9_00_bp_gebrauch.jpgGewiss: Das Leben unserer Vorfahren in der Steinzeit war kein Zuckerschlecken. Sie hatten keine DVD-Geräte, um die Langeweile in langen Winternächten zu vertreiben. Sie hatten keine Alarmanlagen, um feindselige Mitmenschen von ihren Schlafstätten fern zu halten. Und sie hatten keine Zentralheizungen, Fernseher oder Computer. Doch die wenigen Gegenstände, die unseren prähistorischen Vorfahren das Leben erleichterten, entsprachen exakt dem wichtigsten Grundsatz guten Designs: Ihre Funktion erklärte sich von selbst.

In einem durchschnittlichen westlichen Haushalt stapeln sich rund 10000 Gebrauchsgegenstände und die werden immer komplizierter. Entsprechend benötigen wir Unterstützung in Form von Gebrauchsanweisungen: um die Elektronik zu beherrschen, die vorgibt, uns das Leben zu erleichtern oder um das Discountmöbelstück so zusammenzuschrauben, wie es uns aus dem Katalog entgegenlächelt.

Doch Gebrauchsanweisungen haben Tücken. Wenn die Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für technische Kommunikation (Tecom), Catherine Badras, einen Vortrag über technische Dokumentation hält, beginnt sie jeweils mit der Frage: «Wer von Ihnen hat es schon einmal geschafft, seinen Videorecorder zu programmieren?» Die Antwort: verlegenes Gelächter.

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Vom Techno-Latein überfordert

Kein Grund, sich zu schämen. Wie soll man ein vergleichsweise komplexes Gerät wie einen programmierbaren Videorecorder mit Hilfe der Gebrauchsanweisung beherrschen, wenn schon der Beipackzettel eines gewöhnlichen Diktafons solche Sätze enthält: «Die Telefonaufnahme erfolgt, wenn das Gerät durch Lautsprecherregler 9 eingeschaltet wurde, der Schnellsucher 15 nach links in die Anfangsstellung 0 der Dikatfolie bewegt wird und der Schalter 6 auf Telefon umgeschaltet wird.»

Dazu kommen oft katastrophale Ubersetzungen. Die Warnung «Um die Gefahr der Erstickung zu vermeiden, wegbleiben die Sacke von Babys und Kinder» ist mit etwas Fantasie ja noch zu verstehen. Aber was bedeutet «Crtian Sle S1 nochainmal so aircheinan nur die Sekundan» (Gebrauchsanweisung für eine Digitaluhr)?

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Auch das 1994 eingeführte Schweizer Produktehaftpflichtgesetz hat in Sachen Gebrauchsanweisungen keine Fortschritte gebracht. Die Produktehaftpflicht bezieht sich nur auf Sach- und Personenschäden. Wir wissen jetzt zwar, dass ein Stabmixer eine tödliche Bedrohung darstellt, DVD-Geräte «nicht in Schwimmbädern benutzt werden dürfen» und «lebende Haustiere nicht in die laufende Waschmaschine» gehören. Doch solange Herrchen bei der 250-seitigen Bedienungsanleitung für den High-Tech-Waschroboter nur Bahnhof versteht, hat der Dackel ohnehin nichts zu befürchten.

Als die deutsche Stiftung Warentest die Gebrauchsanweisungen von 20 Videorecordern testete, schnitt die Hälfte absolut mangelhaft ab. Resigniert schrieben die Tester: «Wer sich nur auf die Gebrauchsanweisung verlässt, für den bleibt der Videorecorder womöglich auf ewig ein unbekanntes Wesen.» Und eine Umfrage bei Käufern von Unterhaltungselektronik ergab, dass über ein Viertel Probleme hatte, die Gebrauchsanweisungen zu verstehen.

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Selbst technisch Hochbegabte sind ausser Stande, ihren Radiowecker einzustellen. Und wenn sogar der Ingenieur und Gründer der Digital Equipment Corp. nicht fähig ist, den Mikrowellenherd seiner Firma zu bedienen, wo sollen dann Normalsterbliche enden?

