«Schatz, kannst du bitte nach Kopi sehen? Ich glaube, er hat sich mal wieder in Blackys Leine verheddert.» Ein Blick aus dem Fenster gibt meiner Partnerin Lisa recht: Unser Hausroboter Kopernikus, kurz Kopi, hat es wieder einmal geschafft, sich von unserem Hund Blacky an die einzige Palme vor unserem Haus fesseln zu lassen.

Auf Partys Getränke servieren und Müll zum Energiekonverter raustragen, das kann er ganz gut. Als Hundesitter aber weist Kopi definitiv noch Mängel auf. Da aber unsere beiden Kinder Elias und Anna heute Vormittag Sozialdienst leisten, Lisa unterwegs ist und ich mitten in der Arbeit stecke, unser Hund seine Bedürfnisse jedoch nicht ohne gravierende Folgen für Parkett und Teppich endlos ignorieren kann, muss Kopernikus ran. Und ich dann wieder einmal mit selbstverordneter Engelsgeduld das Durcheinander aus Hund, Roboter, Baum und Leine entwirren.

Aber halt – ich habe ja ganz vergessen, mich vorzustellen. Ich heisse Beat Müller, bin 1978 geboren, jetzt also 57 Jahre alt. Wir wohnen in Ebikon, einem Ort in Schweiz Mitte in der Nähe von Luzern. Mein Geld verdiene ich als Informatiker Leistungsklasse 1 bei der Schweizer Bankgenossenschaft. Für die jüngeren Semester unter Ihnen: Das ist die ehemalige UBS, Anfang dieses Jahrhunderts die grösste Bank der Schweiz und der Stolz des helvetischen Finanzplatzes. Bis 2008, so liess der damalige UBS-Präsident Marcel Ospel im Jahr 2005 verlauten, strebe seine Bank im Investmentbanking die weltweite Führung an. Eine ausgesprochen schlechte Idee mit schwerwiegenden Folgen für die Schweizer Wirtschaft.

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Die UBS handelte in ihrer Gier wie so viele Investmentbanken mit faulen US-Hypothekenkrediten und geriet mit in einen weltweiten Abwärtsstrudel, der nicht nur etliche Finanzhäuser die Existenz und Hunderttausende von Anlegern ihr sauer Erspartes kostete, sondern zudem der Welt eine jahrelange Rezession bescherte. 2008 musste der Schweizer Staat mit Steuergeldern und Darlehen gegen 70 Milliarden Franken dem schlingernden Finanzschiff aus der Krise helfen. Schliesslich wurde die UBS verstaatlicht – es stand zu viel Geld aus der Staatskasse auf dem Spiel, als dass man die Bank – und damit das Geld – weiterhin aufsichtslos irgendwelchen Bankern anvertrauen wollte.

Hochhäuser, Hochhäuser, Hochhäuser

Aber Sie wollen ja wissen, wie wir heute so leben. Nun, wo soll ich anfangen? Unsere Familie ist finanziell und sozial privilegiert. Wir wohnen in einem – geerbten – Haus mit Umschwung. Das hat heutzutage Seltenheitswert, Boden ist angesichts der acht Milliarden Menschen, die mittlerweile auf dem Planeten Erde leben, enorm teuer, und Verbrauch wie auch Besitz sind stark reglementiert. So leben immer grössere Teile der Bevölkerung in Hochhäusern, die teilweise sogar auf Stelzen über bestehender Bausubstanz erstellt wurden.

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Praktisch sind die Gyrokopter. Diese Leichtbau-Helikopter brauchen extrem wenig Energie, die wir übrigens aus Haushaltsmüll generieren, bieten Platz für zwei bis drei Personen, können via Satellit ferngesteuert werden und kommen als führerlose Taxis zum Einsatz. Praktisch alle modernen Hochhäuser haben sogenannte Docking-Stations in jeder Etage, von denen aus die Bewohner bequem in den Gyrokopter einsteigen können.

Gyrokopter gibt es zwar schon seit mehr als drei Jahrzehnten, aber erst in den letzten Jahren hat ihre Verbreitung enorm zugenommen. Es gab ein langes Tauziehen zwischen der zuständigen Kommission des Bundesamts für Zivilluftfahrt und den Wirtschaftsvertretern. Auch wenn der Kantönligeist seit bald einem Jahrzehnt seinen Geist ausgehaucht hat – die Schweiz ist jetzt nurmehr in sieben Regionen aufgeteilt –, mahlen die Mühlen der helvetischen Politik nach wie vor langsam. Mir persönlich sind die Gyrokopter etwas unheimlich. Meine Frau meint, ich sei halt einfach noch im letzten Jahrhundert verhaftet, unfähig, mich an Neues zu gewöhnen, eben etwas altmodisch. Ich finde aber, es gibt gute Gründe, den Transportinsekten, wie die Kinder sie nennen, zu misstrauen. Immer wieder passieren schlimme Unfälle, bei denen sich die Rotoren oder Heckruder von zwei Gyros verheddern. Und ehrlich gesagt ist mir ein Unfall am Boden immer noch lieber als einer in der Luft.

