Auf den ersten Blick klingt die Mail wie eine ernstzunehmende oder jedenfalls ernst gemeinte Inkassoforderung. Der Berner Anwalt Hans E. Rüegsegger fordert die Empfänger auf, innert zehn Tagen die Gesamtsumme von 938 Euro auf sein Post- oder Bankkonto zu überweisen. Grund der Forderung sei der Besuch der Website p2p-heute.com, auf der man sich für ein kostenpflichtiges Abo angemeldet habe.

Der Mailinhalt gleicht fast wortwörtlich den Schreiben, die ein deutscher Rechtsanwalt namens Olaf Tank im Namen der Firma Andreas und Manuel Schmidtlein GbR tausendfach verschickt. Für diese dreiste Internet-Abzocke erhielten die Gebrüder Schmidtlein den «Prix Blamage» des Beobachters (siehe Artikel zum Thema «Prix Blamage: Dreiste Internetabzocke auf Platz eins»).

Weil die E-Mail deshalb durchaus echt wirkt, haben sich innert kurzer Zeit weit über 100 Mailempfänger beim Beobachter gemeldet sowie im Beobachter-Onlineforum ihrem Ärger über die vermeintliche Inkassoforderung Luft gemacht. Doch der Ärger gegen Anwalt Rüegsegger richtet sich gegen den Falschen; der Anwalt wurde selber Opfer einer Spam-Attacke, die Mails wurden von Unbekannten ohne sein Wissen verschickt.

«Die Mails sind nicht von mir», hält er gegenüber dem Beobachter fest. «Ich weiss auch nicht, von wem sie sind und wer diese Herren Schmidtlein sind.» Er klagt: «Es ist ein Elend. Man kommt nicht mehr zum Arbeiten.»

Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass wohl kaum ein Schweizer Anwalt hinter der Mail stecken kann. Die Ungereimtheiten beginnen bei der ungelenken Anrede «Sehr geehrte Kunde», führen über das nur in Deutschland gebräuchliche scharfe ß anstelle des hierzulande üblichen Doppel-S bis hin zur Tatsache, dass ein Schweizer Anwalt gegenüber Schweizer Kunden kaum eine Forderung in Euro geltend machen würde.

Ausserdem ist die in der E-Mail erwähnte PDF-Datei in Wahrheit ein ZIP-File, welches einen gefährlichen Virus enthält. Je nach Internetprovider und Mailprogramm bleibt der Anhang im Virenschutzprogramm hängen, ansonsten gilt die Empfehlung: Keinesfalls öffnen! Laut der Melde- und Analysestelle für Informationssicherung des Bundes (Melani) ist die im Anhang enthaltene Schadsoftware (Malware) gegen E-Banking-Kunden gerichtet. Die Malware übernimmt beim nächsten Login in das E-Banking-System «die Kontrolle über die Zahlungsverkehrs-Applikation» und löst anschliessend «ohne das Wissen des Kontoinhabers Transaktionen aus». Besonders beunruhigend: «Die Malware wird bisher nicht von allen Antivirenprogrammen erkannt.» Die Informatik-Fachstelle des Bundes rät darum unbedingt, die Schadsoftware vollständig vom Computer zu entfernen, bevor man sich das nächste Mal in die Onlinebank einloggt.

Wer die Mails verschickt hat, ist unklar. Anwalt Rüegsegger hat am Montag Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. Erste Spuren aufgrund der Mail-Kopfdaten führen nach Israel und Australien.

Ebenfalls noch offen ist, wie die beiden Kontonummern in die Spam-Mail gerieten. Das aufgeführte Postkonto gehört tatsächlich Rüegsegger. Das Bankkonto hingegen gehört gar nicht Rüegsegger, sondern der deutschen Firma Delticom, welche übers Internet Autoreifen vertreibt. Delticom-Sprecherin Susanne Kindor erklärte gegenüber dem Beobachter, ihre Firma habe keinerlei Kontakte in diesem Zusammenhang, weder zu Anwalt Rüegsegger noch zu den Gebrüdern Schmidtlein oder zu Rechtsanwalt Tank. Die Bank (die Credit Suisse) wurde inzwischen über den Missbrauch der Kontonummer informiert. Laut Rüegsegger gab es bereits eine erste Einzahlung; das Geld wird zurücküberwiesen.

Über Rüegseggers Mailadresse wurde zudem eine zweite Spam-Mail versendet. Diese enthält zwar keinen Virus und keinen verfänglichen Textinhalt, dafür aber einen Link auf eine zwielichtige Website, auf der ein «Penis-Verlängerungs-Pflaster» verkauft wird, das Zehnerpack für knapp 60 US-Dollar.

Spam-Opfer Rüegsegger weist auf seiner Homepage darauf hin, dass er seine ursprünglichen Telefon- und Faxnummern wie auch seine Mailadresse sperren liess und derzeit nur per Briefpost erreichbar ist.

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