Selbsteinschätzung: «Weil ich bis vor kurzem eine Internetdomain hatte, findet man wohl meinen richtigen Namen ­heraus. Bilder hingegen findet man nur in Blogs.»

Angaben zur Person: Die scheinbar Anonyme: «Madame C» benutzt im Internet konsequent nur ihren Nicknamen und versucht damit, anonym zu bleiben. Fotos und Freunde verraten aber sehr viel über «Madame C». Als Quellen dienten die Einträge auf: Kaywa blip.fm, Picasa datasport.ch, Blog «Zum Runden Leder» und Twitter.

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Alle Twitter-Meldungen von «Madame C» von März 2011 bis 9. September 2011

Ein Foto von einem leeren Glas auf einem Balkongeländer, im Hintergrund eine Reihe Häuser: Viel mehr braucht es nicht, um die einstige Wohnadresse von «Madame C» zu finden. Dass sie in Bern wohnt, erwähnt sie gelegentlich, auch das Quartier ist dank ein paar digitalen Hinweisen ­einfach zu identifizieren. Der Rest ist Hand­arbeit: Mit Google Street View findet sich selbst die Wohnung, in der «C» einst wohnte, denn nur der erste Stock hat einen Balkon. Es ist eine Adresse mit einem zweifelhaften Ruf, wie sich weiter zeigt: Im Haus ist ein Bordell ­untergebracht, über das sich Freier in einem Internetforum austauschen.

«Dieses elende Bild», sagt «C», die sich «jahrelang über das Bordell auf­geregt» hat. Die Enddreissigerin ist seit rund zehn Jahren online präsent – immer anonym. Sie sei «völlig para­noid», was ihre Präsenz im Internet angeht, sagt sie und stimmt dem Beobachter-Experiment am Ende nur zu, wenn nicht einmal ihr normaler Übername erwähnt wird. «Ich will nicht, dass ­Aus­senstehende einen Link zwischen ‹Madame C› und meiner realen Person machen können.»

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Auch mit Freunden verkehrt sie deshalb nur per Pseudonym – und per Sie. Trotzdem verraten die Bekannten via Facebook und Blogs einiges über «Madame C»: welche Fussballspiele sie besucht, welche Filme sie sich angeschaut hat und wie man gemeinsam auf dem Zürichsee Pedalo fahren ging.

Die Verknüpfung zwischen virtueller und realer Person ist dann trotz aller Vorsicht mit nur ein paar Mausklicks hergestellt. Vor ein paar Jahren hat sich die technisch Versierte eine Internetdomain für ihren Nicknamen reserviert – und sich damit zu erkennen gegeben. Eine spezielle Suchmaschine liefert selbst nach Jahren noch die damals ­aktuelle Wohnadresse – und damit den richtigen Namen von «Madame C». Die in einem Online-Archiv gespeicherten Websites enthüllen zudem einen ehemaligen Nicknamen von «Madame C». Heute benutzt sie diesen nur noch, um Bilder in Internet-Foto­diensten abzuspeichern. Prompt finden sich dort ­öffentlich zugängliche private Bilder. Ano­nymität ade.

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Mit dem richtigen Namen und ein paar Hinweisen auf Facebook und im Blog braucht es dann nur noch wenig, um auch den Arbeitgeber von «Madame C» ausfindig zu machen: Eine fingierte Einladung, geschickt von einem eigens eingerichteten Mailkonto, reicht. «Kennen wir uns?», fragt «Madame C» zurück. Jetzt schon.