Liebe macht bekanntlich blind – auch in Gelddingen. Um mit dem eigenen Wagen von A nach B steuern zu können, greifen die Autobesitzer und -besitzerinnen in der Schweiz gern tief in die Tasche. Die Vorliebe für die eigenen vier Räder verschwindet nicht einmal dann, wenn der öffentliche Verkehr gratis ist. Das zeigte ein Versuch im Tessin Ende Januar: Um die Feinstaubbelastungen der Luft in die Nähe des Grenzwerts zu senken, konnte an zwei Wochenenden auf Bahnen und Bussen ohne Billett gefahren werden. Die Auslastung stieg zuerst zwar um die Hälfte. Am zweiten Wochenende waren es aber nur noch magere 20 Prozent.

Immerhin 50'000 Schweizerinnen und Schweizer zeigen sich kompromissbereit: Sie halten zwar weiterhin am Auto fest, teilen es aber und beziehen auch den öffentlichen Verkehr in ihre Reisen oder ihr berufliches Pendeln ein. So viele sind Mitglieder beim 1987 gegründeten Carsharing-Unternehmen Mobility oder bei RailLink, das im vergangenen Oktober gemeinsam von SBB, Mobility und Daimler-Chrysler lanciert wurde.

Wer wenig fährt, soll teilen
Die Gründung ist ein Hinweis darauf, zu welchem Erfolg das Prinzip des Autoteilens und der kombinierten Mobilität hierzulande geworden ist. Mobility ist jährlich über 20 Prozent gewachsen und bietet heute über 1700 Fahrzeuge an 850 Standorten an. Damit ist die Genossenschaft inzwischen das weltweit grösste Carsharing-Unternehmen. Auch RailLink will rasant zulegen. Bis Ende des ersten Geschäftsjahrs soll die direkt neben den SBB-Perrons parkierte Flotte von 75 auf 300 Fahrzeuge ansteigen. Für die Zukunft rechnet Paul Blumenthal, Leiter der Division Personenverkehr bei den SBB, mit jährlich «10'000 Neukunden».

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Ursache des Carsharing-Booms sind die finanziellen Vorteile gegenüber dem Privatauto. Das Sparpotenzial ist umso höher, je mehr der 15'000 Kilometer – die in der Schweiz pro Jahr und pro Person durchschnittlich zurückgelegt werden – mit der Bahn gefahren werden und je weniger das Auto zum Einsatz kommt. Beim Carsharing zahlen die Benutzer an die Fixkosten für Wertverlust, Steuern und Versicherung nur einen geringen Anteil. Besitzer eines Privatautos haben diese Aufwendungen selbst zu tragen.

Fahren sie nur wenige Kilometer, fallen diese Kosten mehr ins Gewicht: Bei 5000 Kilometern pro Jahr im eigenen Auto steigt der Kilometerpreis auf Fr. 1.55. Zum Vergleich: Bei Mobility liegt der Stundenpreis bei Fr. 2.70, der Kilometerpreis bei 56 Rappen für die günstigsten Fahrzeuge.

Erst bei einer Gesamtdistanz von über 10'000 Kilometern pro Jahr sinken die Kilometerkosten unter diejenigen des Carsharing-Autos. Mit anderen Worten: Die Fahrzeuge von Mobility und RailLink eignen sich vor allem für Leute, die in der Regel ein Auto im Nahbereich oder für Gegenden brauchen, die vom öffentlichen Verkehr zu selten bedient werden. Die Kunst des ökonomischen wie ökologischen Reisens zeigt sich also in der Fähigkeit, die Verkehrsmittel richtig zu kombinieren.

Was heisst das konkret? Wer jährlich 3000 Kilometer per Auto zurücklegt und 12'000 mit dem öffentlichen Verkehr, spart als Nutzer des Carsharings fast 4400 Franken gegenüber den Besitzern eines privaten Fahrzeugs. Selbst bei einer ausgewogenen Nutzung – 7000 Kilometer mit dem Auto und 8000 mit dem öffentlichen Verkehr – kommen Fahrten immer noch um 1700 Franken günstiger zu stehen.

Das Carsharing ist ein Klacks
Je mehr allerdings die Autokilometer an der insgesamt gefahrenen Strecke überwiegen, desto mehr verliert das Carsharing an Boden. Es wird daher trotz Zulauf «ein Nischenprodukt mit Wachstumspotenzial» bleiben, ist sich Mobility-Geschäftsführer Thomas Lütolf bewusst. Er rechnet mit einem künftigen Kundenstamm von 80'000 bis 140'000 Personen. Seine Flotte legt heute über 25 Millionen Kilometer zurück; beeindruckend, doch ein Klacks gemessen an den 82 Milliarden Kilometern, die in der Schweiz jährlich im Strassenverkehr unter die Räder genommen werden.

Entsprechend beschränkt sind die ökologischen Auswirkungen des Carsharings. Das Bundesamt für Energie hat berechnet, dass die Smart-Flotte des Neulings RailLink bis ins Jahr 2005 den landesweiten Treibstoffverbrauch um 1000 Personenwagen vermindern wird. Bei 3,4 Millionen Fahrzeugen ist das wenig.

Als ökologischere und finanziell attraktivere Alternative bleibt der Umstieg auf den öffentlichen Verkehr. Bahn und Bus sind im Vergleich zum Privatverkehr weiterhin unübertroffen billig: 15'000 Kilometer kosten mit einem Streckenabonnement nur 1764 Franken – ein Sechstel der Kosten, die ein eigenes Auto für dieselbe Distanz verschlingt.