Der hippste Ort der Schweiz ist Kirchlindach. Zumindest für Gamer. Aus aller Welt reisen sie herbei, um in der Abgeschiedenheit des Berner Dorfs ­ihre Skills zu trainieren, ihre Geschicklichkeit im Computerspiel. Dafür leben bis zu zehn junge Männer in einem 150-jährigen Haus, das einst Käserei war.

Der wichtigste Raum ist die Spielhalle mit den sechs PC-Stationen. Doch auch die Küche ist unverzichtbar – hier lagern Frühstücksflocken sackweise, Pasta und Konserven stapelweise. Und dann gibts noch das lange, schmale Zimmer mit den drei Kajütenbetten. Dort wohnen die Profis, die mehrere Monate zu Gast sind. Besonders einladend sieht es nicht aus, das Zimmerchen, neben den Betten findet bloss noch ein Stuhl Platz.

Aber die Jungs sind sowieso nicht zum Schlafen da. Ihre Online-Wettkämpfe mit Gegnern aus anderen Zeitzonen dauern meist bis tief in die Nacht. Darum stehen sie am anderen Tag auch erst gegen Mittag mit kleinen Augen vor dem Kühlschrank, bevor sie um 13 Uhr mit dem mehrstündigen Training beginnen.

Jung Ji Hoon, Stefan Mott und Jay Boek­staff sitzen vor ihren Monitoren. Eine Hand auf dem Keyboard, die andere an der Maus, die Augen auf dem Bildschirm, wo eine Horde vielfüssiger digitaler Wesen Kristalle abbaut. Ab und zu klicken die drei blitzschnell auf Nebenschauplätze, von denen sich Feinde nähern könnten. Starcraft 2 heisst das Spiel – und die Gamer von Kirchlindach betreiben es professionell, Leistungssport mit Maus und Keyboard. Und sie verdienen Geld damit, viel Geld.

Anzeige

Berner Firma mit weltweiter Ausstrahlung

«Starcraft ist das anspruchsvollste Computerspiel, das es gibt», sagt der 21-jährige Cédric Schlosser. «Mich macht es meist nach kurzer Zeit wahnsinnig.» Deshalb hat Schlosser – zwar selbst leidenschaftlicher Gamer – eine andere Rolle im Team: Er ist der Chef. Mit Freunden gründete er vor drei Jahren das professionelle Gamerteam «Myinsanity». Die vier Freunde betreiben das Gamerhaus und bezahlen die Miete – es ist zugleich ihre WG. Ein grosser Teil der Restkosten wird durch Sponsoring gedeckt.

Die vier Jungs im Vorstand von Myinsanity haben grosse Pläne: Sie wollen davon leben können, dass sie in ihrem Berner Dorf eine Art Durchlauferhitzer für die internationale Gamerszene managen. International ist das sogenannte Progaming, das professionelle Spielen am Computer und an der Konsole (Playstation 4 oder Xbox One), bereits eine grosse Sache. Weltweit gibt es über 3,5 Millionen Starcraft-Spieler. Am populärsten ist das Game in Südkorea. Die besten dortigen Profis verdienen im Jahr 100'000 bis 200'000 Dollar. In den USA gibt es die Major League Gaming – die veranstaltet Ende Juni einen Starcraft-Wettbewerb mit Preisgeldern von 150'000 Dollar.

Anzeige

E-Sport wird bestenfalls belächelt

In der Schweiz ist das Profi-Gamen nicht einmal eine Randsportart. «Wir kämpfen hier noch mit mehr Vorurteilen als in anderen Ländern», sagt Vinzenz Kogler, der Präsident des Schweizer E-Sport-Verbands.

E-Sportler tragen ihre Wettkämpfe mit Hilfe von Computerspielen aus. Lange Jahre seien sie bestenfalls belächelt, ihre Leistungen nicht anerkannt worden. Die Medien hätten, wenn überhaupt, meist negativ berichtet. In die Schlagzeilen geraten immer wieder Shooterspiele, weil sie mit Amokläufen in Schulen in Verbindung gebracht werden.

Inzwischen zeigen allerdings zahlreiche Studien auf, dass Shootergames allein keine Amokläufer hervorbringen – die Verfügbarkeit realer Waffen ist das weit grössere Problem. Shooterspiele gehören zudem zu den beliebtesten Titeln überhaupt, auch in der Schweiz: Von den zehn beliebtesten Playstation-4-Spielen im Juni sind sieben Kampf- oder Shooterspiele.

Anzeige

Frauen findet man in der E-Sport-Szene kaum. Wer die Berner Jungs nach Gründen fragt, erntet Schulterzucken. Immerhin: Die deutsche E-Sport-Gruppe Killerfish hat inzwischen ein reines Frauenteam. «Wir hätten gern mehr Frauen», sagt Myinsa­nity-Chef Schlosser. Dann fällt ihm ein, in Kanada gebe es eine enorm gute Starcraft-Spielerin, Scarlett heisse sie. «Allerdings», fügt er an, «war sie früher ein Mann.»

