*Alle Namen von der Redaktion geändert

Was, Sie wollen unser Angebot noch einmal überschlafen? Das machen vielleicht 80-Jährige, aber doch nicht Sie!» Die Figurberaterin des Schlankheitsinstituts ist sich offenbar nicht gewohnt, dass ihre Kundinnen zögern. Sie insistiert: «Natürlich können Sie die 3000 Franken für Ferien oder eine tolle Garderobe ausgeben. Aber von einem schönen Körper haben Sie viel mehr.»

Daniela Steffen* fühlt sich zunehmend unbehaglich auf ihrem Stuhl. In der Unterwäsche, nur mit einem Bademantel bekleidet, sitzt sie vor der Figurberaterin. Diese hat ihren Körper ausgemessen, am Bauch herumgedrückt, die Oberschenkel begutachtet, eine Fettanalyse durchgeführt und mit einem sonderbaren Gerät Fotos von ihren Fettdepots geschossen.

Um auf das gewünschte Gewicht zu kommen, seien etwa 30 Behandlungen zu 100 Franken nötig, erklärt die Beraterin ihrer Kundin. «Mit zwei Besuchen pro Woche sind Sie in zweieinhalb Monaten fünf Kilo leichter und haben Oberschenkel mit schöner, straffer Haut.»

Auf eine Unterschrift gedrängt
Als Daniela Steffen noch immer unschlüssig ist, schwenkt die Figurberaterin Dossiers von Kundinnen vor ihrer Nase, die erfolgreich ihr Gewicht reduziert hätten. Die Fotos zeigen dicke Frauen vor und schlankere nach der Behandlung.

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Schliesslich erklärt sich die Figurberaterin auch mit Ratenzahlungen einverstanden und winkt gleich zur ersten Behandlung in den Nebenraum. Daniela Steffen möchte aber erst zu Hause in aller Ruhe den Vertrag studieren und deshalb eine Kopie mitnehmen. Doch die Figurberaterin lehnt ab: «Das ist verboten, Sie können den Vertrag hier durchlesen.»

Eigentlich wollte Daniela Steffen bloss die «kostenlose Figuranalyse» nutzen, die das Schlankheitsinstitut im Inserat angepriesen hatte. Und nun befindet sie sich in jener ungemütlichen Situation, die viele Frauen schildern, die sich ans Beobachter-Beratungszentrum wenden: Die Schlankheitsberatung erweist sich als bedrängendes Gespräch, das kaum Zeit lässt zum Nachdenken. Und ehe man sichs versieht, ist der Vertrag unterschrieben.

Bei der Rückzahlung geblockt
Was sich weder Ärztinnen, Physiotherapeuten noch Kosmetikerinnen erlauben, ist bei Schlankheitsinstituten gang und gäbe: Sie kassieren die Behandlungskosten im Voraus. Und was diese Firmen einmal in der Kasse haben, geben sie nicht so schnell wieder her.

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Das zeigt das Beispiel von Uschi Meier. Sie hatte bei Esthetic Bodyline einen Vertrag für 50 Behandlungen unterschrieben – für 4600 Franken. Dem Aktionspreis, verbunden mit einem zusätzlichen Rabatt, hatte sie nicht widerstehen können. Als ihr später bewusst wurde, dass sie diese Summe gar nicht aufbringen konnte, kündigte sie den Vertrag. Esthetic Bodyline lehnte zuerst jede Rückzahlung ab. Erst nach rechtlicher Begründung und langen sechs Wochen erhielt Uschi Meier ihre Anzahlung von 1100 Franken zurück.

Rechtlich werden Verträge mit Schlankheitsinstituten als Aufträge beurteilt, denn die Firmen erbringen vorab Dienstleistungen in Form von individuellen Behandlungsprogrammen. Aufträge können jederzeit gekündigt werden (Artikel 404 des Obligationenrechts) – auch wenn im Vertrag etwas anderes steht.

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Tritt eine Kundin vor Beginn der Behandlung vom Vertrag zurück, schuldet sie dem Institut nichts. Beginnt sie das Programm und bricht es ab, redet das Gesetz von «Unzeit». Dann hat das Institut Anspruch auf Bezahlung der erbrachten Leistungen und allenfalls auf einen Schadenersatz. Die Firma muss den Schaden jedoch nachweisen.

