Das Idyll ist zu perfekt, um wahr zu sein: Ein Volk namens Eloi lebt im Garten Eden. Schöne Menschen tanzen lachend über sonnige Wiesen, naschen die süssesten Früchte. Kein Streit, kein Stress, kein Zwang, Geld zu verdienen. Aber das Unheil droht unter der Erde. Dort hausen die Morlocks, affenartige Kreaturen. Sie halten sich die Eloi als Nutzvieh und jagen sie, um ihren ­Hunger nach Fleisch zu stillen. Was sich da ­abspielt an Grausamkeiten und Dramen, beschreibt Herbert George Wells’ Buch «The Time Machine», das 1895 erschienen ist. Der britische Schriftsteller katapultiert seine Haupt­figur, einen Tüftler und Wissenschaftler, mit ­einer Zeitmaschine ins Jahr 802 701 – in eine Welt, die er nicht für möglich gehalten hätte. Der Klassiker liefert bis heute das Muster für ein Genre, das in diesem Bücherherbst sehr gefragt ist, und zwar bei Jugendlichen wie bei Erwachsenen.

Wells erfand den Science-Fiction-Roman zu einem Zeitpunkt, als es den Begriff noch gar nicht gab. Dabei legte er den Grundstein für eine spezielle Gattung des Zukunftsromans: die Dystopie. Düsterste Szenarien werden damit beschrieben. Gegenentwürfe zu von Verheissungen geprägten Gesellschaftsformen, den Utopien. Man liest über totalitäre Staaten, versklavte Menschen, in Labors gezüchtete, manipulierbare «Idealmenschen», ewige Kriegs­zustände, zerstörte Lebensgrundlagen. Dys­topische Literatur werde vor allem seit dem ­19. Jahrhundert verfasst, erklärt das Online-Nachschlagewerk Bücher-Wiki. Was zur Zeit ­der Industriellen Revolution und der Dampfmaschine begann, setzt sich bis heute fort.

Da scheint immer wieder die Angst vor der totalen Überwachung auf, wie sie George ­Orwell in seinem Klassiker «1984» beschreibt. Seine Big-Brother-Fantasien haben durch die umfassende Bespitzelung der weltweiten Datenströme, die durch die NSA-Affäre publik wurde, ungeahnte Aktualität erfahren.

Auserwählte kämpfen gegen das Böse

In «Die Berufene» von M. R. Carey bedroht ein grausliger Parasit die Menschheit. Nur ein paar Kinder werden mit dem Erreger fertig. Prompt werden sie von skrupellosen Wissenschaftlern als Forschungsobjekte gefangen gehalten. Au­-tor­innen und Autoren wie Joelle Charbonneau mit «Die Auslese» oder James Frey mit «Endgame» bescheren ihrer Leserschaft eine gehörige Portion Nervenkitzel. Wie so oft bei dys­topischen Stoffen stellen sich in diesen Büchern ein paar Auserwählte einem Wettkampf um ­Leben und Tod. Den gewinnen sie nicht mit Hellebarden oder Laserschwertern. Denn ihre Waffe ist die Intelligenz, mit der sie etwa geheime Botschaften entschlüsseln müssen. Nur damit können sie sich und die Ihren vor weiterer Unbill retten. Wer patzt, ist allerdings ­subito weg vom Fenster. «Endgame» wird seit Wochen als riesiges, «crossmediales» Ereignis vermarktet; parallel zum Buch gibt es ein Computerspiel und einen Kinofilm.

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Idealistische Helden

Die leise Hoffnung zu wecken, dass es doch noch gut werden könnte – auch darin liegt der Reiz dieser Literaturgattung. Und zu zeigen: Technischer Fortschritt kann gut und nützlich sein, er birgt aber auch Gefahren. Dys­topie erschöpft sich meistens nicht darin, den bevorstehenden Untergang in den dunkelsten Farben auszumalen, sondern sie vermittelt die Sorge um unseren Planeten und um die Menschen, die darauf leben. Und immerhin gibt es Helden, die den Widerstand proben und sich um Aufklärung bemühen.

Auch H. G. Wells’ genialer Tüftler bricht noch einmal in die Zukunft auf, um das schlimme Schicksal der Eloi mit einer Kamera für seine ungläubigen Zeitgenossen zu dokumentieren. Zurückkehren wird er aber nicht.

