«Primum non nocere» – schädige vor allem nicht, schwören die Ärzte im Namen des Hippokrates. Und doch tun es viele am Krankenbett – oft unwissentlich. Nun schlägt die deutsche Umweltorganisation BUND Alarm. In einer gemeinsamen Studie mit der englischen Organisation Health Care Without Harm wurden 48 medizinische Produkte vom Blutbeutel bis zur Infusionskanüle untersucht. Ergebnis: Ausser in einem Produkt war überall das so genannte Diethylhexylphthalat (DEHP) zu finden – in einer Menge von 17 bis 41 Prozent des Gewichts.

DEH-Phthalat schädigt nachweislich das menschliche Fortpflanzungssystem. Es verändert die Hoden, verringert die Fruchtbarkeit und führt zu Fehlfunktionen der Eierstöcke. Auch Leber- und Nierenschäden können auftreten. Ob Phthalate auch Krebs begünstigen, wird diskutiert. Besonders gefährdet sind Kinder, die die Weichmacher aus der Umwelt aufnehmen. Deshalb verboten sowohl die EU als auch die Schweiz die Verwendung von DEHP in Spielzeug für Kinder unter drei Jahren.

Bei Säuglingen besonders häufig
Doch ausgerechnet auf den Geburtsabteilungen der Spitäler ist DEHP in grossen Mengen zu finden, wie die Studie zeigt. In einem Fall wurden im Blut eines Säuglings von einem Kilo Gewicht 10 Milligramm DEHP gefunden – bei einem Grenzwert von 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht eine zweihundertfache Überschreitung. «Gerade bei Säuglingen sind sehr weiche Produkte besonders wichtig», begründet Rainer Voelksen, Leiter der Abteilung Medizinprodukte beim schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic, die Tatsache, dass Phthalate noch nicht aus den Spitälern verbannt sind. Swissmedic sei jedoch in engem Kontakt mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Dort werden in einer Studie Alternativen geprüft.

Diese glaubt Professor Andreas Lischka, Vorstand der Kinderklinik Glanzing in Wien, längst gefunden zu haben. Er ersetzte bereits vor vier Jahren sämtliche phthalathaltigen Produkte – ausser bei den Beuteln für Bluttransfusionen und bei Beatmungsmasken. Lischka: «Ich konnte die Augen nicht mehr vor der Problematik verschliessen.»

In der grössten Kinderklinik der Schweiz, im Kinderspital Zürich, wird zurzeit geprüft, wie stark Medizinalprodukte mit DEHP belastet sind. Oskar Baenziger, Leiter der Abteilung Intensivmedizin und Neonatologie, würde sie eigentlich gerne ersetzen. Doch gleichzeitig warnt er vor zu hohen Erwartungen: «Die Ansprüche ans Material sind in unserem Bereich extrem hoch.»

Mit einer weltweiten Jahresproduktion von 200 Millionen Tonnen ist DEHP eine der wichtigsten Industriechemikalien. Zu finden ist es vor allem in Fussbodenbelägen, Duschvorhängen, Autos, Schuhsohlen, Spielzeugen, Einweghandschuhen und Infusionsschläuchen.

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