Selbst wenn gesundheitliche Probleme auftauchen, zeigen sich die Institute sperrig. Das musste etwa Christine Gehrig erfahren, die bei Vita Line einen Vertrag unterschrieben hatte. Sie konnte mit einem Arztzeugnis belegen, dass sie sich wegen einer Lungenkrankheit bis auf weiteres körperlich nicht mehr anstrengen durfte. Erst nach langem Hin und Her erstattete ihr Vita Line das Geld zurück. Aber nur gut die Hälfte der 4200 Franken, die der Kundin zugestanden wären.

Ähnlich erging es Barbara Koch. Sie bekam kurz nach Behandlungsbeginn bei Figurella starke Rückenschmerzen. Vertragsgemäss liess sie sich vom Vertrauensarzt des Schlankheitsinstituts untersuchen. Dieser bescheinigte, dass die empfohlenen Turnübungen für Barbara Koch ungeeignet waren. Figurella war zwar bereit, die nicht durchgeführten Behandlungen zurückzuzahlen, zog allerdings zehn Prozent «Annullationskosten» ab.

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Ein solcher Abzug ist rechtlich nicht zulässig. Wer einen Vertrag aus einem wichtigen Grund kündigt – zum Beispiel wegen gesundheitlicher Beschwerden –, schuldet keinen Schadenersatz, auch wenn die Kündigung mitten im Programm, also zur Unzeit, erfolgt. Barbara Koch nützte es wenig, das Recht auf ihrer Seite zu haben. Für die 260 Franken «Annullationskosten» lohnte sich der Gang zum Friedensrichter nicht. Sie musste das Geld ans Bein streichen.

Vielleicht ist sie damit noch gut gefahren. Denn wie weit die Methoden dieser Schlankheitsinstitute wirksam sind, ist fraglich. «Fett-Mobilisierungs-System» (FMS) nennt Esthetic Bodyline seine «weltweit erfolgreiche» Methode. Konkret sind das nasse, kalte Kampferwickel, mit denen der Körper während 30 Minuten von Kopf bis Fuss eingepackt wird. Dadurch soll das Gewebe gestrafft werden. Neben diesen kalten Wickeln gibt es auch warme – mit Algen und Mineralien aus dem Toten Meer. «Alles ganz natürlich und mit viel Vitaminen», wie eine Figurberaterin versichert. Diese warmen Wickel sollen dem Körper Wasser entziehen und Fettdepots beseitigen. «Alles reine Behauptungen», sagt Fritz Horber, Leiter des Stoffwechselzentrums an der Zürcher Klinik Hirslanden. Es gebe keine wissenschaftlichen Studien, die diese Wirkungen bestätigen würden.

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Das Inserat von Esthetic Bodyline verspricht eine Gewichtsabnahme ohne Hungern und Gymnastik. Fritz Horber: «Ohne Bewegung beziehungsweise ohne erhöhte körperliche Aktivität kann das Gewicht nicht gesenkt werden. Wer etwas anderes behauptet, ist unseriös.» Ohne zu hungern, liesse sich schon abnehmen. Das setze aber eine ausgewogene Ernährung voraus. Eine solche Beratung spielt bei Esthetic Bodyline aber nur eine Nebenrolle.

Gefahr für Herzpatienten
Bei den Instituten Figurella und Vita Line werden die Kundinnen «passiv» und «aktiv» behandelt. Beim passiven Teil sitzt die Person in einem kastenähnlichen Gehäuse, aus dem nur der Kopf herausschaut. Der Körper ist für 20 Minuten einem warmen Ozon-Sauerstoff-Gemisch ausgesetzt. Doch auch diese Methode bringt laut Stoffwechselspezialist Horber nichts: «Mit einer solchen Behandlung wird die Fettverbrennung nicht aktiviert.»

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Im aktiven Teil – Vita Line nennt ihn «Vita-Therm-System» – liegt die Kundin bis zum Hals unter einer Plexiglashaube, in die warme Luft eingeführt wird. Unter diesem Verdeck turnt sie vor allem mit den Beinen. «Bewegung ist immer gut», sagt Horber trocken. Aber die Bewegung allein reiche nicht aus, um zusätzliches Fett zu verbrennen. Im Ubrigen widerspreche es den normalen Körperbedürfnissen, gefangen unter einer Haube zu trainieren. Fritz Horber räumt ein, dass warme Wickel oder das Sitzen im warmen Ozonbad ein Wohlgefühl bewirken können. Das Gewicht werde damit aber nicht reduziert.

Zum Risiko können die Kuren für Personen werden, die an Herz-Kreislauf-Schwierigkeiten, Gelenk- oder Rückenproblemen leiden. Sie sollten sich, so rät Horber, zuerst mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprechen. Sonst kann die Behandlung nicht nur ans Portemonnaie, sondern auch an die Gesundheit gehen.

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