  • Veronica Rossi: «Gebannt. Unter fremdem Himmel»; Oetinger-Verlag, 2014, 432 Seiten, CHF 15.90

  • James Frey: «Endgame – Die Auserwählten»; Oetinger-Verlag, 2014, 592 Seiten, CHF 29.90

  • Joelle Charbonneau: «Die Auslese: Nur die Besten überleben»; Blanvalet-Verlag, 2014, 416 Seiten, CHF 15.90

  • M. R. Carey: «Die Berufene»;Droemer-Knaur-Verlag, 2014, 512 Seiten, CHF 22.90
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Ein Haufen Wissen rund um unsere Verdauung

Im Windschatten des Bestsellers «Darm mit Charme» beschäftigen sich weitere Bücher mit dem noch bis vor kurzem tabuisierten Thema Verdauung.

Die Zeiten ändern sich. Rief ein Kind früher: «Ich muss kacken!», wurde es mit einem «Pfui, schäm dich!» zurecht­gewiesen. Heute nimmt den Begriff praktisch jeder in den Mund. Selbst in seriösen Zeitungen steht er fettgedruckt in Überschriften. Literaturkritiker im Radio benutzen ihn, wenn auch noch mit leicht gerümpfter Nase. Und in TV-Talkshows ist sogar auf öffentlich-recht­lichen Sendern hemmungslos die Rede davon.

Massgeblich ausgelöst hat diese Offenheit die 24-jährige deutsche Medizinstudentin Giulia Enders: Sie hat «Darm mit Charme» verfasst. Das Buch soll weder Ekel auslösen noch provozieren, sondern zeigen, welch Wunderwerk unser Körper ist. Wer die junge Frau in ­Interviews hört, bleibt an ihren Lippen hängen. Frisch und fröhlich referiert sie über unser Verdauungssys­tem. Mit einer Mischung aus fundiertem Wissen, eigenem Staunen und grosser Begeisterung schafft sie es, uns dafür zu interessieren, was im Körper abläuft, wenn Nahrung durch ihn hindurchtransportiert und schliesslich wieder ausgeschieden wird. Aus dem «unansehnlichen Schlauch» mit dem Igitt-Effekt ist ein Faszinosum geworden. Wie richtiger Stuhlgang funktioniert, interessiert.

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Das Bauchgefühl regiert

Mehrere Autorinnen und Autoren greifen den Trend auf und beleuchten den Darm unter ­weiteren Aspekten: «Darm-IQ» von Joachim Bernd Vollmer zählt beispielsweise zu den ­Neu­erscheinungen, ebenso «Was passiert im Darm?» von Julia Seiderer-Nack.

Die Bücher wollen das Bewusstsein dafür schärfen, was der Bauch alles steuert – nämlich Intelligenz, Intuition, Gesundheit, Krankheit, Fröhlichkeit, Traurigkeit. Verantwortlich dafür sei das enterische Nervensystem. Es durchzieht die Darmwand und bildet unser «Bauchhirn», wie es bei Vollmer heisst. Der Darm ist darüber hinaus das wichtigste ­Organ des Immunsystems und täglich zu Höchstleistungen fähig. Er transportiert im Laufe eines Lebens 30 Tonnen Nahrung und 50'000 Liter Flüssigkeit durch den Körper und sorgt dafür, dass wir ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Höchste Zeit, dem Darm mehr Respekt zu zollen – und für vorbildlichen Stuhlgang zu sorgen.

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  • Giulia Enders: «Darm mit Charme»; Ullstein-Verlag, 2014, 288 Seiten, CHF 27.90

  • Joachim Bernd Vollmer: «Der Darm-IQ»; Integral-Verlag, 2014, 240 Seiten, CHF 27.90

  • Julia Seiderer-Nack: «Was passiert im Darm?»; Südwest-Verlag, 2014, 224 Seiten, CHF 29.90

Was läuft da in Nahost wirklich ab?

Die Gräueltaten islamistischer Terrortruppen lassen viele Menschen ratlos zurück. Sachbücher bieten Orientierung.