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Quelle: Georg Wagenhuber

Aussehen wie Barbie und Ken

Uff, geschafft, inzwischen habe ich erfolgreich Beseeltes von Unbeseeltem getrennt. Ich warte wirklich sehnlichst auf das Doggy-Upgrade, das Schluss machen soll mit dem Leinenzirkus – «Kopernikus, geh jetzt ins Haus, die Wäsche machen».

Meine Arbeit verrichte ich, wie die meisten Schreibtischtäter heutzutage, nicht in einem Büro. Viele Firmen haben gemeinsame Arbeitsstätten im Dienstleistungsbereich abgeschafft, das Büro ist nicht nur papierlos, sondern auch raumlos geworden. Statt Geld für Bau und Unterhalt auszugeben, haben Unternehmen schon vor etlichen Jahren ihre Bürokomplexe als Wohnungen verkauft oder vermietet. Als Nebeneffekt wurde so die vorherrschende Wohnungsnot in den Ballungsgebieten gelindert. Und die Mieten sanken erst noch.

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Sitzungen werden nun im virtuellen Raum abgehalten. So sparen die Unternehmen zusätzlich Transport- und Fahrspesen. Alles Auswirkungen der Finanzkrise Anfang des Jahrhunderts, aber auch der rapide schwindenden natürlichen Energieressourcen. Lisa hingegen arbeitet oft ausser Haus. Sie ist Architektin und leitet derzeit den Neubau eines Stelzenhauses in der Nähe von Zürich.

Dass wir finanziell gut gestellt sind, erlaubt unserer Familie neben einem eigenen Haus einen weiteren Luxus: den der körperlichen Imperfektion. Unsere Tochter wird nicht wie die meisten in ihrer Schulklasse Nase, Ohren oder später Busen bis zur Barbie-Perfektion richten lassen. Auch Elias wird stolz mit seinen Segelohren durchs Leben gehen können. Denn Natürlichkeit, im Extremfall sogar Hässlichkeit, ist ein Gut, das sich nur leisten kann, wer nicht darauf angewiesen ist, aus beruflichen und damit finanziellen Gründen dem Durchschnitt zu entsprechen.

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Quelle: Georg Wagenhuber

Neues Problem: Kriminelle Alte

Noch vor 30 Jahren, mit dem ersten Boom der Schönheitsoperationen, gab es Pfusch en masse: auslaufende Silikonkissen in der Brust, Schienbeinverlängerungen, die aus jungen Menschen mit kurzen, aber gesunden Beinen Rollstuhlfahrer machten, Popstars, deren unzählige Male korrigierten Nasen löchrig wurden, Lippen wie Schlauchboote, konstant grinsende Visagen.

Da sich mit dem Wunsch nach Schönheit und Perfektion viel Geld verdienen liess und lässt, wurde in diesem Bereich tüchtig geforscht. Die Fortschritte, die in der kosmetischen Chirurgie gemacht wurden, kommen auch der rekonstruktiven Medizin zugute. Wer heute etwa eine Beinprothese benötigt, dem wird ein entsprechendes künstliches Körperteil eingepflanzt, das sich nicht nur über Gedanken steuern lässt, sondern sich selbstverständlich auch auf den zweiten Blick nicht im Geringsten von einem natürlichen Bein unterscheidet. Menschen mit Technoteilen, die es in meiner Jugend bloss in Science-Fiction-Geschichten und billigen US-Fernsehserien gab, wurden damals Cyborgs genannt. Heute verwenden wir diesen Ausdruck nicht mehr. Er gilt als politisch nicht korrekt und damit als diskriminierendes Schimpfwort.

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Wie bitte? Ach, der Kühlschrank. Nein, der ist kein spezieller Luxus. Den finden Sie in vielen Haushalten. Dass Kühlschränke selbständig via Web Milch und Butter nachbestellen, ist mittlerweile normal. Unserer meldet zudem, dass sich die aufgeschnittene Salami gefährlich dem Verfallsdatum nähert, und liefert gleich noch Rezeptvorschläge. Was mir nach wie vor viel mehr Eindruck macht, ist der Fortschritt im Online-Shopping: Mussten früher auf der Suche nach dem richtigen Joghurt mühsam Aberdutzende von daumennagelgrossen Bildchen am Bildschirm durchgesehen werden, kann man jetzt die Waren im virtuellen Raum nicht nur dreidimensional anschauen, sondern auch greifen und in den Warenkorb legen. Holographische Darstellungen haben mittlerweile auch die Telekommunikation erreicht. Wenn ich Lisa anrufe, erscheint sie – zwar klein, aber dreidimensional – über der Bedienoberfläche meines Handys.

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So, jetzt müssen wir aber wirklich Anna und Elias vom Sozialdienst abholen. Vor einigen Jahren zeichnete sich ab, dass mit der demographischen Verschiebung – das durchschnittliche Sterbealter liegt heute bei 85 Jahren – die finanzielle wie auch die pflegerische Altersversorgung bald kollabieren würde. Ein Systemwechsel stand an. Jetzt müssen junge Einwohner Sozialstunden bei der Betreuung und der Pflege von Alten leisten. Die werden dann ihrem eigenen Alterskonto gutgeschrieben. Das Modell hat nicht nur den Vorteil, dass es die öffentliche Hand und die Sozialwerke entlastet, sondern auch den Nebeneffekt, dass die Jungen umfassender sozialisiert werden und das Verständnis zwischen den Generationen wächst.

