Kuno Klever, Vizedirektor der Bank, hat den Arbeitsvertrag der Konkurrenz bereits in der Tasche. Seinem künftigen Chef erweist er gerne einen Gefallen. An der Strategiesitzung des alten Arbeitgebers legt Klever sein Handy auf den Sitzungstisch.

Was keiner der Sitzungsteilnehmer ahnt: Das Mobiltelefon ist besonders präpariert. Kuno Klever hat im Programmiermenü die Funktion «automatische Anrufannahme» aktiviert und die Displaybeleuchtung und den Rufton ausgeschaltet. So bemerkt niemand, dass das Handy kurz nach Sitzungsbeginn automatisch einen externen Anruf entgegennimmt. Am anderen Ende sitzt Kuno Klevers künftiger Chef. Er kann nun interessiert zuhören, was bei der Konkurrenz gerade diskutiert wird.

Praktisch jedes moderne Mobiltelefon lässt sich per Tastendruck in eine unauffällige Abhöranlage umwandeln. Es gibt auch bereits einige Festnetzapparate mit den gleichen Möglichkeiten.

«Das Problem ist uns bekannt», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber. Von konkreten Spionagefällen hat er aber noch nichts gehört.

Mikrofon im Hosensack

Das ist nicht weiter erstaunlich, denn die Uberwachung einer Sitzung per Mobiltelefon erfolgt ja ausserordentlich diskret. Zwar kann die automatische Anrufannahme bei vielen Mobiltelefonen nur aktiviert werden, wenn eine Freisprechgarnitur angeschlossen ist. Doch der unauffällige Draht mit Minimikrofon und Ohrknopf lässt sich problemlos in der Hosentasche verstecken – und die Sprachqualität über das Freisprechmikrofon ist erst noch viel besser.

Notfalls lässt sich der Anschlussstecker am Natel auch so überbrücken, dass das Gerät meint, es sei an eine Freisprechgarnitur angeschlossen. Selbst Modelle, die bei automatischer Anrufannahme einen Ton von sich geben, fallen im alltäglichen Gepiepse von elektronischen Uhren und Terminkalendern nicht weiter auf.

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Doch damit nicht genug. Auch ein simples Mobiltelefon, das keine Anrufe automatisch entgegennehmen kann, lässt sich kinderleicht als Abhörwanze missbrauchen. Wenn es während der Sitzung läutet, bringt es der peinlich-verlegene Besitzer einfach per Tastendruck zum Schweigen – mit dem Knopf für die Anrufannahme selbstverständlich.

Sepp Huber spricht jedoch lieber über die sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten der «automatischen Rufannahme» – zum Beispiel über das sicherere Telefonieren beim Autofahren oder das unauffällige Uberwachen der allein zu Hause gebliebenen Kinder. Ausserdem, so Huber, könnten noch viele weitere Gebrauchsgegenstände für strafbare Handlungen missbraucht werden.

Dass die Swisscom nicht besonders gern über das Missbrauchspotenzial der neuen Kommunikationstechnologien redet, überrascht nicht: Sie bietet selbst Apparate an, die für Lauschangriffe benutzt werden können.

Missbräuche sind programmiert

Datenschützer hingegen sind über die neuste Entwicklung beunruhigt. «Die Geräte sind zwar nicht primär für den Lauschangriff konstruiert worden, besitzen aber in dieser Hinsicht ein enormes Missbrauchspotenzial», sagt der Zürcher Datenschutzbeauftragte Bruno Baeriswyl.

Baeriswyl verweist auf eine Studie des deutschen Bundeslands Mecklenburg-Vorpommern. Diese kommt zum Schluss: «Ein Mobiltelefon ist allein durch Nutzung von Standardmerkmalen und frei verfügbarer Technik als recht leistungsfähiges Abhörgerät zu betreiben.» Die deutschen Datenschützer fordern deshalb die Netzbetreiber und Gerätehersteller auf, «Mobilfunkgeräte so zu entwickeln und den Netzbetrieb so auszugestalten, dass Missbrauchsmöglichkeiten von vornherein ausgeschlossen sind».

In der Schweiz existieren bereits gesetzliche Grundlagen gegen die Wirtschaftsspionage: Das Abhören, Aufnehmen und Auswerten eines nichtöffentlichen Gesprächs ist strafbar, sofern nicht alle Beteiligten ihr Einverständnis gegeben haben. Strikt verboten sind auch Herstellung, Verkauf und Besitz von technischen Geräten, die dem widerrechtlichen Abhören und Aufnehmen dienen.

«Auch Handys fallen theoretisch unter das im Strafgesetzbuch festgehaltene Verbot», sagt Baeriswil. «In der Praxis haben wir jedoch kaum Möglichkeiten, die internationalen Mobilfunkhersteller zu verpflichten, nur Geräte auf den Markt zu bringen, die nicht missbraucht werden können.»

Datenschutzgesetze greifen nicht

Laut Baeriswyl könnte da nur ein gerichtlicher Pilotfall Klarheit schaffen. Das Belauschen fremder Gespräche ist allerdings nur auf Antrag strafbar. Mit anderen Worten: Das Opfer eines Lauschangriffs muss zuerst einmal merken, dass es belauscht wurde. Doch die «allerwenigsten Leute sind sich der Missbrauchsgefahren bewusst» (Baeriswyl).

Deutsche Datenschützer warnen bereits vor neuen Gefahren. Die zunehmende Vernetzung von Internet und Mobiltelefonie wird es schon bald möglich machen, dass Mobilnetzbetreiber und Gerätehersteller neue Software quasi per Funk an die Nutzerinnen und Nutzer weitergeben. Auf demselben Weg könnten dann auch Menüfunktionen wie «automatische Anrufannahme» oder «Ruftonabschaltung» ferngesteuert programmiert werden, ohne dass der Handyträger es bemerkt.

Auf diese Weise könnte selbst der loyalste Geheimnisträger schon bald unfreiwillig als «Sitzungsspion» benützt werden. Schöne neue Handywelt.

So schützen Sie sich

  • Bestehen Sie bei vertraulichen Besprechungen und Sitzungen auf einem strikten Handyverbot. Die Anweisung an die Gesprächsteilnehmer, mitgebrachte Natels auszuschalten, reicht nicht.

  • Überprüfen Sie regelmässig, ob im Raum befindliche Festnetzapparate normal läuten, wenn man sie anwählt.

  • Überprüfen Sie auch ab und zu Ihr eigenes Handy. Sind Displaybeleuchtung und Rufton eingeschaltet? Ist die Funktion «automatische Rufannahme» deaktiviert? Es könnte ja sein, dass jemand das Gerät ohne Ihr Wissen umprogrammiert hat.