Alles begann damit, dass Petter Neby einen neuen Wecker suchte. «Und zwar einen, der nur weckt», präzisiert Neby. «Ohne Radio, Zeitzonenregler, Sprachsteuerung und sonstigen Schnickschnack.» Der Software-Spezialist lacht und erzählt, wie er Laden um Laden abklapperte und dann die Suche aufgab.

Das war vor sieben Jahren. Mittlerweile hat er den gewünschten Wecker: seinen ­eigenen. Einen mit schlichtem Zifferblatt und einfacher Handhabung. Petter Neby gründete kurzerhand eine Firma in Lugano und lässt dort neben Weckern mittlerweile auch Telefone und Erweiterungssteck­dosen herstellen. Weitere Produkte sollen folgen – ein Nischenangebot mit Geräten, die nicht viel können. Aber das, was sie leisten müssen, richtig gut.

«Ich habe nichts gegen Technologie. Sie erleichtert den Alltag», sagt der 43-Jährige. «Aber mir scheint, wir haben die Kontrolle über die Dinge verloren. Wir hetzen Informationen nach, sind stets online abrufbar und konzentrieren uns nicht mehr aufs Wesentliche im Leben.» Der zweifache Vater und Besitzer von vier kleinen Software-Firmen setzte einen Punkt in seinem rastlosen Alltag und benannte seine Tessiner Firma danach: Punkt. Kurz und bündig.

Der gebürtige Norweger trifft einen Zeitnerv. Die Check-in-Maschine am Flughafen, der Billettautomat am Bahnhof, das neue Computerprogramm im Büro – wer ist daran nicht schon verzweifelt?

Es soll möglichst gut zu bedienen sein

Forscher haben ein Fachwort für die Mi­sere gefunden: Feature-Fatigue – die Übermüdung der Konsumenten angesichts von Geräten, die immer mehr können und entsprechend kompliziert zu bedienen sind. Laut einer Studie der Beratungsfirma McKinsey legen mittlerweile zwei Drittel der Konsumenten mehr Wert auf eine einfache Bedienung als auf die neusten technischen Extras.

Anzeige

Puristische Produkte haben da durchaus eine Chance. Das Tischradio Tivoli ­etwa, in den siebziger Jahren vom US-Ton­ingenieur Henry Kloss entwickelt, wurde zum Kultobjekt. Es hat sich bis heute in ­einer Neuauflage millionenfach verkauft. «Man schaltet es ein, der Ton ist perfekt, die nächste Radiostation per Drehknopf schnell gefunden», sagt Petter Neby, der ­eines dieser handlichen Geräte besitzt. Das Einfachstradio hat massgeblich zu seiner Geschäftsidee beigetragen.

Neby liebt Dinge, die gut gemacht sind. Wie seine handgenähten braunen Schnürschuhe, die er seit 15 Jahren trägt. Er hält sie mit Zedernholzspannern in Form und schickt sie alle zwei Jahre nach England – zum Besohlen. «Danach sind sie noch schöner und bequemer als zuvor. Im Idealfall halten die Schuhe ein Leben lang. Wie hoffentlich auch ­meine Geräte», sagt Neby.

Anzeige

«Meine Geräte halten hoffentlich ein Leben lang.» Petter Neby, Designer

Quelle: Claudio Bader

Das Durchstehvermögen hat er. Mit 18 gründet er in seiner Heimatstadt Oslo die erste Firma; er lässt für Schulen und Ver­eine T-Shirts mit deren Emblem herstellen. Mit 24 zieht er nach Paris und absolviert seine Lehrjahre in der Finanzabteilung ­eines grossen Hi-Fi-Herstellers. Später ­studiert er Kunst in Rom und Oslo. «Die Freude an der Kunst bekam ich vom Vater mit. Er sammelt zeitgenössische Kunst», erzählt Neby. «Bei uns zu Hause sah es aus wie in einer Galerie.»

Anzeige

Von der Kunst liess sich aber nicht ­leben. Neby spezialisierte sich auf mass­geschneiderte Software für Möbelfirmen in Italien. «Ich war ständig auf Achse», erinnert er sich. «Richtig schlimm aber wurde es, als das Smartphone aufkam. Mails und Messages frassen mich beinahe auf.»

Seine Frau war es, die ihn zur Besinnung brachte. Er hat die norwegische Bildhauerin während seines Kunstjahrs in Rom kennengelernt. Das Paar lebt heute mit zwei Söhnen von 13 und 14 etwas ausserhalb von Florenz, Kreuzpunkt ihrer beruflichen Wege. Sie hat ihr Atelier in der Region Carrara, er kann seine Kunden in Nord­italien und seine Firma Punkt in Lugano bequem mit dem Zug erreichen.

Die Nebys teilen ihr Dasein mit Hunden, Kaninchen, Schildkröten und Hühnern. «Meine Familie, meine Tiere haben mich geerdet und mir geholfen, Prioritäten zu setzen», sagt Neby. «Wenn ich zu Hause bin, gibts nichts Wichtigeres für mich als die Schulaufgaben der Kinder, den Futternachschub der Kaninchen oder den Hund, der zum Tierarzt muss.»

Anzeige

Das Telefon mit den grossen Tasten

Längst bleibt sein Smartphone ausgeschaltet, wenn sich die Familie am Abend trifft. «Essen und Smartphone – das geht für mich gar nicht.» Trotzdem schenkte Neby seinem älteren Sohn zum Geburtstag ein Smartphone. «Die Buben kennen meine Haltung. Sie haben auch kein Problem damit, dass sie nur samstags und sonntags für je zwei Stunden an den Computer dürfen.» Beide besuchen die Rudolf-Steiner-Schule und finden die zwei Stunden sogar grosszügig – manche Klassenkameraden müssen sich mit weniger begnügen.

Anrufe von zu Hause aus erledigt Petter Neby konsequent mit dem Punkt-Telefon, das er für sein altes toskanisches Haus entwickeln liess. «Es war dieselbe Geschichte wie beim Wecker – ich fand kein Haustelefon, mit dem man in guter Tonqualität einfach nur telefonieren kann.» Sein DP01 wurde von einem Team entwickelt, ist schnurlos, hat grosse Ziffertasten, liegt stabil auf dem Tisch oder kann an die Wand gehängt werden; es kostet 299 Franken. Der Wecker wiederum 185; er wird in Asien gefertigt. Neby hätte lieber in der Schweiz produziert, doch die Uhrenindustrie ist seit Jahren auf Armbanduhren fokussiert.

Anzeige

Wenn schon nicht «Made in Switzerland» auf den Geräten steht, wollte er ­zumindest den Firmensitz im Land. «Ein Geschäft in der Schweiz zu eröffnen und zu führen ist wesentlich einfacher als in Ita­lien», sagt Neby. Zudem passe die Schweiz zu seinen Produkten: «Sie haben Charakter – genau wie das Land auch.»

Weitere Infos: www.punktgroup.com