Am arrogantesten sind die Deutschen. Da scheitere ich oft schon an der Gegensprechanlage. Wenn ich erkläre, ich würde kontrollieren, ob die Gebühren für Radio- und Fernsehgeräte bezahlt werden, schnauzen sie mich an und öffnen nicht. Die haben das Gefühl, in der Schweiz sei alles inklusive, also mit den Nebenkosten schon bezahlt. Zugleich haben sie auch die grösste Angst, weil in Deutschland die Gebühreneinzugszentrale hohe Bussen ausstellt. Deshalb melden sich die aufgescheuchten Deutschen nach einem solchen gescheiterten Besuch meist subito direkt bei der Billag-Zentrale in Freiburg. Das wird mir auch als erfolgreicher Abschluss angerechnet.

Billag-Kontrolleure werden voll auf Provisionsbasis bezahlt. Pro Abschluss 22 Franken. Letztes Jahr haben wir 40 Teilzeit-Aussendienstler 44'000 Schwarzhörer oder -seher melden können. Nur bei 700 musste das Bundesamt für Kommunikation eine Strafanzeige erlassen, nur bei 17 eine Hausdurchsuchung durchführen. Die Deutschen haben uns übrigens letztes Jahr am meisten eingebracht.

Meist gehe ich so zwischen 16 und 20 Uhr auf die Piste, mit meiner Mappe unter dem Arm und dem Billag-Ausweis an der Gurtschlaufe. Die Winterabende sind am ergiebigsten. Da sieht man schon von weitem, wo es in einer Wohnung Licht hat oder wo sogar ein TV flimmert. Ich achte darauf, ob eine Satellitenschüssel auf dem Balkon steht oder eine Radioantenne im Küchenfenster zu sehen ist. Vor der Haustür vergleiche ich die Namen auf den Klingelschildern mit den Billag-Zahlern auf meiner Liste. Ist jemand nicht drauf, läute ich.

Ein Kothaufen, fast einen Meter hoch

Bin ich bis ins Treppenhaus vorgestossen und stehe vor der Wohnungstür, gibt es bange Sekunden: Öffnet jetzt ein Zweimetermann mit Kampfdogge oder eine Frau im Négligé? Alles schon dagewesen. Im Zürcher Kreis 4 hat mal eine Prostituierte mit nacktem Busen die Tür aufgemacht. Sie erwartete einen Freier. Manchmal antwortet auch eine ausländische Frau, sie könne nicht öffnen, weil sie keinen Schlüssel habe. Nur der Mann habe einen, und der sei erst am Abend wieder da. Schrecklich. Diese Frauen sind die Gefangenen ihrer Männer. Aber da kann ich auch nichts machen.

Anzeige

In die Wohnungen will ich eigentlich gar nicht rein, denn erstens habe ich da keine Fluchtmöglichkeit, wenns eskaliert, und zweitens gehts im Treppenhaus schneller. Da kommt man nicht so ins Plaudern. Und die Wohnungen sind nicht immer appetitlich. Wie bei jenem Mann mit dem Papagei, dessen Käfig keinen Boden hatte. Der Kothaufen war fast einen Meter hoch.

Der Überraschungsmoment an der Haustür ist mein grösster Trumpf. Viele geben sofort zu, dass sie Radio, TV, Computer oder Handy haben, doch meinen, sie würden die Gebühren bereits mit den Miet-Nebenkosten zahlen. Das stimmt aber nicht. Ich kläre die Leute auf, dass man sich persönlich bei der Billag anmelden und auch für Computer oder Autoradio zahlen muss. Dann haben 80 Prozent das grosse Aha-Erlebnis, und die Sache ist mit Anmeldung und Unterschrift erledigt.

Die Billag ist kein Entsorgungsdienst

Nur ein verschwindend kleiner Teil ist wirklich renitent. Und da hör ich dann alles: von «für die schlechten Schweizer Fernsehprogramme zahl ich sicher nichts» über «ich schau nur ausländische Programme» bis hin zu «diese linken Journalisten bekommen von mir keinen Franken». Eine Frau hat mir sogar mal das Radio in die Hand gedrückt. Wenn man dafür zahlen müsse, wolle sie es nicht mehr. Ich gab den Apparat zurück und wies darauf hin, dass wir kein Entsorgungsdienst seien.

Als Buhmann der Nation fühle ich mich trotzdem nicht. Gar nicht. Klar gibt es derzeit hämische Bemerkungen im Stil von: «Gäll, häsch bald kän Job me.» Oder «bye-bye Billag!». Wegen der politischen Diskussionen um die TV-Gebühren. Da brauchts halt eine Elefantenhaut. Die hab ich mir in den 22 Jahren Aussendienst zugelegt.

Anzeige

Lügen erkenne ich sofort. Oft haben Lügner Schweissperlen auf der Stirn. Lustig war die Mutter, die behauptete, sie habe keinen Fernseher, die sechsjährige Tochter aber protestierte, sie schaue doch jeden Abend das Guetnachtgschichtli. Eine solche Lüge hat keine Konsequenzen, ist den meisten aber äusserst peinlich.

Richtig eskalieren tuts selten. Nur vereinzelt sind Billag-Kontrolleure die Treppe runtergestossen worden. Aber dann hat der Kontrolleur etwas falsch gemacht. Denn Streitereien und Drohungen führen zu nichts. Man muss den Menschen in den Arm nehmen und ihn überzeugen, dass er sich doch anmeldet. Deshalb sehne ich mich auch nicht nach den Zeiten zurück, als die PTT noch die Kontrollen gemacht haben. Wir konnten plombieren, beschlagnahmen, büssen. Das ganze Programm. Aber ich fühlte mich elend, wenn ich einem armen Schlucker den Fernseher wegnehmen musste.

Manche freuen sich über die Kontrolle

Früher war die Arbeit trotzdem einfacher: Die Leute waren häufiger zu Hause und kannten die Billag kaum. Damals konnten wir manchmal ganze Häuserblocks neu anmelden und hatten entsprechend viele Abschlüsse. Heute zahlen 95 Prozent der Privathaushalte anstandslos ihre Empfangsgebühren. Wir rennen also nur noch einem kleinen Häufchen hinterher.

Manchmal freuen sich Kontrollierte sogar, wenn ich komme. Das sind Eltern, die den Fernseher entsorgt oder weggeschlossen haben, weil die Jungmannschaft immer vor der Glotze gesessen ist. Sie trommeln dann die Kinder zusammen, zeigen auf mich und sagen: «Seht, Kinder, das ist der Mann, der kontrollieren kommt, ob wir wirklich nicht mehr fernsehen.» Da bin ich dann quasi der pädagogische Support, eine Art TV-Entzugs-Samichlaus.

Anzeige