Alles fing ganz harmlos an. Ein Freund überredete mich zu einem Seminar in einer mir bis anhin unbekannten Beratungsfirma mit Sitz bei Luzern. Er wusste, dass ich seit kurzem arbeitslos war und einen neuen Job suchte. «Ohne jegliche Verpflichtungen kannst du danach in Kürze viel Geld verdienen», versprach er mir. Weitere Details wollte er nicht verraten, obwohl er schon seit einiger Zeit für die Firma arbeitete. Ich müsse einfach zu einem Gespräch nach Bern kommen: «Dort erfährst du mehr.»

Treffpunkt war die Bar im «Schweizerhof». Ich war selten in einem so noblen Hotel gewesen und staunte: Im Hintergrund spielte diskret ein Pianist, und mein Freund – der bisher Krawatten verabscheut hatte – erschien im Anzug. Zu meinem Erstaunen war er in Begleitung eines ebenso schick gekleideten Verkaufsmanagers. Als ich dessen Goldschmuck sah, dachte ich sofort: «Das ist ein Mafioso.»

Im Kreis von Auserwählten
Ich brannte darauf, das Geheimnis des schnellen Reichtums zu erfahren, wagte aber nicht vorzuprellen. Zu meiner Enttäuschung führten wir ein völlig belangloses Gespräch. Uber die Firma und den lukrativen Job wurde mir nichts mitgeteilt. Der Manager fragte mich nur, ob ich Führungsqualitäten besitze und nicht vorbestraft sei. Alles war sehr mysteriös. Das musste ja eine ganz spezielle Tätigkeit für wenige Auserwählte sein! Ich fühlte mich geschmeichelt, war geblendet von der Idee, viel Geld zu verdienen. So willigte ich ein für ein 150 Franken teures Einstiegsseminar.

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Es fand drei Tage später an einem Sonntag in einem Seminarhotel in Regensdorf ZH statt. Um zehn Uhr morgens. Ich musste mit Krawatte erscheinen. Jeans oder Lederkleidung waren verboten. Zutritt hatte zudem nur, wer einen Gastgeber hatte – für mich war es mein Freund. Dieser sass den ganzen Tag neben mir, um zu verhindern, dass ich mit einem anderen der rund hundert Teilnehmer frei sprechen konnte. Hinten im Saal beobachteten einen weitere Firmenvertreter, vorn stand der Referent. Es war unheimlich.

Ein Strahlemann stellt sich vor
Jeder Referent wurde von den Gastgebern mit frenetischem Klatschen begrüsst und manchmal gar mit einer Standing Ovation verabschiedet. Das war mir zwar völlig zuwider, doch wagte ich nicht, aus der Masse auszuscheren. Also machte ich mit.

Es war eine reine Unterhaltungsshow mit Suggestivfragen ans Publikum: Wer möchte ein neues Auto? Wer will in die Karibik? «Schon nach 90 Tagen kann jeder von Ihnen Verkaufsmanager sein, monatlich 20'000 Franken verdienen, mit einem Mercedes oder BMW herumfahren.» Dann wurde der angeblich erfolgreichste Berater «präsentiert»: Ein junger ehemaliger Maurer. Ein Strahlemann im piekfeinen Anzug, überzeugt von sich und der Sache. Ein lebendes Symbol des Erfolgs. Frenetischer Applaus.

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Auf das Erfolgsrezept wurde nur kurz eingegangen: Es galt, Banken- und Versicherungsprodukte zu vermitteln und gleichzeitig neue Berater anzuwerben. Hausbesuche – die ich verabscheue – seien keine erforderlich, beruhigte mich ein Berater. Seine Worte bekräftige er mit einem festen Händedruck. Ein Lügner, wie ich später feststellte.

Das komplizierte Verkaufs- beziehungsweise Provisionssystem dürften die wenigsten im Saal begriffen haben. Unterlagen gab es keine. Und nachzufragen getraute sich auch niemand. Allfällige Kritik wurde im Keim erstickt. «Wenn Sie keinen Erfolg haben, liegt das nicht an den Produkten oder am System, sondern einzig und allein an Ihnen», wurde immer wieder betont. Mit anderen Worten: Wer scheitert, ist ein kläglicher Versager.