U S-Bomber töten versehentlich Kurden in Kobane» – «US-Aussenminister ­Kerry verurteilt Versklavung jesidischer Frauen» – «Islamischer Staat macht Jagd auf Journalisten» – «Amnesty International wirft schiitischen Milizen Kriegsverbrechen vor». Die Nachrichten über den Islamischen Staat (IS) rufen nach für Erklärungen: Was um Himmels willen ist los vor den Toren Europas? Dschihadismus-Experte Behnam T. Said weist in seinem Sachbuch «Islamischer Staat» darauf hin, dass «unter den Augen der staunenden Weltöffentlichkeit» in Irak und Syrien eine der grössten Terrororganisationen aller Zeiten entstanden sei. Said erklärt die Hintergründe dieser Gefahr. Er zeigt auf, wie sich islamistische Gruppen in Syrien «im Schatten der Aufstände gegen das Assad-Regime» eine Machtbasis schaffen konnten. Oder warum sich aus Deutschland so viele Islamisten für den IS rekrutieren lassen.

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Der Islamwissenschaftler Christoph Günther geht in seinem Buch «Ein zweiter Staat im Zweistromland?» unter anderem der Frage nach, warum der IS in roher Gewalt ein notwendiges Mittel sieht. Bücher dieses Schlags sind keine leichte Lektüre, aber erhellender als die schwer einzuordnende Flut von Schreckensmeldungen.

  • Behnam T. Said: «Islamischer Staat»; Verlag C. H. Beck, 224 Seiten, CHF 24.90

  • Christoph Günther: «Ein zweiter Staat im Zweistromland?»; Ergon-Verlag, 254 Seiten, CHF 81.40

Wie entstehen Lesetrends?

Social-Media-Plattformen werden zwar für den ­Buchmarkt immer wichtiger. Doch sie können das ­klassische Marketing auch in ­Zukunft nicht ersetzen.

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Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren war dieses Frühjahr das beherrschende ­Thema. Auf allen Kanälen wurde wochenlang ­darüber berichtet. Für die Verlage ist das ein ­Idealfall. Sie bringen gezielt Bücher zu Themen heraus, die in den Medien im Fokus stehen ­werden. «Und diese Titel verkaufen sich erfahrungs­gemäss gut», sagt Alfredo Schilirò, Medien­sprecher der Orell Füssli Thalia AG. ­In regel­mässigen Abständen mit Themen­schwerpunkten aufzu­warten, sei ein erprobtes Marketing­instrument, ­bekräftigt Buchmarkt­experte ­Rüdiger Wischenbart. Gezielte Bericht­erstattung über Neu­erscheinungen und prominente Aus­lagen in den Buchhandlungen kurbeln den Verkauf zusätzlich an.

Voraussetzung ist, dass die Themen den Nerv der Leser treffen und eine gesellschaftliche Entwicklung widerspiegeln. «Die Stärke von Büchern liegt ja gerade darin, dass sie Themen vertiefen», sagt Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands (SBVV). Dies sei ein gefragter Gegenpol zur immer schneller und teilweise oberflächlich werdenden Medienwelt. Historischer Stoff verkauft sich nach Schiliròs Angaben meistens gut, nicht umsonst werden zurzeit Bücher über den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren angeboten. Tendenziell weniger Interesse finden Titel zu aktuellen ­gesellschaftspolitischen Themen, etwa zur ­Kapitalismus- oder Internetkritik. Gut kommen hingegen Ernährungs- und Lebensstilfragen an. Wer Vegetarier oder Veganer werden will, findet zuhauf passende Lektüre und Rezepte.

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Lesetrends werden aber nicht mehr nur auf ­klassischen Kanälen erzeugt, zu denen auch Buchmessen mit ihren Gastlandauftritten zählen. ­Immer mehr beeinflussen Leser-Communitys im Internet, was gekauft wird. Dies trifft vor allem auf Krimis, Fantasy- und Science-Fiction-Romane sowie Liebesgeschichten zu – auf Bücher, die in einer hohen Auflage erscheinen, mit denen sich Geld verdienen lässt.

Die Verlage reagieren darauf. Statt mit Inseraten und Buchkritiken in Printmedien um die Leserschaft zu werben, bearbeiten sie die einschlägigen Social-Media-Seiten oder gründen selbst Communitys. Ein Beispiel ist die Holtzbrinck-­Verlagsgruppe mit ihrer neuen Plattform Lovelybooks. Laut eigenen ­Angaben arbeitet sie dafür mit 200 Buchverlagen zusammen.