Samstag, kurz vor Ladenschluss. Ursula Thüler trinkt Kaffee an der Gourmessa-Bar. Das Personal der Schaffhauser Migros-Filiale beginnt mit den Aufräumarbeiten. Plötzlich kippt eine Verkäuferin die Sandwiches, die eben noch zum Verkauf angeboten wurden, in den Kehrichtsack: Platte um Platte frischer Brötchen landet im Abfall.

Die Kundin protestiert. Doch die Verkäuferin antwortet nur mit einem Achselzucken: «Esswaren, die nicht vom Personal zum verbilligten Preis gekauft werden, müssen wir wegwerfen.»

Ursula Thüler gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden und reklamiert ein paar Tage später bei Migros Ostschweiz. Dort versichert man ihr, dass es sich um einen bedauernswerten Einzelfall handle. «Wir bemühen uns bereits bei der Berechnung der Produktemengen, Überschüsse zu vermeiden», sagt Andreas Aeschimann, Leiter Koordination Gastronomie und Freizeit. «Bleiben dennoch grössere Mengen an Esswaren übrig, darf der Leiter des Migros-Restaurants kurz vor Ladenschluss die Preise reduzieren.» Auch würden die Reste normalerweise nicht im Kehricht landen, sondern an Schweine verfüttert, versichert der Migros-Kadermann. Gratis werden die Esswaren jedoch nicht abgegeben. Andreas Aeschimann: «Das würde uns zu viele Umtriebe machen.»

Die Gratisabgabe wäre jedoch eine vergleichsweise günstige Lösung. Denn die Entsorgung geniessbarer Lebensmittel stellt nicht nur ein ethisches Problem dar, sie ist für die Betriebe auch mit erheblichen Kosten verbunden. Rund 300000 Tonnen Nahrungsmittelreste fallen in der Schweiz jährlich aus Gastronomiebetrieben, Einkaufsläden und der Lebensmittelindustrie an. Das Verbrennen der Lebensmittelreste ist teuer und ökologisch unsinnig. Deshalb wählen die meisten Betriebe die günstigere Verfütterung an Schweine.

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Diese Methode ist allerdings sehr aufwändig: Die Betriebe müssen die Essreste kühlen und giftige Stoffe wie zum Beispiel Kaffeesatz oder Zigarettenasche vor der Abgabe an den Schweinemäster aussortieren. Coop hält trotzdem an dieser Form der Entsorgung fest. «Wir haben die Möglichkeit der Gratisabgabe gesamtschweizerisch geprüft», sagt Pressesprecher Karl Weisskopf, «doch der organisatorische Aufwand wäre zu gross.»

Am Zürcher Hauptsitz der Migros zeigt man sich flexibler. Es sei durchaus sinnvoll, wenn einwandfreie Esswaren verschenkt oder gegen ein kleines Entgelt abgegeben werden, sagt Pressesprecherin Maja Amrein. «Einige Regionalgenossenschaften machen damit gute Erfahrungen.» So auch die Genossenschaft Migros Aare. Seit Jahren lässt sie überschüssige Esswaren von der Heilsarmee abholen. «Allerdings nur, wenn grössere Mengen übrig bleiben», sagt die Presseverantwortliche Andrea Müller. «Das Vermeiden von Resten hat Priorität.»

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Ins Fixerstübli statt in den Abfall
Auf Anregung des Beobachters hat sich jetzt auch die Migros Ostschweiz für eine Gratisabgabe unter bestimmten Auflagen entschieden. Wenn alles klappt, gehen die Lebensmittelüberschüsse künftig an den Tagesraum für Drogensüchtige in Schaffhausen. Ursula Thüler freut sich: «Die frischen Brötchen sind wirklich zu schade für den Abfallsack. Ich hoffe, dass diese Lösung Signalwirkung hat.»

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