Eine Tablette täglich, damit sich das neurochemische Ich in Balance hält.

Gerade rief eine Freundin an und schlug vor, mal wieder einen «Wohlfühltag» zu machen. Sie meinte kichernd: Du weisst schon, wie früher. For sentimental reasons.

Ich versuche, mich zu erinnern. Wie früher. Als wir beide früher Wohlfühltage machten, das war vor ungefähr drei Jahrzehnten, da war ich knapp 30. Jetzt bin ich immer noch knapp 30, meine Brüste zumindest, mein Bauch, die Haare, auch die Haut noch jugendlich, aber eigentlich bin ich 60. Der körperliche Verfall wurde zwar nicht gestoppt inzwischen, aber chirurgisch und kosmetisch so sehr modifizierbar, dass es einem – zumindest optischen – Stillstand gleichkommt.

Ein Retro-Wohlfühltag also. Was taten wir früher, um uns einen Tag lang glücklich zu machen? Ach ja, ausschlafen. Das fand ich immer schön. Morgens einfach liegen bleiben, noch ein wenig dösen, vielleicht ein wenig lesen, fernsehen, vielleicht wieder einschlafen und erst zu einer gotteslästerlichen Zeit aufstehen, das war der Beginn eines glücklichen Tages. Mal abgesehen davon, dass ich das heute nicht mehr kann, würde ich es wahrscheinlich auch nicht geniessen können. Heute ist mein Schlaf ein fein justierter Zustand. Nein, eigentlich mehr schon eine Tätigkeit als ein Zustand, zeitlich und inhaltlich klar begrenzt, da gibt es keine Variationen von Schlaf mehr. Nur noch Schlaf.

Schlaf ist nötig, man konnte bis heute Schlaf nicht ganz hinfällig machen, aber zumindest aufs Praktischste funktionalisieren und auf ein Minimum begrenzen. Meine innere Uhr wurde auf viereinhalb Stunden eingestellt, errechnet aufgrund meiner spezifischen körperlichen Vorgaben. Meine innere Uhr sitzt gleich unter meinem Schlüsselbein, es ist ein kleines Kästchen, das die Hormonausschüttungen in meinem Hirn reguliert, mich einschlafen und nach viereinhalb Stunden innert Sekunden wieder hellwach und frisch werden lässt. Vorbei die Zeiten, als man verschwitzt und gerädert aufwachte, wo man verschlafen hat, rumranterte, nicht einschlafen konnte, heute muss ich mir nicht einmal mehr die Frisur richten am Morgen, sie ist einfach immer noch genau gleich wie beim Zubettgehen.

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Alpträume gibt es nicht mehr, zumindest nicht mehr ungewollte. Heute, wo wir die Themen unserer Träume beziehungsweise die aktiven Hirnareale selber festlegen können, sind es nur noch ein paar Freaks, die sich Alpträume aussuchen. Ich habe erst neulich ein Porträt von so einem im TV gesehen, er meinte, diese nächtliche Angst und Beklemmung würde ihm seine tägliche Lebensqualität noch deutlicher machen. Na ja, keine Ahnung. Wohl auch so einer, der gern Horrorfilme schaut. Jedem das Seine.

Mein momentaner Traummodus heisst «Alltag». Dadurch bin ich schon öfter des Nachts zufällig auf Ideen gekommen, wie ich Probleme bei der Arbeit lösen könnte, das ist ganz praktisch. Wenn ich wirklich abschalten will, wähle ich «Natur»: Wasserfälle, Waldlichtungen, blühende Wiesen – das ist langweilig und schön.

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Früher gehörte zu einem Wohlfühltag auch Essen. Ungesunde, kalorienreiche Sachen essen, Sachen, die man sich sonst verkneift. Sündigen. Ha! Sündigen – schon dieses Wort. Heute ist mein Kalorieninput ebenso wie mein Schlaf reguliert, ich nehme täglich maximal 1800 Kalorien auf, egal, wie viel oder was ich esse. Das ist die Menge, mit der ich nicht zu- und nicht abnehme, mit der meine Körperfunktionen optimal versorgt sind, um Vitamine und dergleichen muss ich mich eh nicht mehr kümmern, Essen ist nur noch Spass.

Psychopharmaka für intime Stunden

Ach, wissen Sie was? Das mit dem Wohlfühltag funktioniert irgendwie nicht mehr im Jahr 2035. Heute ist jeder Tag ein Wohlfühltag. Vorbei die Zeiten, als ich manchmal schlecht drauf war, traurig, deprimiert, ich habe jetzt meine täglichen Pillen, die mein neurochemisches Ich in Balance und mein Befinden auf einem Level gutgelaunter Zufriedenheit halten. Vorbei die Zeiten, als ich in Gesellschaft unsicher und schüchtern war, dank Salvetil, einer Weiterentwicklung des alten Paxil. Ich werde nie mehr an einem unangenehmen Erlebnis leiden, ich lass es einfach löschen – die Entdeckung des Wirkstoffs war für uns Konsumenten ein netter Nebeneffekt der Forschung an posttraumatischen Stressstörungen.

