Blau gesprenkelter Lapislazuli, blassgrüne Jade oder braun glänzendes Tigerauge zieren derzeit die Handgelenke: «Power-Armbänder», wegen ihres buddhistischen Ursprungs auch «Malas» genannt, sind bei jungen Frauen der ultimative Modegag dieses Sommers. Branchenkenner sprechen von rund einer halben Million verkauften Exemplaren allein in der Schweiz – und ein Ende des Schmucksteinbooms ist nicht abzusehen.

Kein Esoterikshop, kein Markthändler, keine Schmuckboutique kommt ohne die trendigen Malas im Sortiment aus. Sogar die Migros hat seit Anfang April in 200 Filialen mehr als 81000 Stück verkauft.

Alarmierende Analyse
Einige Leute haben mit den Schmucksteinen vor allem eins im Sinn: steinreich zu werden. Eine Beobachter-Stichprobe zeigt, dass der Schwindel bei diesem Millionengeschäft nicht bloss in ein paar esoterischen Hinterhofläden stattfindet, sondern auch bei renommierten Unternehmen. Die Migros, die Warenhäuser Epa, Manor und Jelmoli sowie mehrere hundert Apotheken und Drogerien verkauften die falschen Steine im grossen Stil. Nachweislich wurden mehrere 10000 gefälschte Armbänder unter die Leute gebracht – sei es als Steinimitate oder als echte Steine, die falsch deklariert wurden.

Der Beobachter kaufte drei nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Power-Armbänder bei der Migros und liess sie im Schweizerischen Gemmologischen Institut in Basel – einem renommierten Labor für Edelstein- und Schmucksteinforschung; weltweit gibts davon ein halbes Dutzend – analysieren. Die Untersuchung dauerte nur wenige Minuten. Dann stand fest: Was die Migros als «Jade honigfarben» verkaufte, war in Wirklichkeit Kalzit. Dieser Marmorstein kommt in der Natur wesentlich häufiger vor als Jade – und ist somit billiger.

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Daraufhin wurde das ganze Sortiment – bestehend aus 24 verschiedenen Steinsorten – mit verschiedenen Methoden analysiert. Das Resultat war erschreckend:

  • Zwei «Steine» waren gar keine natürlichen Produkte: Was als «Goldstein» oder «Bergkristall» verkauft wurde, war simples Glas. Verkaufspreis: ab 16 Franken. Wert: ein paar Rappen.
  • Sieben weitere Armbänder bestanden aus echten Steinen, wurden aber falsch deklariert: «Jade honigfarben» ist in Tat und Wahrheit Kalzit, «Riverstone» Riffkalk, «Unika» Unakit, «Jade grün» und «Aventurin rot» sind Quarzite, «Streifen-Onyx» und «Jaspis fancy» Chalcedon fancy. Das sind häufig vorkommende und damit zum Teil auch billigere natürliche Steine.

Fazit: Von den 24 getesteten Produkten stellten sich neun Schmucksteinarten als Fälschungen heraus. Und zwar nicht bloss in der Migros. Denn die Warenhäuser Jelmoli, Epa und Manor sowie die Apotheken und Drogerien haben den gleichen Lieferanten: die Herba-Imodac AG im aargauischen Aarburg. Die Firma ist auf Haarschmuck und Accessoires spezialisiert und hat bis heute 205000 Power-Armbänder verkauft.

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Beobachter-Recherchen zeigen klar: Die Herba-Imodac stützte sich fahrlässig auf Behauptungen des deutschen Lieferanten; eigene Untersuchungen über die Echtheit der Steine wurden nicht gemacht. Herba-Imodac-Geschäftsführer Moritz H. Weber gibt zerknirscht zu: «Wir waren zu gutgläubig und haben die Behauptungen unseres Lieferanten Global Spirits in Köln nicht nachgeprüft.»

Zertifikate spurlos verschwunden
Global-Spirits-Inhaber Manfred Keller behauptete gegenüber seinen Kunden, er habe Echtheitszertifikate für sämtliche seiner Produkte. Kontrolliert hat das allerdings niemand – weder der Schweizer Importeur Herba-Imodac noch die Endverkäufer. Erst als der Beobachter zu recherchieren begann, verlangten die Schweizer in Köln genauere Auskünfte. Und siehe da: Die angeblich vorhandenen Echtheitszertifikate fehlen präzis für jene Steine, die sich in der Analyse als Fälschungen entpuppten. Global-Spirits-Chef Keller wollte sich gegenüber dem Beobachter nicht zu den Fälschungen und zur Herkunft der Steine äussern.

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Weil die Migros und die Warenhäuser nicht absichtlich gefälschte Ware verkauften, liegt kein Straftatbestand vor. Ganz aus dem Schneider sind die Verantwortlichen aber noch nicht. «Auf jeden Fall wurden elementare Sorgfaltsregeln verletzt», sagt Henry A. Hänni, Direktor des Schweizerischen Gemmologischen Instituts. «Jeder Händler hat sich von der Echtheit der Produkte zu überzeugen, die er verkaufen will. Wenn er dies nicht selber tun kann, so muss er ein anerkanntes Labor beiziehen.»

Inzwischen haben die betroffenen Läden reagiert: Die gefälschten Goldstein- und Bergkristall-Armbänder wurden aus den Regalen entfernt und die falsch deklarierten Steine mit neuen Etiketten versehen. Und die getäuschten Käuferinnen und Käufer? «Sie erhalten von uns ein anderes Armband aus garantiert echten Steinen», verspricht Herba-Imodac-Chef Weber.

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Fälschungen sind aber nicht nur in Warenhäusern verbreitet, auch bei den kleinen Steinläden taucht immer wieder falsch deklarierte Ware auf. So entdeckte Experte Hänni etwa Kunstharz, das als Bernstein verkauft wurde. Er zeigte den Händler an: 14 Tage Haft bedingt und eine Busse von 3000 Franken wegen Handels mit gefälschter Ware waren die Folge.

Und im nur einen Steinwurf von Hännis Labor entfernten Schmuckladen machte er vor wenigen Wochen zwei Quarzbänder aus, deren Steine sich als simples Glas entpuppten. Dies obwohl in der Schaufensterauslage mit einer «Echtheitsgarantie, Topqualität und professioneller Beratung» für die Power-Armbänder geworben wird. Andernorts tauchten schon gefärbte Rinderknochen als Lapislazuli auf. Für Laien sind derartige Schummeleien meist nur schwer zu erkennen.

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Für die enttäuschten Kunden mag es ein schwacher Trost sein, für die Händler vielleicht der Rettungsanker: Nimmt man die buddhistische Lehre beim Wort, so spielt es überhaupt keine Rolle, welchen Wert das Material des Armbands hat. Es darf sogar Holz sein.

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