Mein eigenes Handy habe ich natürlich auch für 24 Stunden im so genannten Handyhort deponiert. Diese ungewohnte Situation bereitete mir schon etwas Mühe. Zu gerne hätte ich kurz nachgeschaut, ob mich jemand erreichen wollte und warum, obwohl in meinem Bekanntenkreis die meisten wussten, dass ich als Projektleiter bei dieser zweitägigen Aktion selber mitmache. Nach 24 Stunden stellte ich fest: Ich hatte nichts verpasst. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass 90 Prozent der Informationen unwichtig sind. In den öffentlichen Verkehrsmitteln bekommt man ja zur Genüge mit, wie inhaltslos die Gespräche oft sind.

Jugendliche wollen nicht verzichten
Seit zehn Jahren spielen bei der technologischen Entwicklung in der Kommunikation auch soziologische Aspekte mit. Die Frage, was das Handy mit den Benutzern und Benutzerinnen macht, beschäftigt mich schon lange – das ist ein spannendes Forschungsgebiet.

Meine zweitägige Kampagne war Teil der Veranstaltungsreihe «vernetzt einsam» des soziokulturellen Zentrums Karl der Grosse in Zürich. Die Idee dazu entwickelte ich im Rahmen meiner Ausbildung zum soziokulturellen Animator an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern. Ich sehe mich nicht als Weltverbesserer, sondern mache mir einfach Gedanken über den sinnvollen Umgang mit diesen modernen Errungenschaften. Was bringt es, gleich hier und jetzt jemanden anzurufen? Wie lange soll man selber ein Thema durchdenken, bevor man zum Handy greift?

Mein Kollege, ein Schauspieler, und ich haben zwischen 100 und 150 Leute auf der Strasse angesprochen und sie zum Mitmachen animiert. Der Grossteil reagierte locker, gelassen und amüsiert. Ich hatte mit mehr Missfallen gerechnet. Doch sobald es ernst galt, das Handy für 24 Stunden in unserer Obhut zu lassen und einen verbindlichen Vertrag zu unterzeichnen, krebsten die meisten zurück: Gerade jetzt würden sie auf eine wichtige Nachricht warten oder hätten versprochen, gleich zurückzurufen. Ganze zwölf Passanten konnten sich zum Verzicht durchringen. Weitere acht zeigten sich bei der Mini-Aktion «Happy Hours» bereit, wenigstens für zwei Stunden vom Netz zu gehen. Ich selber hatte mit 50 Freiwilligen gerechnet.

Bezeichnend ist, dass sich von den Jugendlichen keiner und keine für dieses Experiment gewinnen liess. Alle schüttelten verständnislos den Kopf und sahen keinen Sinn hinter diesem Vorhaben. Für sie ist es unvorstellbar, sich ohne Handy zu bewegen. Zu den älteren Leuten war der Zugang einfacher. Sie suchten das Gespräch, um das eigene Unverständnis über den Trend in der heutigen Kommunikation zum Ausdruck zu bringen.

Es zeigt sich, dass der Handyboom eine Zeitgeisterscheinung bei der jüngeren Generation ist. Letztes Jahr war in der Schweiz pro Haushalt mehr als ein Mobiltelefon im Umlauf. Bereits jeder fünfte Erstklässler geht bei uns gemäss Bildungsdirektion des Kantons Zürich mit dem eigenen Handy zur Schule. Es gibt aber auch Grosseltern, die mittels SMS mit ihren Enkeln in Verbindung sein wollen und sich dafür den zeitgemässen Umgang mit dem mobilen Kommunikationsmittel beibringen lassen.

Nicht selten zeigt sich bei Handynutzern, insbesondere bei Jugendlichen, eine Tendenz zu Suchtverhalten. Die Betroffenen glauben, ohne das Handy nicht mehr funktionieren zu können. Wie ich gelesen habe, können sich nachweislich «Entzugserscheinungen» bemerkbar machen: Der Süchtige spürt zum Beispiel ein Surren in der Hosentasche, auch wenn er weiss, dass er das Handy zu Hause vergessen hat.

Nach 24 Stunden ohne Handy realisierten die Teilnehmer der Kampagne, wie wenig ihnen in dieser Zeit entgangen war. Am ehesten vermissten sie die digitale Zeitangabe. Viele haben es sich angewöhnt, das Handy rund um die Uhr bei sich zu haben und es am Arbeitsplatz oder im Restaurant neben sich auf den Tisch zu legen. Einigen fiel auch auf, wie anders man heute mit Terminvereinbarungen umgeht. Früher fixierte man ein Rendezvous per Festnetz zwei Wochen im Voraus, beispielsweise beim Treffpunkt im Bahnhof. Heute werden in der Zwischenzeit noch fünf bis sechs SMS ausgetauscht, und zu guter Letzt wird kurz vermeldet, man schaffe es nicht auf die Minute genau. Die Verspätung ist also mit eingeplant, vernetzt kann man sich ja nicht mehr verpassen.

Auffallend ist die Standardfrage «Wo bisch?». Mit dem Handy kann man die andere Person ja nicht orten. Es ist aber ganz wichtig, dass man sich eine Vorstellung über die Umgebung des Gesprächspartners machen kann. So übernimmt das Handy auch eine Kontrollfunktion.

SMS um drei Uhr nachts beantworten
Ich selber habe nach dieser Aktion meinen Umgang mit dem Handy neu überdacht. Wenn ich in Gesellschaft bin oder ein persönliches Gespräch führe, lege ich es aus Respekt vor dem Gegenüber zur Seite oder schalte es gleich aus. Jugendliche pflegen oftmals einen ganz anderen Umgang. Sie sind 24 Stunden nonstop auf Empfang. Das kann so weit gehen, dass man nachts um drei Uhr durch den Signalton eines eingegangenen SMS aufgeweckt wird und es sogleich beantwortet. Ich selber gehöre vermutlich zu den durchschnittlichen Usern. Pro Monat habe ich locker auch mal 200 SMS auf dem Konto. Ich glaube, das ist normal. Oder?

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