Ich wollte kein Versager sein. Fast in Trance und unter grösstem Stress unterschrieb ich jedes Formular, das mir hingehalten wurde. Natürlich gab es keine Kopie für mich. Je länger das Seminar dauerte, desto weniger las ich das Kleingedruckte. Schliesslich füllte ich auf Drängen eines Beraters den Antrag auf ein Blitzkarriereprogramm mit drei Basiskursen für 490 Franken aus.

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Eigentlich wollte ich in der Pause noch in aller Ruhe darüber nachdenken. Das erübrigte sich. Die auf dem Tisch zurückgelassene, unter meinen Notizen versteckte Anmeldung war weg. Ich wagte nicht zu protestieren.

Alle werden gleich geschaltet
Der erste Kurs fand schon am nächsten Abend in Egerkingen SO statt. Als erstes wurde das Kursgeld einkassiert. Dann erfuhr ich, was in diesem Job zählte: Krawatte, Bundfaltenhosen, Handy und Pünktlichkeit. «Wer zu spät kommt, muss sich vor allen entschuldigen und einen Drink spendieren.» Die Gleichschaltung der Neulinge hatte begonnen.

In der «Schulung» wurden keine Produkte erklärt. Es ging nur um Tricks: wie man etwa Freunde am Telefon zu einem Beratungstermin überredet oder sie als Mitarbeiter ködern kann. Den Tipp mit dem gediegenen Restaurant kannte ich schon. Dass in der Nähe ein Bancomat sein sollte, um gleich das Kursgeld rauslassen zu können, war eine neue Erkenntnis. «Und ja keine Informationen geben.»

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Der Theorie folgte gleich die Praxis. Applaus für den Neuen, der während der kurzen Pausen mit seinem Natel die meisten Termine abgemacht hatte. Schande über die Versager.

Ein Verkaufsmanager steckte unsere Adresslisten ein. Da ich keine Telefonnummern bei mir hatte, musste ich diese auf Befehl über die Telefonauskunft erfragen. Erst zu Hause realisierte ich, was ich angerichtet hatte: Vertrauliche Angaben waren in völlig falsche Hände geraten!

Subtile Formen der Erpressung
Ich war dieser Firma immer mehr ausgeliefert. Sie raubte mir jegliches Privatleben. Schon am folgenden Abend sollte ich wieder an einer Sitzung in Bern teilnehmen. Als ich aus Termingründen absagen musste, gab es gehässige Worte. Privatangelegenheiten seien keine Entschuldigungsgründe, ereiferte sich mein Freund. Zudem bekomme er wegen meiner Abwesenheit Probleme. Und übrigens könne ich mir das als Arbeitsloser überhaupt nicht leisten. Ich war schockiert. Die Vertriebsorganisation wusste schon alles über mich. Vor allem, wie sie mich unter Druck setzen konnte.

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So telefonierte ich mit dem Direktor und wollte meinen Blitzkarrierekurs annullieren. «Das macht keinen Sinn. Diese Chance haben Sie nur einmal im Leben», erwiderte er forsch. Zudem stehe das gesamte Management hinter mir. Ich war sprachlos und gab klein bei.

Ich befürchtete nun, in einer gefährlichen Sekte gelandet zu sein. Die Parallelen waren nur zu offensichtlich, wie ein Vergleich mit der Arbeitsweise von Sekten zeigte. Ich bekam zunehmend psychische Probleme: ständige Unruhe, Angstzustände, Schlafstörungen.

Auf der anderen Seite sah ich eine mögliche Verdienstquelle, eine neue Stelle. Geld oder Leben? Ich entschied mich für das zweite und stieg aus. Es war nicht leicht, denn die Führungsleute bearbeiteten mich mehrmals auf rhetorisch perfide Art, um mich davon abzuhalten.

Man wird zur Marionette
Jetzt geht es mir wieder besser. Ich bin mit einem blauen Auge davongekommen. Im Rückblick wurde mir klar: Diese Vertriebsorganisation – wie einige andere, wie ich heute weiss – arbeitet gekonnt mit den menschlichen Gefühlen und Sehnsüchten.

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Es dreht sich alles um Erfolg, die Erfüllung von Träumen und um Reichtum. Der Preis dafür sind der Missbrauch und die Zerstörung des persönlichen Beziehungsnetzes. Man wird zur Marionette in einem Puppentheater, wird als willenloses Geschöpf von geschickten Drahtziehern gelenkt und bewegt. Wer mitmacht, kann dabei nur verlieren.