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Fake News in der Klimadebatte«Es war alles von A bis Z erfunden»

Fake News verbreiten sich extrem schnell. Das musste Klima-Professor Reto Knutti schmerzlich erfahren.

Diese russische Webseite veröffentlichte ein gefälschtes Interview mit ETH-Professor Reto Knutti.
von aktualisiert am 04. September 2018

Fast kein Thema wird so kontrovers diskutiert und löst in der Gesellschaft gleichzeitig so viel Ratlosigkeit aus wie der Klimawandel. Nach dem Hitzesommer 2018 erst recht.

Der über die Landesgrenzen hinaus bekannte ETH-Klimaphysiker Reto Knutti versucht seit Jahren Brücken zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu schlagen. Sein Engagement hat aber auch unangenehme Seiten: ihm werden Aussagen unterstellt, die er so gar nie formuliert hat. Fake News machen in seinem Namen auf russischen Webseiten die Runde.

Was er dagegen macht und wie er damit umgeht, dass seine Forschung in der Öffentlichkeit gnadenlos verdreht und politisiert wird, erklärt der Professor im Interview.

Beobachter: In Ihrem Namen wurden Falschmeldungen verbreitet. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Fake News Falschmeldungen So erkennen Sie Fake News ?
Reto Knutti: Auf russischen Webseiten wurde zum Beispiel ein Interview mit Bild von mir veröffentlicht, in dem ich verkündete, die Menschheit habe nur noch drei ruhige Jahre vor sich. Man solle sich quasi auf die Apokalypse vorbereiten und ich hätte an einem geheimen Bericht mitgearbeitet, der allen Regierungen der Welt zur Verfügung gestellt worden sei. Auf einer anderen Seite wurde ich zitiert, dass Pilzsporen Wirbelstürme und Tsunamis verursachen würden. In beiden Fällen war alles von A bis Z erfunden! Daraufhin erhielt ich aus Russland und der Ukraine fast 200 E-Mails und Interview-Anfragen von Fernsehsendern. Alle wollten wissen, ob die Welt jetzt wirklich untergehe Verschwörungstheorien Wir müssen reden... . Schon früher wurden Aussagen von mir entweder aus dem Kontext gerissen oder sehr zugespitzt paraphrasiert. Aber nicht komplett erfunden – das ist eine völlig neue Dimension. 

Beobachter: Wie gehen Sie dagegen vor?
Knutti: Solche Meldungen verbreiten sich grausam schnell – auf Facebook, Youtube und Co. generieren sie innert weniger Tage Zehntausende von Klicks. Und das Verrückte ist, dass man absolut nichts dagegen tun kann. Es ist unheimlich schwierig und aufwändig, internationales Recht durchzusetzen, besonders in gewissen Ländern. Auch wenn man theoretisch Recht hat, lohnt es sich meist nicht dieses einzufordern. Dazu kommt, dass auch wenn die Inhalte an einer Stelle tatsächlich gelöscht Persönliche Daten So löschen Sie Ihre Spuren bei Google werden, sie sich in der Zwischenzeit schon vervielfältigt haben und anderswo weiterhin existieren. Mich befällt dabei eine gewisse Ohnmacht.

Beobachter: Und was bedeutet das für Ihre Reputation als Wissenschaftler?
Knutti: Es bleibt natürlich haften – dagegen ist man machtlos und muss es als Teil des Internetzeitalters akzeptieren. Die Schwierigkeit ist, dass das allerhöchste Gut als Forscher die Seriosität und wissenschaftliche Integrität ist. Der schlimmste Vorwurf, den man sich in diesem Beruf vorstellen kann, ist Datenmanipulation oder Betrug. In dieser Hinsicht ist es also problematisch, wenn frei erfundene Fakten in meinem Namen zirkulieren oder Aussagen in völlig sachfremdem Kontext wiedergegeben werden. 

Beobachter: Spüren Sie die Folgen?
Knutti: In Wissenschaftskreisen hatte das bislang glücklicherweise keinen Einfluss, da die Forscher den Wahrheitsgehalt solcher Meldungen einschätzen können. Allerdings habe ich das Gefühl, dass der Umgangston im öffentlichen Diskurs in letzter Zeit rauer geworden ist. Ich erhalte sehr viele und oft kritische Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Es ist aber nicht klar ersichtlich, ob das eine Folge solcher Fake News ist oder an der Aktualität der Klimadebatte liegt. Ganz generell habe ich den Eindruck, dass in gewissen Kreisen eine allgemeine Wissenschaftsfeindlichkeit vorherrscht. Das betrifft allerdings nicht nur Klima-Forscher, sondern grundsätzlich Experten. Und das erschwert konstruktive Diskussionen.

