Hunderte von Interessenten führte Jürgen Käfer im letzten Herbst in Versuchung: Landauf, landab predigten er und seine Anhänger an Dutzenden von Meetings, die European Financial Consultants Association (EFCA) werde die Leute reich machen. Dank einem schneeballähnlichen Vertriebssystem mit Provisionen sollten so genannte Settop-Boxen unter das Volk gebracht werden, die per Fernseher den Zugang zum Internet öffnen.

Von den vollmundigen Versprechen ist nicht viel mehr als ein Häufchen Asche übrig geblieben. Das Projekt sei aufwändiger als vorhergesehen, darum konzentriere man sich aufs Stammgebiet Deutschland, sagt Josef Ehrhart von der EFCA-Kommunikationsagentur Gammusfelt in Düsseldorf. Der Schweizer Chef ist inzwischen weg vom Fenster: Noch vor ein paar Monaten nahm ihn die deutsche Muttergesellschaft trotz Beobachter-Kritik in Schutz – jetzt bekleidet Jürgen Käfer laut Ehrhart «keine Funktionen» mehr. Über die Gründe schweigen sich die Beteiligten aus.

Auf der Strecke blieben ein paar hundert Schweizer EFCA-Anhänger, die zusehen mussten, wie ihr Projekt versandete. Sie zahlten für jedes «Weiterbildungsseminar» und jeden Schulungsnachmittag brav Kursgebühren – einen geschäftlichen Nutzen konnten sie daraus nicht ziehen.

Das hindert die ehemaligen Chefs nicht, neue Projekte anzuzetteln. Gleich mehrere von ihnen wurden mit neuen Firmen aktiv. Die EFCA habe «ahnungslose Leute hinters Licht geführt», kritisierten die EFCA-Mitarbeiter Michael Leibundgut und Dieter Keller Ende letzten Jahres und nahmen den Hut. Doch dann geschah Wundersames: Die beiden gründeten flugs die Direct Gate AG, die ebenfalls auf den Vertrieb von Settop-Boxen für den Internetzugang setzt. Wenige Tage nach der Kündigung liess sich das Duo feiern: Sie hätten einen 20-Millionen-Vertrag unter Dach und Fach – nicht mehr als eine Luftblase, wie sich wenig später herausstellte.

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Verwandlungskünstler am Werk

Leibundgut ist inzwischen ausgestiegen und will mit dem Projekt nichts mehr zu tun haben. Verwaltungsratspräsident und Mehrheitsaktionär Keller, der hauptberuflich eine Autowaschstrasse in Zürich betreibt, macht allein weiter. Aus dem auf Januar 2000 angekündigten Start wurde bisher aber nichts. Gründe für die Verzögerung will Keller dem Beobachter nicht nennen.

Fachleute schätzen die Chancen der Settop-Boxen als gering ein: Je länger das Produkt auf sich warten lässt, desto geringer sind die kommerziellen Chancen. Schliesslich werden die Computer immer benutzerfreundlicher und billiger, und der Internetzugang ist mittlerweile bereits per Handy möglich.

Auch die Advanced Orbital Services AG (AOS) wurde von einem Ex-EFCA-Mitarbeiter gegründet. Innert weniger Monate zügelte sie bereits einmal den Firmensitz und änderte zweimal ihr Tätigkeitsgebiet. Zunächst sollte auch die AOS Settop-Boxen fürs Internet via Fernsehgerät vertreiben. Ende März präsentierte sich das Unternehmen in einem 16-seitigen Papier als zukünftige Finanzdienstleistungsfirma. Und neuerdings will die AOS ins Treuhandgeschäft sowie in die Steuerberatung via Internet einsteigen und zudem eine E-Commerce-Plattform für Versicherungen aufbauen. Wer aber die «renommierten Fachleute» des Treuhandwesens sind, mit denen das Projekt realisiert werden soll, will die AOS nicht verraten. Die Firma befinde sich erst im Planungsstadium, Beschlüsse seien noch keine gefasst.

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Treibende Kraft der AOS ist «Chief Executive Officer» Daniel Sabbia. Er war lange Jahre ein Kompagnon von Jürgen Käfer, bis sich die beiden verkrachten. Jetzt begegnen sie sich gelegentlich vor Gericht, wo sie darum streiten, wer die Idee für die gescheiterte EFCA hatte. Damit bei der AOS neben dem Business die Moral nicht zu kurz kommt, engagierte Sabbia den Zürcher Unternehmensberater Peter Meier für den Aufbau einer Geschäftsphilosophie. Meier wurde als «das Gewissen der AOS» hochgejubelt, doch wenige Monate später wieder fallen gelassen.

Interessenten springen ab

Derweil sucht Sabbia eifrig Investoren. Das Ziel seien 6,5 Millionen US-Dollar; ein Grossteil sei bereits zugesagt, erzählte er seinen Geschäftspartnern. Trotzdem wurde der für Januar 2000 vorgesehene Börsengang an der US-Technologiebörse Nasdaq immer wieder verschoben – bis heute. «Das Datum des Auftritts auf dem Markt ist noch offen», erklärt die AOS.

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Kein Wunder, haben die ersten Interessenten bereits wieder genug. Anatol F., ein in Österreich wohnhafter 31-jähriger Osteuropäer, fordert 27000 DM zurück, die er als Darlehen mit Umtauschrecht in Aktien einbezahlt hatte. Eine hoch rentable Anlage wurde ihm versprochen – bisher hatte er nur Ärger damit. Während der Rechtsstreit läuft, hat die AOS das Geld beim Kantonsgericht Nidwalden hinterlegt.

In einem Papier für AOS-Mitarbeiter heisst es: «Bei der Kontaktaufnahme zum Investor erklärt man diesem kurz unser Geschäft, jedoch wegen möglicher "Verstrickungen" nicht bis ins Detail.» Bis die «Geheimhaltungsvereinbarung» unterzeichnet sei, dürfe nicht zu viel verraten und kein Businessplan verschickt werden. Dumm nur: Sabbias Anwalt muss zugeben, dass die AOS gar keinen Businessplan hat.