Hoch über dem Zürichsee bietet der Bauer Benno Dillier bei Pfäffikon SZ auf dem Lützelhof Naturalien feil: Obst, Gemüse, Konfitüren, Eier und Wurstwaren. Bezahlt wird mit dem Mobiltelefon. Und das geht so: Man ruft eine kostenlose 0800er-Nummer an, tippt auf Anweisung einer Bandstimme zuerst einen Standortcode und darauf den Kaufbetrag ein – und schon ist das Geld überwiesen. Direkt vom eigenen Postkonto auf jenes von Dillier. Auf dem Lützelhof wurde eine Idee verwirk­licht, die fast so alt ist wie das Mobiltelefon selber: zahlen mit dem Handy.

Die SBB haben dieses brachliegende Potential für Zahlungstransfers mit ihrem «MobileTicket Shop» schon 2005 erschlossen. Nach einer Registration über Internet und der Installation eines Java-Programms auf dem Handy kann man noch auf dem Perron des einfahrenden Zugs ein Billett kaufen. Das Ticket wird als codiertes MMS-Bild zurück aufs Mobiltelefon gesendet. Abgerechnet wird über eine Kreditkarte.

Ohne Kleingeld am Automaten

Auch Selecta und Swisscom nutzen das Mobiltelefon als Zahlungsmittel. Fehlt das Münz für den Schokoriegel, gibt es an rund 300 Standorten die Möglichkeit, den Automatencode an eine spezielle Nummer zu schicken. Danach kann man das Produkt auslösen. Der Kaufpreis plus 25 Rappen werden der Aborechnung zugeschlagen oder vom Prepaid-Guthaben abgebucht.

Bei den neuen Bezahlmöglichkeiten handelt es sich noch um Pionierprojekte. «Mobile Tickets» sind noch immer die grosse Ausnahme; die Anforderungen an Handy und Nutzer sind schlicht zu gross. Auch bei Selecta-Automaten mit Handyzahlung werden gemäss Mediensprecherin Esther Thomas erst 10 bis 20 Prozent der Bezüge bargeldlos getätigt. Da der Dienst nur von Swisscom-Kunden genutzt werden kann und Zusatzkosten verursacht, verwundert das nicht.

Dieses Handicap haben Bauer Benno Dillier und seine Kunden nicht. Das mobile Zahlungssystem, das auf dem Lützelhof zum Einsatz kommt, funktioniert mit jedem Mobiltelefon. Voraussetzung ist, dass der Käufer ein Postkonto besitzt und sein Handy vor dem ersten mobilen Einkauf für den Dienst «Zahlen mit dem Handy» über das E-Banking-Portal der Postfinance registriert. Das dauert keine zehn Minuten, kostet nichts und macht das Mobiltelefon zu einem mobilen Postschalter fürs eigene Postkonto.

Der entscheidende Unterschied zu den Projekten von SBB und Selecta ist, dass das «Zahlen mit dem Handy» nicht auf Produkte eines Unternehmens beschränkt ist. So kann man heute in drei Dutzend Schweizer Hofläden und dem Zürcher Szenelokal «Sarys» mit dem Handy zahlen sowie auf Park-and-ride-Anlagen der SBB und einigen kommunalen Parkplätzen seine Park­tickets lösen. Zudem bietet Postfinance auf ihrer Website einige wenige Produkte von Geschäftspartnern an, vom Zeitschriften­abo über Thermoskannen bis zum Regenschirm, die mit einer SMS bestellt und über das Postkonto bezahlt werden können.

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Bisher spärliches Interesse

Seit Ende April ist es sogar möglich, per Handy täglich maximal 100 Franken vom eigenen auf ein fremdes Postkonto zu überweisen. Das Online-Auktionshaus Ricardo hat diese minutenschnelle Zahlungsoption flugs in sein Angebot eingebunden. Voraus­setzung ist auch hier, dass Käufer wie Anbieter für den Postfinance-Dienst «Zahlen mit dem Handy» angemeldet sind.

Ist das also der Durchbruch für die alte Idee des Mobiltelefons als Portemonnaie? Das im Vergleich zur Barzahlung dürftige Angebot lässt nicht darauf schliessen. Auch die Nutzerzahlen sind noch gering. Erst 4500 Personen haben bis dato ihr Post­konto für «Zahlen mit dem Handy» registriert, sagt Marc Andrey, Mediensprecher von Postfinance. Diese Leute lösen damit monatlich «mehrere hundert Zahlungen» im Wert von «ein paar tausend Franken» aus. Peanuts also.

Leichter, stetiger Anstieg

Auch in den Hofläden ist das «Zahlen mit dem Handy» noch die Ausnahme, wie Josef Mettler freimütig zugibt. «Der Anteil am Umsatz liegt durchwegs im einstelligen Bereich», sagt der Bauer mit Hofladen bei Hor­gen und Mitbegründer der Firma «ePay24», die das Handy-Bezahlsystem für Hofläden entwickelt hat und auch vermarktet.

Trotzdem ist keiner der Beteiligten enttäuscht. «Wir sind Pioniere in einem ganz neuen Markt, da darf man nicht zu viel erwarten», gibt Mettler zu bedenken. Immerhin würden in den meisten Hofläden die Umsätze «leicht, aber stetig steigen». Und noch viel wichtiger: «Kunden, die das Zahlen mit dem Handy einmal ausprobiert haben, nutzen es immer wieder.»

Auch Postfinance-Sprecher Andrey verweist auf das «stetige Wachstum» und verspricht: «Wir sind nach wie vor überzeugt, dass das Handy zum Portemonnaie wird, und nehmen die Sache sehr ernst.» Mit neuen Marketingmassnahmen wolle man deshalb mehr Anbieter für «Zahlen mit dem Handy» und neue Nutzer gewinnen. Im Unterschied zur ersten Werbekampa­gne im letzten Jahr, die sich mit Ticketkauf für Musikfestivals vor allem an Jugendliche gerichtet hat, sollen heuer auch ältere Zielgruppen angesprochen werden.

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Bauer Benno Dillier wirds freuen. Denn obwohl auch er heute «weniger als fünf Pro­zent des Umsatzes» mit dem Handykässeli erzielt, will er in den nächsten Wochen seine Blumenfelder zum Selberpflücken fürs Zahlen mit dem Mobiltelefon ausrüsten. «Auf den Blumenfeldern bedienen sich vor allem Spaziergänger und Wanderer, die oft kein passendes Kleingeld im Sack haben. Ein Handy aber ganz bestimmt.»

Handy weg, Geld weg

  • Gefahren bestehen beim Zahlen mit dem Handy. Nur der «MobileTicket Shop» der SBB bietet dank separatem Passwortschutz Sicherheit vor Missbrauch. Bei den Selecta-Automaten ­sowie beim Dienst von Postfinance können alle Leute Käufe tätigen, die Zugriff aufs Mobiltelefon haben.

  • Postfinance ermöglicht über ihr Portal im Internet, eine monatliche Bezugs­limite festzulegen. Die mobile Geldüber­weisung auf ein anderes Postkonto ist auf 100 Franken täglich fixiert.

  • Als weitere Massnahme empfiehlt Postfinance-Sprecher Marc Andrey, den PIN-Code des Handys auch für den Wechsel vom Stand-by-Betrieb zu ­aktivieren und verlorene Geräte sofort sperren zu lassen. Vor allem aber: das Handy nicht herumliegen lassen.