Beobachter: Plötzlich ist man als Wissenschaftler mit neuen Medien konfrontiert. Sind soziale Medien als Informationsquellen für Sie Fluch oder Segen?
Knutti: Digitale Medien ermöglichen, dass jeder mit Null Aufwand zu jedem Thema seinen Senf beisteuern kann. Es ist damit beliebig einfach geworden, sich in öffentliche Diskussionen einzubringen. Das führt dazu, dass beispielsweise auf Twitter Beiträge von Laien und Experten auf gleicher Augenhöhe nebeneinanderstehen und es für die Leserschaft unter Umständen schwierig ist auseinanderzuhalten, welche Aussage glaubwürdiger ist. Jeder schreit Umgang mit Medien Wem können wir noch trauen? seine Meinung in die Welt hinaus und niemand hört zu oder hinterfragt, was da steht. 
Aber es ist beides, Fluch und Segen. Twitter ist für mich auch ein sehr direkter Kommunikationskanal, über den ich vieles erfahre, was ich sonst nicht mitbekommen würde und dabei auch durchaus interessante Inputs für meine Arbeit erhalte. 

 

Jeder schreit seine Meinung in die Welt hinaus und niemand hört zu oder hinterfragt, was da steht. 

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich

 

Beobachter: Wieso ist Kommunikation rund um den Klimawandel ein solches Minenfeld? 
Knutti: Es wird immer mehr klar, dass die Diskussion völlig ideologisch geführt wird. Nicht wegen der Wissenschaft, sondern weil die Klimadebatte von Weltanschauungen und politischen Interessen gesteuert wird. Studien zeigen: Bildungsgrad und verfügbare Informationen haben kaum einen Einfluss darauf, ob man wegen der Klimaveränderung besorgt ist. Aber es ist erwiesen, dass die Wahrnehmung der Problematik und die Einstellung dazu davon geprägt ist, was das nahe Umfeld denkt. Das war auch früher schon so und es ist schwierig, aus dieser Blase auszubrechen. Die Fakten der Klimaveränderung sind also nicht das eigentliche Problem. Aber viele Menschen sind nicht mit den vorgeschlagenen Lösungen und politischen Massnahmen einverstanden, mit denen man dem Thema begegnen müsste. Höhere Flugpreise zum Beispiel widersprechen bestimmten Weltanschauungen. Aber statt dass die entsprechenden Personen oder Gruppen zugeben würden, dass ihnen die Konsequenzen unseres Handelns egal sind und das primäre Ziel kurzfristiger Profit ist, werden wissenschaftliche Fakten abgestritten und zu einer Art Glaubensfrage verfremdet. Das Problem ist, dass in der Klimafrage die Naturwissenschaften so extrem gesellschaftsrelevant sind und das wiederum Implikationen auf die entsprechende gesellschaftliche Antwort hat. 

Beobachter: Sind die digitalen Medien schuld an diesem Problem?
Knutti: Nein, diese Glaubensfragen gab es auch schon vorher. Aber es war eine wesentlich kleinere Anzahl Menschen, die an der öffentlichen Debatte zu naturwissenschaftlichen Themen teilnahm. Heute ist es für jedermann einfach und günstig Ideen und Behauptungen zu verbreiten und damit Millionen von Menschen zu erreichen. Und zwar ohne Qualitätskontrolle.

 

Es wird immer mehr klar, dass die Diskussion völlig ideologisch geführt wird. Nicht wegen der Wissenschaft, sondern weil die Klimadebatte von Weltanschauungen und politischen Interessen gesteuert wird.

Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich

 

Beobachter: Wie trennt man Fakten von Meinungen? 
Knutti: Fakten alleine, ohne Kontext, sind ziemlich nutzlos. Wenn mir ein Kollege kommentarlos eine Datenreihe zeigt, frage ich: Was willst du mir damit sagen? Erst mit menschlicher Interpretation, mit einer Hypothese, können Fakten eingeordnet und nachvollzogen werden. Und wirklich interessant werden sie erst mit einem gesellschaftlichen Kontext. Das Problem dabei ist, dass dann zwingend Werte und Weltanschauungen miteinfliessen. Aus gleichen Fakten ziehen unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Kontexten andere Schlüsse. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber solange man transparent macht, was Daten und Fakten sind und wo die Interpretation beginnt, kann der Leser das trennen und selber bewerten. Häufig fehlt jedoch die vollständige Transparenz – einige verschleiern sie sogar absichtlich. Und selbst wenn man versucht sorgfältig zu sein, ist die Abgrenzung nicht immer scharf. Oder aber es wird vom Rezipienten nicht so gelesen – der Leser muss das auch selbst aktiv tun. 

Beobachter: Wenn Fakten gar nicht als Wahrheit anerkannt werden, wie kann man überhaupt noch eine gemeinsame Diskussionsbasis finden?
Knutti: Mein Eindruck ist, dass man nicht mehr zueinander findet, wenn alles in Frage gestellt wird. In der Ära Trump, mit seinen «alternativen Fakten», hat sich das noch akzentuiert. Jeder bastelt sich seine Realität aus beliebigen Teilen selbst zusammen. Aber erschreckend ist, dass es sogar vollkommen egal ist, wenn etwas schlicht faktisch falsch ist, denn sogar wenn man bei einer Lüge erwischt wird, hat das keine Konsequenzen. 

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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