Wir sind beide Macher. Darum haben wir uns vor sechs Jahren zu einem Neuanfang entschlossen. Meine Frau und ich wollten unsere Hobbys zum Beruf machen. Ich war schon früh von Astrofotografie fasziniert. Science-Fiction-Romane haben mein Interesse fürs All geweckt. Jitka beschäftigte sich ebenfalls viel mit Fotografie. Wir konnten dann das alte Schulhaus in Lü erwerben. Das Gebäude stand seit den siebziger Jahren leer. Wir haben es abgerissen und ein neues Haus mit mehreren Wohnungen aufgebaut. Für die Sternbeobachtung haben wir drei motorisierte Kuppeln. Die Teleskope sind von unserem Computerraum aus übers Internet steuerbar. So muss im Winter niemand bei minus 15 Grad draussen frieren.

Die Wohnungen und Teleskope vermieten wir an Amateurastronomen. Laien und Anfängern bieten wir Kurse an. Auch Wissenschaftler und Universitäten nutzen unsere Anlage. Kürzlich war ein US-Team hier, das die Atmosphäre von Pluto studierte, als dieser einen hellen Stern bedeckte. An 20 Stellen in Mitteleuropa versuchten Forscher, das aufzunehmen. Gelungen ist es nur in Lü und an zwei anderen Orten.

Auf der Suche nach der schwarzen Nacht

Die Astrofotografie braucht einen klaren Himmel und dunkle Nächte. Ideale Bedingungen findet man in unbesiedelten, trockenen Gebieten wie New Mexico oder Teneriffa. Ein ähnlich gutes Umfeld gibt es in der Schweiz nur selten.

Wir wussten genau, was wir wollten: einen dunklen Ort auf mindestens 1600 Meter über Meer, mit trockenem, sonnigem Klima und möglichst vielen klaren Nächten. Gesucht haben wir mit den Wetterstatistiken von Meteo Schweiz und mit Google Earth. Nach vielen virtuellen Flügen sind wir im Münstertal gelandet. Wir haben an mehreren Orten die Dunkelheit gemessen. In Lü haben wir eine ausnehmend schwarze Nacht gefunden. Hier kann man Galaxien beobachten und fotografieren, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind.

Ein Vorteil des Münstertals ist, dass es bald zusammen mit dem Schweizer Nationalpark zum Unesco-Biosphären-Reservat wird. Dadurch wird exzessives Bauen verhindert. Das sollte die Lichtverschmutzung weiterhin in Grenzen halten – sofern das umliegende Italien mitmacht. Hier oben ist der Nachthimmel von Sternen übersät. Je näher man bei einer Stadt ist, umso stärker ist die Nacht aufgehellt. Der Himmel wird milchig, das Sternenlicht überdeckt. Das verunmöglicht gute Astrofotografien.

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Lü eignet sich auch besonders, weil es auf fast 2000 Meter auf einer nach Süden ausgerichteten Sonnenterrasse liegt. Hier herrscht ein ideales Mikroklima. Zwar ist die Trockenheit für die Nasenschleimhäute ein Problem, aber für die Astrofotografie ein Muss: Feuchtigkeit lässt die Atmosphäre flimmern, das verschlechtert die Aufnahmen.

Wir arbeiten mit sehr langen Belichtungszeiten. Wenn die Bedingungen stimmen, werden Nebel sichtbar, die von blossem Auge nicht zu erkennen sind. In unserem Wohnzimmer hängt ein Bild, das 40 Stunden lang belichtet wurde. Das Teleskop wird so zur Zeitmaschine, die uns erlaubt, weit in der Vergangenheit zu forschen, immer näher an den Anfang von allem heran – an den Urknall.

Diese unendliche Weite relativiert unsere Existenz: Für uns ist die Erde enorm wichtig, in Bezug auf das All ist sie aber unscheinbar und zerbrechlich. Oft fragen uns die Leute, ob es ausserirdisches Leben gibt. Wir halten das für sehr wahrscheinlich. Es gibt hundert Milliarden Galaxien, und jede hat Hunderte von Milliarden Sterne. Viele dieser Sterne scheinen auch von Planetensystemen umgeben zu sein. Es ist wahrscheinlicher, dass es dort draussen irgendwo Leben gibt, als im Lotto zu gewinnen.

Das Kleinhirn auf dem Mars

Wir haben immer als gleichberechtigtes Team gearbeitet. Das ist für uns sehr wichtig. 30 Jahre lang haben wir uns beruflich mit Grundlagenforschung im Bereich des Zentralnervensystems beschäftigt. Wir forschten nach neuen Therapien für Hirn- und Rückenmarksdefekte. Wir lebten zwölf Jahre in den USA, arbeiteten an der Harvard-Universität und als Professoren an der Iowa State University. Es war jedoch immer unsere Absicht, in die Schweiz zurückzukehren. Wir haben uns hier kennengelernt, an der Universität Lausanne. Geboren wurden wir beide in Prag. Ich wuchs seit 1968 in der Schweiz auf, Jitka kam in den achtziger Jahren.

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Einmal haben wir Hirnforschern ein Bild von ausgetrockneten Flussbetten auf dem Mars gezeigt. Sie hielten das für ein Präparat aus dem Kleinhirn. Der Unterschied war fast nicht erkennbar. Uns fasziniert diese Ähnlichkeit von sehr grossen Strukturen mit solchen des Mikrokosmos. Alles hängt zusammen und entwickelt sich im ewigen Reigen der kosmischen Evolution. Eine Kultur von Nervenzellen, die man nur mit einem Mikroskop erkennt, kann einer Anhäufung von Galaxien ähnlich sehen.

In das Alpine Astrovillage haben wir unsere ganze Existenz investiert. Per aspera ad astra – auf rauen Wegen zu den Sternen: Das lateinische Sprichwort ist auch für unser Projekt symbolisch. Man könnte meinen, die Gemeinschaft hier im abgelegenen Dorf sei verschlossen. Wir werden aber überhaupt nicht wie Fremde behandelt. Die Leute kennen uns und interessieren sich sehr für unsere Arbeit. Wir sind gut aufgenommen und schnell ein Teil der Gemeinschaft geworden. Wir wurden auch schon gefragt, ob wir eine der Kuppeln als Hochsitz für die Jagd ausleihen würden – im Spass natürlich.