Quelle: Georg Wagenhuber
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Ein relativ grosses Problem sind die kriminellen Alten. Immer mehr verarmte, betagte Menschen geraten aus Not und oft auch aus Langeweile auf die schiefe Bahn. Und da heute ein 70-Jähriger so rüstig sein kann wie früher ein 50-Jähriger, haben viele auch die körperliche Verfassung, die das anstrengende Leben als Outlaw fordert. Obwohl erste Warner die Gefahr schon früh erkannten – bereits Mitte des 20. Jahrhunderts beschrieb ein Arzt der damaligen Psychiatrischen Heilanstalt Burghölzli in Zürich eine Zunahme der Alterskriminalität innerhalb von 20 Jahren um 55 Prozent –, wurde die Gefahr lange verharmlost. Mittlerweile ziehen Alte in übleren Gegenden, etwa an der Zürcher Bahnhofstrasse, als marodierende Gangs durch die Häuserfluchten und verbreiten Angst und Schrecken. Deshalb bin ich trotz meiner Skepsis den fliegenden Taxis gegenüber froh, dass Lisa für den Heimweg den Gyrokopter nimmt und nicht am Hauptbahnhof auf den Zug muss.

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Wenn Sie wollen, können Sie sich vorne reinsetzen, Sie sehen dann mehr von der Stadt. Ja, Autos fahren heutzutage praktisch von selbst. Handschaltungen sind out. Die minimale Distanz zum vorderen Wagen, zum Bordstein und zu sonstigen Hindernissen ist programmiert: Ein Distanzfühler drosselt automatisch die Geschwindigkeit, wenn ich zu nah auffahre, wenn der vordere Wagen bremst oder der Bordstein der Gegenfahrbahn im Weg ist, etwa in einer Kurve. Rasen ist schon gar nicht mehr möglich, das Höchsttempo wird über Funk gesteuert. Da die Unfallgefahr damit massiv abgenommen hat, können heutige Autos viel leichter gebaut werden und verbrauchen deshalb viel weniger Energie. Aber auch wenn Autofahren mittlerweile kinderleicht ist, dürfen Junge unter 15 Jahren nicht selber «lenken» – eine Massnahme, um das ohnehin exorbitante Verkehrsaufkommen nicht noch mehr anschwellen zu lassen.

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Versuche, den privaten Verkehr weitgehend auf den öffentlichen umzulenken, scheiterten an den immer höheren Fahrpreisen. Die ambitionierten Pläne für Tiefbahnhöfe wurden zwar realisiert, der neue Berner Bahnhof etwa wurde wie geplant 2025, also vor zehn Jahren, fertiggestellt. Seine unterirdischen Perrons sind aber mässig gut besucht, das Fahrgastaufkommen bleibt weit hinter den damaligen Erwartungen der Planer. Das Schienennetz verlottert zusehends, häufige Fahrtunterbrüche sind an der Tagesordnung, Obdachlose bevölkern die Gänge. Züge werden heute vorwiegend von weniger begüterten Menschen benutzt, die sich kein Auto, keine Fahrten mit dem Gyrokopter und schon gar kein Gyro-Generalabonnement leisten können.

Quelle: Georg Wagenhuber
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Ferien auf dem Mond

Aber nicht nur unser tägliches Leben, der ganze Planet hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ein Grossteil der Pflanzen- und Tierarten ist inzwischen ausgestorben. Dafür erschaffen die Forscher immer neue. Zum Wohle der Menschheit, behaupten sie. Die mutierten Mäuse, die vor drei Tagen aus dem EMMA, dem European Mouse Mutant Archive im italienischen Monterotondo, entwichen sind, machen allerdings nicht gerade den Eindruck, humanitär unterwegs zu sein: Sie sind 1,5 Meter gross, rund 70 Kilo schwer, entsprechend kräftig und mit einem zum Rest des Körpers passenden Beisswerk ausgestattet. Bereits wurden Schäden an Dächern und Zäunen und umgepflügte Gärten gemeldet, sogar ein Kind wurde angefallen. Wohl wegen seines Butterbrotes. Eigentlich unglaublich, dass die Mäuse entkommen konnten, immerhin existiert das EMMA schon seit über 40 Jahren. Man sollte meinen, die hätten ihre Mutanten mittlerweile im Griff. Hoffentlich werden die Mausmonster bald gefunden. Wenigstens leuchten sie dank einem eingeschleusten Quallen-Gen im Dunkeln.

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Vielleicht werden wir dieses Jahr die Ferien doch eher auf dem Mond verbringen als in Italien, wo man Gefahr läuft, den gigantischen Mutantenmäusen in die Quere zu kommen. Elias liegt uns schon seit Monaten damit in den Ohren. Und übermässig teuer ist es ja auch nicht mehr.