Ranil P. will vorsorgen. Deshalb hat er einen Sparplan der «Oberösterreichischen Versicherung» unterschrieben. 15 Jahre lang muss er monatlich Fr. 56.80 Prämien bezahlen. Nach Ablauf der «Sparzeit» wandert das Geld für zehn Jahre in einen Fonds. Am Ende wird Ranil P. ein Vermögen von 30'700 Franken auf seinem Konto haben.

Das Problem ist nur: Ranil P. ist Asylbewerber aus Sri Lanka und lebt am Existenzminimum. Er kann sich die Prämie gar nicht leisten. Ausserdem weiss niemand, ob und wie lange er in Bern bleiben kann. Doch ein Schweizer Wohnsitz ist Vertragsbedingung. Deshalb hat das Berner Regionalsekretariat der Gewerkschaft VHTL Ranil P.s Vertrag gekündigt.

Bei VHTL-Sekretär Andreas Senft stapeln sich weitere Dossiers von Tamilen, denen ebenfalls ein solcher Sparplan angedreht wurde – teilweise mit Monatsprämien bis zu 250 Franken. Sämtliche Verträge wurden von einem Finanzberater der Firma TVG vermittelt.

TVG steht für die österreichische Allfinanzgruppe «Treugeld Vermögensplanung GmbH» in Salzburg. Diese Firma ist seit rund 25 Jahren aktiv und zählt etwa 300 Mitarbeiter. In der Schweiz ist die TVG seit 1990 tätig, aber erst seit einem Jahr mit einer hauptamtlichen Repräsentanz. Allerdings ist diese bisher nicht im Handelsregister eingetragen.

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«Übereifer eines Mitarbeiters»
Das Schweizer TVG-Büro wird geleitet von Werner Widmer, der nach eigenen Angaben früher Agent für verschiedene Schweizer Versicherungen war. Widmer ist Chef von etwa einem Dutzend TVG-Vermittlern in der Schweiz. Er bemüht sich, die Sache mit den Tamilen herunterzuspielen: «Das war Ubereifer eines sonst sehr guten Mitarbeiters, der seit 20 Jahren in der Branche tätig ist und absolut korrekt arbeitet», sagt Widmer. «Selbstverständlich» würden alle Verträge, die der VHTL nun gekündigt habe, sofort storniert. «Bereits eingezahlte Prämien sind aber verfallen.»

Laut Widmer seien alle TVG-Berater angewiesen, Verträge nur mit Ausländern mit C-Bewilligung und guten Deutschkenntnissen abzuschliessen. «Leider gibt es in jedem Betrieb immer wieder Leute, die Anordnungen missachten.» Widmer muss aber einräumen, dass die Zahl von rund 500 TVG-Kunden mit Herkunftsland Sri Lanka «in etwa stimmt».

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Widmer hat inzwischen noch mehr Sorgen. Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) will jetzt über die Aktivitäten der TVG Schweiz genau Bescheid wissen. Grund: Für den Vertrieb von Fondsprodukten braucht es hierzulande eine Bewilligung, und die fehlt dem Schweizer Ableger, wie die EBK dem Beobachter bestätigte.

Rote Köpfe auch bei der Caritas
TVG-Generalrepräsentant Werner Widmer hat nun «alle fehlenden Bewilligungen, inklusive Handelsregistereintrag, beantragt», wie er sagt. «Ich bin zuversichtlich, dass wir auch von der EBK grünes Licht bekommen; schliesslich verfügt TVG in Österreich über eine Banklizenz, und wir arbeiten ja mit der in der Schweiz niedergelassenen Bank Austria zusammen.» Allerdings wird sich die EBK kaum darüber freuen, dass bereits rund 4000 fondsgebundene Policen unter die Leute gebracht wurden – ohne Bewilligung.

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Doch es gibt noch mehr Ungereimtheiten. Da ist zum Beispiel die kecke Behauptung von TVG-Berater F., die umstrittenen Verträge seien den Leuten aus Sri Lanka «von Dolmetscherinnen der Caritas Schweiz ordnungsgemäss in deren Landessprache übersetzt» worden.

Tatsächlich existiert eine tamilische Version der TVG-Werbeunterlagen – erstellt von einer Frau aus Sri Lanka, die offenbar zeitweise als Ubersetzerin für die Caritas tätig war. Was bei der Caritas für rote Köpfe sorgt. Markus Schär, Koordinator für Asylbewerberunterkünfte in Solothurn: «Der von Herrn F. erweckte Eindruck, dass die Caritas Schweiz in seine geschäftlichen Angelegenheiten involviert sei, ist falsch.»

Doch TVG-Generalrepräsentant Werner Widmer geht derweil lieber zum Gegenangriff über: «Unsere Gewerkschaften knöpfen den Tamilen vom ersten Tag an monatliche Mitgliederbeiträge ab und tun absolut nichts für sie, wenn sie ausgewiesen werden. Das wäre doch auch einmal ein Thema.» VHTL-Sekretär Andreas Senft schüttelt da nur den Kopf. Dass die Tamilen jetzt Geld sparen, ist jedenfalls sein Verdienst. Nicht das der Allfinanzfirma.

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