Auf den ersten Blick wirkt das E-Mail von «Rechtsanwalt Dr. Klaus Kroner» aus München echt: Die Anrede ist korrekt, also mit dem richtigen Namen des Empfängers, die Sprache sehr juristisch, der Tonfall drohend – so wie ein Anwalt schreiben könnte. Die Behauptung: Die Mail-Empfänger hätten auf der (mittlerweile eingestellten) Internetplattform Megaupload urheberrechtlich geschützte Filme, TV-Serien sowie Musik heruntergeladen. Dafür sollen sie nun einen pauschalen Schadenersatz von 146 Euro und 95 Cent bezahlen, und zwar bis zum 25. März, fordert der «Anwalt». Andernfalls drohe ein Verfahren, bei dem Kosten in weit grösserer Höhe entstünden. Aufgelistet werden sogar vier Tatzeitpunkte sowie die IP-Adressen der Computer, über welche die Internetnutzer angeblich gesurft hätten.

Ein solches Mail mit der Betreffzeile «ABMAHNUNG wegen Urheberrechtsverletzung – Filesharing» haben in den letzten Tagen zahlreiche Schweizer Internetnutzer erhalten. Darunter auch solche, die die betreffende Internetseite gar nie besucht hatten. Das ist ein sicheres Indiz dafür, dass es sich in Wahrheit um einen seriell verschickten Abzockerversuch handelt. Entsprechend warnen deutsche Verbraucherschutzverbände bereits davor und empfehlen, keinesfalls zu bezahlen.

Auch wenn es eine vergleichsweise raffinierte Betrugsmasche ist, zeigen sich bei näherer Betrachtung zahlreiche Ungereimtheiten:

  • Ein Anwalt namens Klaus Kroner existiert in Deutschland nicht.
  • Die Anwaltskanzlei hat keine Festnetz-, sondern nur Handynummern, die (bereits wieder abgeschaltete) Webseite ist auf einen Österreicher namens Istvan Nagy registriert.
  • Das Schreiben behauptet zwar, man könne „beweissicher dokumentieren“, dass Material heruntergeladen wurde – um welche Musikstücke oder Filme es konkret gehen soll, bleibt aber unerwähnt.
  • Das Konto, auf das der Münchner Anwalt den Schadenersatz überwiesen haben will, führt zu einer slowakischen Bank.
  • Die aufgeführten IP-Adressen gehören diversen Internetprovidern in halb Europa, aber keinem in der Schweiz.

  • Die vermeintliche Anwaltskanzlei legt einzig Wert auf rasche Bezahlung des Schadenersatzes. Die eigentlich viel wichtigere Unterschrift unter eine Erklärung, künftig das Herunterladen von urheberrechtlich geschütztem Material zu unterlassen, ist hingegen überhaupt kein Thema.


Dazu kommt: Anders als in Deutschland ist in der Schweiz das Herunterladen von urheberrechtlich geschütztem Material zu privaten Zwecken nicht strafbar. Nur schon deshalb können alle Schweizer Empfänger dieses Mail ohne zu bezahlen getrost dahin verschieben, wo es hingehört: in den Spam-Ordner.