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Oh, und was die Leistungsfähigkeit angeht, hat sich wahnsinnig viel getan. In Bereichen des Cognitive Enhancement, des Hirntunings mit Psychopharmaka, sind wir heute auf einem Niveau, das sich kaum noch verbessern lässt. Unsere geistige Kapazität ist auf ihrem Zenit dank Medikamenten wie Modafinil Finit (die erste Version, Modafinil, gab es schon früher, man war da wirklich auf dem richtigen Weg) – wir sind jetzt jeden Tag so wach, fit, konzentriert, wie es nur geht. Phantastisch. Und für intime Stunden mit meinem Freund nehme ich ein empfindungssteigerndes Mittel, das meine Mechanorezeptoren etwas sensibler werden und das Hirn eine kleine Pause machen lässt. Eine Berührung ohne Taktilozol ist wie Theorie. Die neue Welt ist schön, Huxley hatte schon recht.

Und doch hats erstaunlich lange gedauert, bis sich diese Pillen durchgesetzt hatten, ja, zum Standard in weit entwickelten Gesellschaften wurden. Anfangs gab es ein Riesenbohei an ethischen Diskussionen: Sind das Drogen oder Medikamente, wenn sie auch in nicht pathologischen Fällen eingesetzt werden? Darf man das? Öffnet sich so nicht die Wohlstandsschere ad absurdum, weil sich die sozial Benachteiligten diese Pillen nicht leisten können und damit noch weiter zurückfallen? Gnägnägnä. Mittlerweile hat sich gezeigt: Der Fahrstuhl hat uns alle ein paar Etagen weiter hoch gefahren. Menschen in benachteiligten Ländern neiden uns Privilegierten jetzt halt nicht mehr Nahrung und das Dach über dem Kopf, sondern Konzentrationspillen und Putzroboter.

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Nein wirklich, die Welt wurde insgesamt besser. Hunger und die schlimmsten Krankheiten sind ausgemerzt, Umweltprobleme haben wir im Griff. Bei diesen Themen herrschte schon immer schönste Einigkeit, dass jedes Mittel recht ist, die Situation zu verbessern. Bloss bei der Verbesserung des Menschen wurde die Moralmaschine angeworfen. Als ob nicht von Anfang an klar gewesen wäre, dass sich die Menschheit die Möglichkeit, sich selber in allen Bereichen ihrer Existenz zu pimpen, nie und nimmer entgehen lassen würde.

Man denke zurück an Prozac und Viagra, diese ersten ungeschickten Versuche. Man denke zurück an das Anrollen der Welle von Schönheitsoperationen. Während sich damals noch ein paar letzte Konservative darüber empörten, wenn Leute mühsam Geld zusammensparten, um sich die Nase korrigieren zu lassen, beschimpfen die heutigen Konservativen die Rebellen, die sich in irgendwelchen Hinterhofpraxen wieder zur Imperfektion zurückoperieren lassen. Na ja, das sind immer noch sehr wenige. Eigentlich sind wir alle so perfekt wie möglich, und inzwischen ist das meiste möglich.

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Erstaunlicherweise entwickelt sich aber ein Gegentrend im Bereich der Heimroboter. Noch vor ein paar Jahren sprach ich eine Freundin auf ihren Robbie an, der eine krumme Nase hat, sie wurde rot und murmelte etwas von wegen Produktionsfehler und momentan kein Geld, ihn reparieren zu lassen. Inzwischen ist es ziemlich verbreitet, einen Robbie mit Makeln zu haben, schon nicht mehr ein Fetisch, sondern eigentlich en vogue. Meiner zum Beispiel ist etwas dicklich. Nicht fett, bloss etwas weicher als mein Freund, der eigentlich nur aus Muskeln besteht. Und mein Robbie hat Geheimratsecken, die ich streichle, wenn wir zusammen fernsehen.

Die Robbies sind eine schöne Sache. Das Wichtigste an ihnen ist, dass sie sich rein haptisch sehr menschlich anfühlen. Softwaretechnisch sind sie noch nicht so weit ausgereift, dass sie Menschen ersetzen können, aber bestimmte menschliche Eigenschaften und Qualitäten können schon ziemlich gefühlsecht programmiert werden. So sind sie meist für die Befriedigung primärer Bedürfnisse zuständig, etwa indem sie einfach da sind, wenn der Single nach Hause kommt, und vielleicht was gekocht haben, oft sind sie auch Ersatz oder Ergänzung in bestimmten Belangen. Während mein Freund beispielsweise ein ziemlich wilder Typ ist, der kaum je einen ruhigen Abend aushält, ist Robbie für die gemütlichen Stunden zuständig, fürs Zuhören und Massieren. Eine Freundin von mir hat grosse Freude an der eher bescheidenen Bestückung ihres Robbies, während ihr Freund – wie alle Männer heute – sich zu absurder Grösse operieren liess.

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Nein, mir fällt wirklich nicht ein, wie heute ein Wohlfühltag aussehen könnte. Wir sind immer glücklich. Und gerade jetzt macht mich das fast ein bisschen traurig.

Michèle Roten, 29, ist Autorin und redaktionelle Mitarbeiterin beim «Magazin». Sie lebt in Zürich