War vor Jahrzehnten das Güggeli das Highlight der Festtage, ist es heute Seafood vom anderen Ende der Welt: Mit Hummersuppe, Kaviarhäppchen oder Crevettencocktails wird das Festmenü aufgepeppt. Doch wer einen Blick hinter die Kulissen der Seafood-Produktion wirft, dem vergeht die Lust schnell.

«Beim Fleisch gibt es mittlerweile sehr gute, tiergerecht produzierte Qualität. Doch beim Meeresgetier sind noch sehr viele Verbesserungsmassnahmen nötig», sagt Jörg Birnstiel, Mediensprecher von Coop Schweiz. Im Bereich Seafood ist bezüglich ökologischer Nachhaltigkeit und Tierschutz in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig passiert. «Drei Viertel der weltweiten Fischbestände sind überfischt oder von Überfischung bedroht. Es gibt aber ein wachsendes Angebot von Fisch aus umweltgerechter Produktion», erklärt Jennifer Zimmermann, Verantwortliche für Ernährung beim WWF Schweiz. Der WWF hat sich dieses Jahr dem Thema besonders gewidmet und einen Einkaufsführer erstellt (siehe Nebenartikel zum Thema «Ökologie: Welcher Fisch darf auf den Tisch?»). Hier erfährt man, welche Fische und sonstige Meerestiere mit ruhigem Gewissen gekauft und verzehrt werden dürfen. «Auch wir orientieren uns daran», sagt Coop-Mediensprecher Birnstiel.

Bis Krustentiere als kulinarische Attraktion gereicht werden, müssen sie meist lange leiden. Hummer werden vorwiegend in den heissen Sommermonaten gefangen. Die Fischer bringen sie aber erst dann auf den Markt, wenn die Nachfrage am grössten ist: vor den Festtagen.

Bis dann werden die Hummer «gehältert». Hinter dem beschönigenden Fachausdruck versteckt sich qualvolle Massenhaltung. Ohne Futter und mit zusammengebundenen Scheren werden bis zu 4000 Krustentiere im selben Behälter gelagert. Erst Monate nach dem Fang werden die Tiere rund um die Welt transportiert. «Hummer überleben diese Behandlung nur knapp», sagt Peter Schlup, Zoologe beim Schweizer Tierschutz. Coop und auch die Migros verzichten deshalb ganz auf den Verkauf von lebendigem Hummer, im Gegensatz zu Carrefour, der die noch lebenden Tiere auf Eis anbietet.

Ein qualvoller Tod
Dem «frischen» Hummer bleibt nichts erspart – bis hin zum bitteren Ende. Das Töten erfolgt, indem der Koch das Krustentier in siedend heisses Wasser wirft. Die Tiere verenden bei dieser Methode oft erst nach längerem Todeskampf. «Fachgerecht wäre es, sie entweder in einem Schnitt von oben bis unten längs zu halbieren oder mit einem speziellen Gerät kurz zu betäuben, bevor man sie ins Wasser wirft», sagt Zoologe Schlup.

Auch der Konsum ihrer kleineren Artgenossen, der Crevetten, ist nicht unproblematisch. Hier kommt dazu, dass durch die schiere Grösse der Zuchten in Thailand oder Vietnam ganze Ökosysteme nachhaltig gestört werden. Komplette Mangrovenwälder werden für Shrimpcocktail und Crevettenspiesschen vernichtet. Zudem fördert die intensive Massentierhaltung Krankheiten. Deshalb werden die Tiere präventiv mit Antibiotika und Hormonen behandelt. «Leider sind die diesbezüglichen Vorschriften in konventionellen Zuchten viel zu lasch», sagt Jennifer Zimmermann vom WWF Schweiz. Sie rät vom Kauf von konventionellen Zuchtcrevetten ab.

Wer auf wild gefangene Crevetten ausweicht, erkauft sich nicht unbedingt ein gutes Gewissen. Beim Fischen mit dem Schleppnetz landen haufenweise andere Fische in den Netzen. Dieser «Abfall» wird dann verletzt oder tot wieder dem Meer übergeben. «Wildfangcrevetten aus dem Nordatlantik hingegen sind empfehlenswert», so Zimmermann. Zwar bestehe auch hier das Problem des Beifangs, aber der Crevettenbestand sei immerhin nicht überfischt.

Kaviar ist zu Recht so teuer
Auch Bio-Zuchtcrevetten schneiden gut ab. Hier werden die Mangrovenwälder wieder aufgeforstet, und der Einsatz von Medikamenten ist generell verboten. «Das Angebot an Biocrevetten reicht allerdings nicht, um der grossen Nachfrage über Weihnachten gerecht zu werden», erklärt Jörg Birnstiel von Coop. «Wir verkaufen in der Festtagszeit mehr als doppelt so viel Seafood wie sonst.» Der Grossverteiler muss in dieser Zeit auf die problematischen Crevetten aus konventionellen Zuchten zurückgreifen.

Auch Kaviar ist keine Alternative für Schlemmer mit Gewissensbissen. Die Eier stammen von der höchst bedrohten Fischart Stör. Je nach Art werden die drei Kaviarsorten Ossietra, Beluga und Sevruga unterschieden. Zur Kaviargewinnung werden Störweibchen vor dem Ablaichen im Kaspischen Meer gefangen und getötet.

Seit 1998 ist die Delikatesse, die keineswegs gesund ist, sondern viel Cholesterin und viele nicht immer offen deklarierte Konservierungsstoffe enthält, dreimal teurer geworden. «Das ist auch gut so», sagt Zimmermann vom WWF. Der Konsument müsse sich bewusst sein, dass er die Eier einer sehr bedrohten Tierart konsumiere und dadurch mögliche Nachkommen vertilge.

Grund genug, hier ein Zeichen zu setzen. Also vielleicht doch zurück zum Güggeli auf dem Weihnachtstisch: «bio», Herkunft Schweiz. Denn das Gute liegt einmal mehr so nah.

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