Der in Kanada wohnhafte gebürtige Este Kalle Lasn, 66, hat sich als Konsumkritiker und Erfinder des «Buy Nothing Day» («Kauf-nichts-Tag») einen Namen gemacht. Nach einem Mathematikstudium baute Lasn in Japan eine Marktforschungsfirma auf, bevor er nach Kanada auswanderte und während 15 Jahren als Produzent von TV-Dokumentarfilmen arbeitete. Er ist Gründer und Chefredaktor der Zeitschrift «Adbusters», die immer wieder mit sogenanntem Antimarketing auffällt, also mit persiflierten Werbekampagnen grosser Konzerne.

Richard Branson, der reich wurde mit Discount-Airlines und Flugreisen für jedermann, will in den kommenden zehn Jahren drei Milliarden Dollar in die Erforschung alternativer Treibstoffe stecken und damit die Welt retten. Wie ernst können wir denn so etwas nehmen?
Kalle Lasn: Es klingt absurd, aber es ist eben noch immer «business as usual». Ich kenne es von der Werbeindustrie - deren Vertreter fangen plötzlich an, von «grüner Werbung» zu reden - ein Widerspruch in sich. Vielleicht konnten die Konzerne einfach zu lange solchen Quatsch erzählen, ohne dass ihnen jemand widersprochen hat. Aber die aktuelle Bewegung zeigt ja, dass das nicht mehr funktioniert. Natürlich bin ich mit der Oberflächlichkeit nicht zufrieden. Aber der Trend zeigt in die richtige Richtung.

Sie empfinden es nicht als heuchlerisch oder gar zynisch? Es riecht doch nach Betrug, wenn Erdölkonzerne sich als Allheilmittel gegen Umweltprobleme anpreisen.
Das muss kein Betrug sein. Unlängst hat mich der Ölkonzern Shell für eine gigantische Summe eingeflogen, damit ich vor der Konzernleitung referiere. Ich war überrascht von der Aufmerksamkeit dieser Leute. Natürlich geht es ihnen darum, die Kontrolle zu wahren und möglichst hohe Profite zu erzielen - aber gleichzeitig habe ich ein echtes Interesse gespürt, meinen Standpunkt kennenzulernen. Und den Willen, etwas daraus zu lernen.

Sie klingen ungewohnt versöhnlich. Was ist passiert?
In den letzten zwei Jahren habe ich einen Wandel durchgemacht: Bis anhin habe ich ausschliesslich die Konzerne und die grossen Brands angeklagt. Ich wollte sie als Brunnenvergifter der Kultur blossstellen, und an dieser Zielsetzung hat sich nichts Wesentliches geändert. Allerdings hat sich mehr und mehr das Bedürfnis dazugesellt, den Zeigefinger nicht nur gegen die Wirtschaft, sondern die ganze Erste Welt zu erheben. Gegen diese eine Milliarde reicher Menschen, Leute wie Sie und mich: Ich sehe uns alle zunehmend als das Problem. Die Konzerne geben uns, was wir verlangen. Wenn wir ein bisschen grüner sein wollen, dann geben sie sich einen neuen Anstrich. Die Wahrheit aber ist, dass wir gar nicht gewillt sind, die fundamentalen Kompromisse einzugehen, die es etwa für eine CO2-neutrale Zukunft bräuchte. Wir fahren Hybridautos und sind stolz darauf, dass wir die Autokonzerne dazu gebracht haben, unsere Wünsche nach etwas weniger umweltschädlichen Fahrzeugen zu erfüllen - aber keiner von uns ist bereit, sein Mobilitätsverhalten zu ändern. Die Autokultur bleibt unangetastet, während wir nach technischen Möglichkeiten suchen, um Symptome zu bekämpfen. Wir wollen auf unseren opulenten und dekadenten Lebensstil einfach nicht verzichten. Wir im Westen sind eine Milliarde Menschen und wir verursachen mehr Schäden als die restlichen fünf Milliarden. Wir sind das wirkliche Problem, aber wir wollen uns nicht als die Sünder sehen.

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Dieses Interview ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs, das im Herbst 2007 in der Zeitschrift «GDI Impuls» erschienen ist.