Meine rechte Hand liegt auf der Tischplatte, und noch nie hat jemand meine Handfläche so angegrinst wie jetzt gerade ­Daniela, die Hellseherin. «Sehr schön», sagt sie immer wieder in das sphärische Säuseln hi­nein, das im Hintergrund läuft. Daniela fährt mit dem Zeigefinger über meine Handfläche, mit kehliger Stimme sagt sie Dinge wie: «Du wirst ein langes, gesundes Leben haben.» Dinge wie: «Im Februar geht es geschäftlich bergauf.» Ich frage, woher sie das alles wisse – und sie sagt, sie sehe es. Sie sehe Bilder in meiner Hand, Bilder, die ich nicht erkennen könne, und bevor ich fragen kann, woher denn meine Hand das alles wisse, entdeckt die Hellseherin ein grosses Herz, und das bedeutet: Heirat in zwei Jahren.

Ich habe Daniela im Internet gefunden. Sie pries an, sie könne in Vergangenheit und Zukunft anderer sehen. Das klang gut. Ideal für eine verdeckte Recherche, um zu se­hen, wie eine Sitzung bei einer Hellseherin abläuft. So fand ich mich in einer Zürcher Vorortsgemeinde wieder, in einer Art Büro. Duftkerzen und Engels­figuren überall, ein grosser Tisch, zwei Flaschen Mineral und eine Schach­tel Kleenex.

Daniela ist eine freundliche, etwas aufgedrehte Person um die 40. Sie redet viel, lacht schallend und klopft sich dabei gern auf die Schenkel. Die Sitzung beginnt mit einem Monolog – er dauert eine halbe Stunde und ist so verworren, dass ich bald nichts mehr begreife. Der Kern, so glaube ich: Der Mensch kann die Zukunft nicht zu sich holen, er müsse zu ihr gehen. Dann gehts los. Daniela nimmt meine Hand, sagt: «Ich werde dir nun einiges aus deiner Vergangenheit erzählen.»

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«In der Liebe verletzt worden»

Was sie da hervorkramt, ist ziem­lich banal. «Du hattest drei- oder viermal Probleme mit den Zähnen oder mit Knochenbrüchen», sagt sie etwa, und das ist natürlich völlig richtig – bloss bricht sich in 31 Lebensjahren jeder mal was. Oder: «Du bist in der Liebe verletzt worden.» Auch das ist richtig, aber den rund sieben Milliarden übrigen Bewohnern dieses Planeten ists nicht besser ergangen. Manch­mal greift sie daneben, doch da­für ist sie gewappnet. «Du hast zwei Geschwister», sagt sie. Als ich entgegne, ich habe bloss ­einen Bruder, kneift sie die ­Augen zu und sagt: «Ich sehe hier drei Kinder. Deine Mutter hatte wohl eine Fehlgeburt.»

Zuweilen setzt sie an zu einem Satz, bricht aber ab, als sei ihr ein Wort entfallen – als ich den Satz dann beende, nickt sie, als habe sie genau das sagen wollen. Eigentlich bin haupt­sächlich ich es, der hier von mir erzählt. Dann beginnt sie plötzlich Unverständliches zu brabbeln, rollt die Augen hinter geschlossenen Lidern und fragt: «Hast du Magenprobleme?» – «Ab und zu Sodbrennen», sage ich. Sie entgegnet: «Das sehe ich.» Sie ist offenbar nun dabei, meinen Körper zu durchleuchten, sie drückt ihren Daumen auf meine Handfläche und rät mir wie in Trance, weniger Kaffee und Alkohol zu trinken, dafür ab und zu Brennnesseltee – und mehr Gemüse zu essen. «Dein Arm kann jetzt etwas schmerzen», sagt sie, als sie die Augen wieder öffnet. «Vielleicht hast du nun öfter Stuhlgang. Das geht vorbei, das ist wegen der Energie, die durch dich floss, als ich in dir drin war.»

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Nach eineinhalb Stunden sind wir am Ende. Ich lege 150 Franken hin. Ihre Ausbeute ist ganz gut. Meine weniger. Bestenfalls habe ich ein paar Ernährungstipps erhalten. Und sonst? Meine Mutter hatte nie eine Fehlgeburt. Mein Arm schmerzt nicht. Mein Stuhlgang ist normal.