Beobachter: Reno Sami, wofür geben Jugendliche heutzutage am meisten Geld aus?
Reno Sami: Leider gibt es dazu in der Schweiz keine exakten Zahlen. Letzthin sagte ich in einer Schulklasse, dass Jugendliche laut einer Untersuchung für Ausgang, Verpflegung, Kleider und Schuhe monatlich rund 100 Franken ausgeben. Da meinten alle: «Was? So wenig? Ich gebe viel mehr aus!» Gemäss meinen Erfahrungen müssten es pro Monat zwischen 200 und 300 Franken sein. Sehr viel Geld verschlingt der Ausgang. Wenn die Jugendlichen in Zürich ausgehen – und das machen nicht wenige – dann geben sie an einem Abend locker 200 Franken aus.

Beobachter: Abzockerei?
Sami: Ja. Den Jugendlichen wird meiner Meinung nach schamlos das Geld aus der Tasche gezogen. Aber ich finde es auch zu viel, wenn ein 16-Jähriger jeden Monat 60 Franken fürs Mobiltelefon ausgibt.

Beobachter: Wie akut ist denn das Handy-Problem?
Sami: In einer Schulklasse haben heute alle bis auf einen, der auffallen will, ein Mobiltelefon. Wenn ich die Jugendlichen frage, ob sie im Extremfall aufs Handy verzichten würden, verneinen alle. Für sie gehört das Handy zum Existenzminimum.

Beobachter: Gibt es einen vernünftigen Umgang mit dem Handy?
Sami: Ja. Aber man muss ihn miteinander aushandeln. Ich finde, eine Prepaidkarte für 20 Franken monatlich wäre im Rahmen. Das Handy wäre sogar ein sehr guter Ansatzpunkt, mit den Kindern eine Budgetdiskussion zu führen. Die Jugendlichen wissen zwar sehr wohl, wo man etwas gratis oder billig erhält, aber wie man ein Budget aufstellt, ist ihnen nicht geläufig. Es fehlt an «finanzieller Bildung».

Beobachter: Wer zieht denn den Jugendlichen am erfolgreichsten das Geld aus der Tasche?
Sami: Oft sind es die Gleichaltrigen selber. Das zeigt sich etwa bei der Technogeneration. Angefangen hat diese Entwicklung mit den Snowboardern, die ihren Style gnadenlos vermarktet haben. Auch Techno machte Anfang der neunziger Jahre noch den Anschein, halbwegs alternativ zu sein. Doch bereits an der dritten Street Parade wurde wahnsinnig viel Geld gemacht. Das waren sehr junge Leute, die erkannt haben, dass sich mit der Jugend viel Geld verdienen lässt. Was insofern gemein ist, als sich die Jugendlichen nicht einmal darüber aufregen, dass ihnen da das letzte Hemd ausgezogen wird. Schliesslich sind diese Abzocker cool.

Beobachter: Jugendliche als Abzocker? Erstaunlich.
Sami: Man darf dabei nicht vergessen, dass meist grosse Sponsoren dahinterstehen, wenn Jugendliche solche Events organisieren: Grossbanken, Telekommunikationsmultis, Getränkehersteller oder Warenhäuser.

Beobachter: Kleider, Handy, Ausgang – sind die Jugendlichen heute eigentlich alle konsumsüchtig?
Sami: Eine Erhebung der Fachhochschule für Sozialarbeit Bern besagt, dass 17 Prozent der Jugendlichen und fünf Prozent der Erwachsenen kaufsüchtig sind. Diese Differenz zwischen den Generationen ist enorm. Uns werden schon jetzt die Türen eingerannt. Nun stellen Sie sich vor, wenn in der nächsten Generation noch mal zwölf Prozent mehr Verschuldete kommen…

Beobachter: Wie viele Jugendliche in der Schweiz haben Schulden?
Sami: Genaue Zahlen gibt es nicht. Die AG für Werbemedienforschung fand im Jahr 2003 heraus, dass 25 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz mehr Geld ausgeben, als sie sich leisten können. Aktuell haben wir Zahlen von der Universität Zürich, wonach rund 20 Prozent der Gymnasiasten und 23 Prozent der Berufsschüler in Zürich die Frage «Hast du Schulden?» klar mit Ja beantworteten. Diese hohe Zahl auf diese direkte Frage ist erstaunlich. Eine Umfrage von Schülern des KV Luzern kam auf 37 Prozent. Das ist brutal!

Beobachter: Sie sagen, es gibt keine exakten Zahlen. Hat man denn das Problem der verschuldeten Jugendlichen noch nicht erkannt?
Sami: Über Staatsschulden redet man gern und oft. Aber dass die Konsumenten Probleme haben im Umgang mit Geld, hat man irgendwie noch nicht richtig wahrgenommen. Es wäre unbedingt notwendig, dass eine umfassende Studie gemacht wird, die auch die werktätigen und arbeitslosen Jugendlichen einbezieht.

Beobachter: Wie wichtig ist die Jugend für die Werbung?
Sami: Die Jugend ist ein wichtiges Marktsegment, das früh erschlossen wird. Neuerdings gibt es beispielsweise eine Kreditkarte für Kids ab 14 Jahren. Wofür braucht ein Kind eine Kreditkarte? Allein die Idee ist absurd. Aber gut, es ist eine Prepaidkarte – das wiederum wäre ja sinnvoll. Doch die Idee wird pervertiert: Man muss pro Einzahlung mindestens 200 Franken draufladen und der Ladeprozess kostet fünf Franken. Da wird mit Kindern Geld gemacht, und das machen viele, denn es lohnt sich. Natürlich auch, weil zahlreiche Eltern die Schulden ihrer Kinder einfach begleichen.

Beobachter: Anderseits: Warum unbedingt ein schuldenfreies Leben, wenn es auch anders geht?
Sami: Jeder gut verdienende Ökonom würde sagen, dass es sinnvoll ist, wenn sich die Konsumenten verschulden. Wir bei plusminus.ch teilen diese Meinung nicht.

Beobachter: Warum nicht?
Sami: Weil die Verpflichtungen ja irgendwann beglichen werden müssen.

Beobachter: Einmal verschuldet, immer verschuldet, sagt der Volksmund. Gewöhnt man sich an ein Leben mit Schulden?
Sami: Ich glaube nicht. Wenn jemand bei uns landet, steht ihm das Wasser am Hals. Dann heisst es Konkurs oder Schuldensanierung – und das bedeutet: drei Jahre am Existenzminimum leben. Was sehr mühsam ist, weil Ausgehen beispielsweise nicht mehr drinliegt. Und weil man sich eingestehen muss, in einer Kernkompetenz versagt zu haben. Man fällt raus. Der Weg aus den Schulden ist gar nicht lustig.

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