Agnes Graber war schockiert, als sie die Mailnachricht öffnete: «Hilfe!», stand da in fetten Grossbuchstaben. «Meine Freundin ist an Leukämie erkrankt. Sie braucht dringend einen Knochenmarkspender mit der Blutgruppe AB Rhesus negativ, sonst stirbt sie.» Und dann noch: «Bitte leitet diese Mail weiter!»

Die Kinderkrankenschwester aus Pratteln BL zögerte nicht und schickte den elektronischen Hilferuf sechs Bekannten. «Ich hielt diese Nachricht für seriös, immerhin wurde sie mir von einer Arztfrau weitergeleitet. Und als Krankenschwester weiss ich, dass die gesuchte Blutgruppe sehr selten ist.»

Was die 51-Jährige nicht wusste: Der Aufruf ist eine unsinnige Kettenmail, die seit Jahren in ganz Europa unterwegs ist. Weil bei so ergreifenden Themen niemand an einen Scherz denkt, wird die Nachricht meist weitergeleitet.

Früher zirkulierten solche Kettenbriefe in Papierform. Die einen drohten mit grossem Unheil, wenn das erhaltene Schreiben nicht zehnmal kopiert und weiterverschickt werde, andere forderten auf, einem krebskranken Jungen Visitenkarten zu schicken, damit der sich im Guinnessbuch der Rekorde verewigen könne.

Mehr als nur dumme Scherze
Heute verbreiten sich Kettenbriefe dank Computertechnik nicht nur rasend schnell, auch ihre Inhalte sind weniger einfältig geworden. Neben Knochenmarkspendern werden Gönner gesucht, die einem Kind eine Herztransplantation finanzieren, damit sein Leben gerettet werden könne. Und ein dramatisch formulierter, aber gefälschter Aufruf im Namen von Amnesty International gab vor, durch das Sammeln möglichst vieler Protestmails könne eine Nigerianerin vor der drohenden Steinigung gerettet werden.

Kettenmails sind aber mehr als nur dumme Scherze. Für Leute, die in die Kette geraten, können solche Mails unangenehme Folgen haben: Mit dem Weitersenden werden unzählige persönliche E-Mail-Adressen weiterverbreitet registriert. Da diese Adressen unkontrolliert weitergeleitet werden, dürften sie bald in die Hände von Werbemail-Versendern gelangen. So wird weiterem Spam Tür und Tor geöffnet. Zudem können sich allfällige Viren leichter ausbreiten. Daher gilt: Wer seinen Freunden nicht ungewollt Ärger verursachen will, leitet keine Kettenmails weiter und geht mit E-Mail-Adressen diskret um. Natürlich auch mit der eigenen.

Neben den Kettenmails kursieren auch zahlreiche dubiose Nachrichten, deren Absender es auf unser Geld abgesehen haben. Nach fast jeder Naturkatastrophe verschicken Betrüger vermeintliche Spendenaufrufe zum Wiederaufbau zerstörter Dörfer oder Spitäler. Wer zahlt, hilft nicht leidgeprüften Menschen, sondern finanziert Verbrechern ein angenehmes Leben.

Noch dreister gehen die Hintermänner der sogenannten Swiss Investment Company vor. Sie stellen den Mailempfängern hohe Gewinne in Aussicht, wenn diese ihr Bankkonto vorübergehend für Geldtransfers zur Verfügung stellen. Die Absender sind mit allen Wassern gewaschen. Per Mail bauen sie mit ihren Interessenten während längerer Zeit eine Vertrauensbeziehung auf und stellen ihnen Unterlagen und fiktive Gewinnausweise zur Verfügung. Kurz vor dem geplanten Geldtransfer tauchen dann «Probleme» auf. Mit dem grossen Gewinnversprechen vor Augen soll der Kontoinhaber immer wieder kleinere Beträge überweisen, zum Beispiel für Gebühren oder Unkosten. Nur: Weil sich der Empfänger beim Erhalt des Geldes nicht ausweisen muss, erfährt der Absender nicht, wem er das Geld überwiesen hat. Natürlich findet die versprochene Transaktion niemals statt - das einbezahlte Geld ist unwiederbringlich verloren.

«An alle Postfinance-Kunden»
Wieder andere Internetbetrüger wollen mit sogenannten Phishing-Mails an Konto- oder Passwortnummern kommen und geben sich dazu als Geldinstitut aus. Immer wieder zirkulieren Mails, in denen Bankkunden aufgefordert werden, ihre Sicherheitsnummern aus der Streichliste bekannt zu geben, angeblich «um Ihre Online-Geschäfte noch besser zu schützen». Doch Vorsicht: Wer Kontodaten herausgibt, könnte ebenso gut seine Bankomatkarte samt Code verschenken.

Seriöse Unternehmen wie Postfinance oder Bank würden niemals eine solche Aufforderung per Mail verschicken. Also: Nie Passwörter, Kontonummern oder andere persönliche Daten per Mail versenden. Die Aufforderungen dazu gehören - genau wie Kettenbriefe - direkt in den virtuellen Papierkorb.

So schützen Sie sich im Datenverkehr

  • Schenken Sie Kettenmails keine Beachtung.
  • Öffnen Sie keine unbekannten Attachments, sie können Viren enthalten.
  • Antworten Sie nicht auf Werbemails – auch nicht, wenn Ihnen zugesichert wird, Sie könnten durch eine Antwort künftige Zusendungen abbestellen.
  • Behandeln Sie Mailadressen vertraulich: Setzen Sie sich selber als Empfänger ein, wenn Sie eine E-Mail an mehrere Empfänger versenden, und setzen Sie die Adressen der Empfänger im Feld «versteckte Kopie» (BCC) ein.
  • Geben Sie im Internet Unbekannten keine persönlichen Daten, keine Codes, keine Log-in-Daten und keine Nummern von Bank- oder Postkonti bekannt.
  • Wenn Sie in Foren diskutieren oder chatten: Legen Sie sich eine Mailadresse zu, von der nicht auf Ihren Namen geschlossen werden kann. Wenn Sie die Adresse im Internet publizieren, schreiben Sie statt des «Klammeraffen» «(at)». Oder noch besser: Legen Sie sich eine temporäre E-Mail-Adresse zu.

Anlaufstellen

  • Tipps zum Thema Datenschutz vom Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB): Datenschutz
  • Melde- und Analysestelle Informationssicherung MELANI