ein Schreiben des Rechtsanwalts Olaf Tank aus Osnabrück in ihren Briefkasten. Angeblich hätten die Empfänger einen Abovertrag abgeschlossen für die Nutzung von Websites wie zum Beispiel hausaufgaben-heute.com oder songtexte-heute.com. Das koste sie monatlich sieben Euro bei einer Mindestdauer von zwei Jahren, also mindestens 268 Franken. Wer nicht bezahlt, dem droht Anwalt Tank mit Ermittlungen und strafrechtlichen Konsequenzen.

617 Anfragen von verunsicherten Konsumenten gingen bis Ende Jahr beim Beobachter-Beratungszentrum dazu ein. Nach fast dem gleichen Prinzip funktioniert die Homepage simsen.de der Firma Verimount aus Dubai mit Zweigstelle in Wien: Aus vermeintlich 100 Gratis-SMS wurde bei Nutzern flugs ein Jahresabo für umgerechnet 135 Franken (derzeit sind keine Neuanmeldungen möglich).

Zählt man die 271 Beschwerden zu simsen.de und jene zu ähnlichen Anbietern hinzu, kommt man auf sage und schreibe 1058 Reklamationen - eine wahre Flut und auf jeden Fall das Thema, das die Beobachter-Leserinnen und -Leser im letzten Jahr am meisten beschäftigte, wie die Statistik des Beratungszentrums zeigt (siehe «Die Flop 5»). «Die Anbieter machen Geschäfte mit der Unaufmerksamkeit der Internetnutzer, die das Kleingedruckte übersehen», ärgert sich Beobachter-Expertin Gabriela Baumgartner. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» schätzt den Umsatz, den die Gebrüder Schmidtlein mit dem dubiosen Angebot machen, auf mehrere Millionen Euro.

Weder die Gebrüder Schmidtlein noch Verimount-Geschäftsführer Valentin Fritzmann wollten den Spitzenplatz in der alljährlichen Beobachter-Flopstatistik kommentieren. Also wiederholen wir an dieser Stelle den Ratschlag, was zu tun ist, wenn ein Schreiben von Rechtsanwalt Olaf Tank im Briefkasten liegt:

  • Ist die Rechnung an ein minderjähriges Familienmitglied adressiert, berufen Sie sich per Einschreibbrief darauf, die betreffende Person sei noch gar nicht vertragsfähig. Weil Sie als Eltern den Vertragsabschluss nicht ausdrücklich genehmigt hätten, sei dieser ungültig (selbst wenn der Minderjährige ein falsches Geburtsdatum eingegeben hat).
  • Handelt es sich um eine volljährige Person, bestreiten Sie - ebenfalls eingeschrieben - die Forderung und machen geltend, Sie hätten weder mit Wissen noch mit Wollen einen kostenpflichtigen Dienst beanspruchen wollen.
  • Wahrscheinlich werden Sie dennoch weitere Mahnschreiben erhalten, die Sie am besten unbeantwortet lassen.
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In Deutschland sind Tausende von Strafanzeigen hängig. Und in der Schweiz raten mehrere Polizeistellen dazu, sich durch die offiziell aussehenden Schreiben nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und vor allem nicht zu bezahlen. «Dies auch dann nicht, wenn Inkassobüros oder von den Anbietern eingesetzte Anwälte mit rechtlichen Schritten drohen», rät das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Deutsch und deutlich: Nach Schweizer Recht sind Verträge, die auf einer Täuschung des Käufers beruhen, anfechtbar. Obwohl Olaf Tank und Co. Zigtausende von Mahnungen verschicken, wurde bisher nach Kenntnis des Beobachters noch nie eine Betreibung eingeleitet. Kein Wunder, denn dann müssten die Firmen den Nachweis erbringen, dass tatsächlich ein rechtsgültiger Vertrag zustande gekommen ist.

Die Beschwerdewelle zum Thema Internetabzockerei heisst für die Flopstatistik des Beobachters: Die Cablecom kann ihren zwei Jahre lang unangefochtenen ersten Platz an die Gebrüder Schmidtlein abgeben. Mit 379 Beschwerden folgt die Kabelnetz-, Internet- und Telefonanbieterin aber immer noch auf Rang zwei. Vor allem das verschlechterte Angebot im analogen Fernsehkabelnetz regte Herrn und Frau Schweizer auf. Aber auch zahlreiche Reklamationen zu fehlerhaften Digital-Phone-Installationen sowie zu Hispeed-Internet-Verträgen für Orte, wo dieses Angebot gar nicht verfügbar ist, belegen, dass die Cablecom ihren Kundendienst noch immer nicht im Griff hat. «Cablecom verzeichnete im vergangenen Jahr 56 Prozent weniger Reklamationen, während die Kundenzahl gleichzeitig deutlich gestiegen ist», entgegnet Mediensprecher Martin Wüthrich. 2006 sei der Kundendienst personell ausgebaut und die Ausbildung der Mitarbeitenden verbessert worden, für 2007 seien zusätzliche Stellen bewilligt, so Wüthrich.

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Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgen mit Tele2, Sunrise und Swisscom drei weitere Telekomfirmen. Dass diese Branche die Beschwerdestatistik anführt, überrascht Konsumentenschützerin Jacqueline Bachmann überhaupt nicht. «Der starke Verdrängungskampf in dieser Branche führt zwar zu sinkenden Preisen, aber auch zu einem schlechten Service», beobachtet die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Und auch die bei allen Telekomfirmen kundenfeindlich formulierten allgemeinen Geschäftsbedingungen seien mitschuldig an der Beschwerdeflut. «Würden die Anbieter mehr in den Kundendienst investieren, könnten sie endlich etwas gegen ihren schlechten Ruf unternehmen», rät Bachmann.

Interessant auch ein Blick auf die Beschwerdestatistik zu kleineren Firmen, die - gemessen an ihrer geringeren Kundenzahl - überdurchschnittlich oft zu Reklamationen Anlass geben. Wie bereits im letzten Jahr sticht die Firma B & P Dienstleistungen GmbH aus Zürich hervor, die hinter dem weitgehend nutzlosen Internet-Branchenverzeichnis «ch-telefon.ch» steht. 136 Beobachter-Leser fühlten sich 2006 als Opfer dieser Firma.

Mit 74 Beschwerden ebenfalls sehr negativ fällt die Business Academy auf. Im Strukturvertrieb verkaufen deren Agenten überteuerte Weiterbildungsangebote an junge Leute und kassieren hohe Provisionen. Zwar wurde einer der Verkäufer erstinstanzlich wegen Verstosses gegen das Lotteriegesetz verurteilt; doch die Business Academy GmbH macht offenbar einfach unter neuem Namen weiter: Einen Tag vor dem Gerichtstermin liess sie im Handelsregister eine Statutenänderung eintragen und nennt sich jetzt Fairpay GmbH. Nomen ist eben nicht immer Omen.

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Zu diesen fünf Firmen registrierte das Beobachter-Beratungszentrum im Jahr 2006 am meisten Anfragen und Beschwerden.

Gebrüder Schmidtlein 617*
Cablecom 379
Tele2** 327
Sunrise 310
Swisscom 286
*alle vergleichbaren Anbieter zusammen: 1058
**inklusive Econophone