Marcel Bernhard, 55: «Ich fühlte mich wie in einem tiefen Ziehbrunnen.»

«Dem Glücksspielsüchtigen geht es nicht ums Spielen, sondern nur um den Gewinn. Doch nach fast sechs Jahren Spielsucht stehe ich heute mit rund 250'000 Franken Schulden da. Zocken kann ich nicht mehr: Die Schuldensanierung Bern verwaltet seit einem Jahr mein Geld.

Bei mir fing alles an, nachdem ich an einem Automaten in einem Restaurant mit einem Einsatz von 20 Franken 800 Franken gewonnen hatte. Das ist leicht verdientes Geld, dachte ich mir und spielte am nächsten Abend wieder. Doch der Gewinn vom Vorabend war im Nu in der Maschine verschwunden – so wie weitere 1'000 Franken, die ich bei mir hatte. Die waren in einer halben Stunde weg.

Von da an rannte ich diesen ersten 1'000 Franken nach. Ohne Erfolg: In den drei folgenden Monaten hatte ich bereits 35'000 Franken verspielt, den Lohn eines ganzen Sommers. Ich bin Gipser und arbeite hart für mein Geld. Ich war überzeugt, ich könnte das System knacken, den Automaten überlisten. Einmal spielte ich 24 Stunden ohne Unterbruch. Als ich aufstand, spürte ich meine Beine nicht mehr. Dabei hatte ich noch Glück, dass ich nur 1'000 Franken im Minus war.

Geldlimite nutzte nichts

Bald spielte ich nicht nur in Restaurants, sondern auch in Kasinos – vor allem im Kursaal Bern. Und zwar täglich. Ich hatte mir eine Limite von 300 Franken auferlegt. Doch kaum war das Geld verspielt, fuhr ich die 20 Kilometer nach Hause, um mehr Geld zu holen. Bis zu vier, fünf Mal pro Abend. Mir war sehr schnell klar, dass nicht ich das Spielen, sondern das Spielen mich im Griff hatte. Ich warnte meine Freunde davor, mir Geld zu leihen, bat sie, mich von den Automaten wegzuholen. Umsonst.

Ich habe schon viel erlebt: zwei Scheidungen, einen Firmenkonkurs und etliche Pfändungen. Doch alles verblasst neben der Spielsucht. Immer wieder hatte ich schwerste Depressionen, ging wochenlang nicht aus dem Haus, weil mich niemand mit verheulten Augen sehen sollte. Ich fühlte mich wie jemand, der in einem unendlich tiefen Ziehbrunnen steht und keine Leiter dabeihat. Für kurze, gefährliche Momente schlich sich beim Autofahren auch mal der Gedanke ein: Jetzt einfach in einen Brückenpfeiler oder einen Baum rasen, und alles wäre vorbei.

Dem Kasinopersonal muss klar gewesen sein, dass ich – wie jeder, der regelmässig ins Kasino geht – süchtig war. Doch ich wurde nie darauf angesprochen, geschweige denn gesperrt. Dass sie mal jemanden rauspickten, habe ich nur erlebt, wenn einer randalierte.»

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