Kost und Logis sind im Gamerhaus gratis

Die Jungs von Myinsanity verteidigen sich immer wieder ungefragt, wenn sie von ­ihrem Haus erzählen. Gamen sei ein ernstzunehmender Sport, sagen sie, und zudem ein erstklassiges Tummelfeld für Sponsoren, die junge Männer erreichen möchten. Gut 1000 Euro zahlt Myinsanity seinen Profis im Monat, aus Sponsoringgeldern. Kost und Logis sind im Gamerhaus in Kirchlindach gratis.

Anzeige

Drei Koreaner sind momentan in den Diensten der Schweizer. Etwa Jung Ji Hoon alias Jjakji. Seine zierlichen Finger fliegen über die Tastatur, während die Schauplätze auf dem Monitor ständig wechseln. «Jjakji ist besonders stark im Multitasking», sagt Cédric Schlosser. Und wenn sie mit ihm durch Bern spazieren, bitte man ihn oft um ein Autogramm – der 20-Jährige ist nicht allein in Südkorea eine Berühmtheit.

Die Koreaner bleiben meist drei Mo­nate und nutzen das Haus bei Bern, um an Turnieren in Europa teilzunehmen. Die Prämien, die die Profi-Gamer an den Turnieren holen, dürfen sie behalten.

Vom Gamen leben, das würde auch dem 21-jährigen Christoph Wyniger gefallen. Im Moment arbeitet er an der Récep­tion eines Hotels in Sils Maria. Er trainiert jeden Tag zwei Stunden. Schwitzend sitzt er vor dem Monitor, auf einem Bein ein Handtuch. Wenn es eine kurze Pause gibt, wischt er sich die Hände ab, die sonst den Playstation-Controller umklammern.

Anzeige

Anfang Mai war Christoph Wyniger in Berlin, an einem internationalen Turnier. Auf dem Programm stand das Konsolenspiel Fifa 2014 – virtueller Fussball auf der Playstation 4 oder der Xbox One. Der Schweizer spielte mit seiner Hertha BSC Berlin. 50'000 Gamer nahmen online teil, die 80 besten qualifizierten sich für den ­Final im Olympiastadion.

Wyniger reiste im Dezember 2013 nach Frankfurt an ein Turnier und sicherte sich dort die Finalteilnahme. Wyniger gewann, stand nach der Gruppenphase sogar auf Rang eins, musste sich dann allerdings im Sechzehntelfinal geschlagen geben. «Ein bisschen Wettkampfglück braucht man einfach auch», sagt Wyniger, und das habe ihn in dem Moment verlassen.

Vom physischen Fussball zum E-Fussball

Das Spiel Fifa gibt es seit 20 Jahren, jedes Jahr erscheint eine neue Folge mit den jeweiligen echten Teams und Stars als Darsteller. Das Gameplay hat sich in den letzten Jahren stark verbessert, ebenso die Grafik und die Steuerung des Titels.

Anzeige

Früher spielte Christoph Wyniger selbst Fussball, nun zieht er die elektronische ­Variante vor. Im Training feilt er an seiner Spielstrategie, an der Passtechnik oder den Tastenkombinationen, die seine Finger blitzschnell auf dem Controller drücken. Etwa den Gegner in der Verteidigung am Vorbeilaufen und Dribbeln hindern, heisst: X-Taste drücken und gleichzeitig mit dem linken Analogstick in seine Richtung zeigen. «Wer gut Fifa spielen möchte, der braucht vor allem Geduld und eine gute Koordination», sagt Wyniger.

Er klingt wie ein richtiger Sportler. Ein E-Sportler halt.

Game-Industrie: Gut im Geschäft

Mit Games macht die Industrie schon seit einigen Jahren mehr Geld als mit Filmen: 67 Milliarden Dollar waren es 2013. Die neuste Folge der Game-Serie «Grand Theft Auto» spielte in den ersten drei Tagen nach Erscheinen eine Milliarde Dollar ein, ein neuer Rekord.

Auf dem Computer gibt es das Profi-Gamen international seit über zehn Jahren. Die Konsolentitel haben in den letzten Jahren aufgeholt, allerdings ist die Szene noch auf wenige Titel beschränkt und weniger professionell.

Laut einer Studie der Interactive Software Federation Europe spielten in der Schweiz 2012 40 Prozent der Bevölkerung, Tendenz steigend. Dabei waren, was erstaunen mag, 35- bis 44-jährige Männer die aktivste Bevölkerungsgruppe. Das liegt auch daran, dass Konsolenspiele mit einem Preis von rund 70 Franken recht teuer sind. Doch die Altersstruktur verschiebt sich mit den günstigen und stets verfügbaren Apps zunehmend nach unten.

Anzeige