«Die Alltagstechnik wird immer komplizierter», sagt Fachfrau Catherine Badras. «Die sinnlich begreifbare Mechanik wird durch immer komplexere Elektronik verdrängt.» Das Problem: Unsere Psyche wurde laut dem deutschen Psychologen Dietrich Dörner nicht für den Umgang mit High Tech konstruiert. Und nicht genug damit, dass der Mensch nicht mehr versteht, warum ein Natel funktioniert: Die Geräte haben so viele Zusatzfunktionen, dass die meisten sowieso nur einen Bruchteil der Anwendungen nutzen.

Die EU schafft Klartext

Umso grösser ist der Bedarf nach verständlichen Anleitungen. Doch was ein Ingenieur unter gutem Deutsch versteht, deckt sich nicht unbedingt mit den Bedürfnissen einer Laborantin, die ihren neuen Mikrowellenherd bedienen möchte.

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Fehlmanipulationen sind programmiert. Die Tecom schätzt den volkswirtschaftlichen Schaden, der in der Schweiz jährlich durch unverständliche Gebrauchsanweisungen entsteht, auf rund 100 Millionen Franken das herausgeworfene Geld für Produkte, die von verzweifelten Endverbrauchern auf den Estrich verbannt werden, nicht mitgerechnet.

In der EU hat dieser Missstand zu einer «Entschliessung des Rates der Europäischen Union» geführt, in der klar festgelegt wird, wie Gebrauchsanleitungen beschaffen sein müssen. Deutschland leistet sich mit dem Frankfurter Germanisten Jürgen H. Hahn einen Dozenten für technische Dokumentation. Und die Stiftung Warentest arbeitet eng mit dem Bundesverband für technische Kommunikation zusammen: Eine gute Gebrauchsanweisung gilt als Qualitätsmerkmal eines Produkts.

«In der Schweiz hingegen ist die Öffentlichkeit für das Problem noch zu wenig sensibilisiert», sagt Catherine Badras. «Gebrauchsanweisungen sind bei den Behörden nur ein Thema, wenn es darum geht, die technischen Richtlinien mit der EU zu harmonisieren.»

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Angestellte werden krank

In den USA haben repräsentative Untersuchungen gezeigt, dass sich die Ausfalltage der Mitarbeiter vervierfachen, wenn ein neues System eingeführt wird: Technische Uberforderung macht die Menschen krank. Doch mit leicht verständlichen Gebrauchsanweisungen allein ist der Angst nicht beizukommen. Oft führt schon der Umfang der Bedienungsanleitungen zu Unbehagen.

Doch es gibt Hoffnung. Vereinzelt berichten Konsumenten, dass sie ihr Handy oder ihren elektronischen Kalender ohne Bedienungsanleitung in Betrieb nehmen konnten. Eine Ausnahme, die zur Regel werden könnte. Der dänische Designkritiker Piet Westendorp prophezeit, dass die Hersteller gezwungen sein werden, Produkte anzubieten, die «die Technik für jedermann brauchbar machen». Westendorps Vision: Die Geräte der Zukunft werden sich dem Benutzer nach dem wichtigsten Grundsatz guten Designs selbst erklären wie seinerzeit der Faustkeil.

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Kauderwelsch

Bedienungsanleitung für eine Uhr

«Sollte die Uhr in Salzwasser gtragen worden sein, spoülen Sie sie vorher mit Fischwasser ab.»

Anleitung für eine Waschmaschine

«Vor dem Einfüllen der Wäsche darauf achten, dass sich kein Fremdkörper oder eventuell eingesperrte Toiere in der Trommel befinden.»

Anleitung für eine Digitaluhr

«Sei Druck von S1 erscheint die Datenanzeige so lange, wie der Knopt leslgehallen wird.»

Anleitung für einen Brennofen

«Wir fragen Aufmerksamkeit für wichtige Hinweise mit Beziehung auf der Benutzung unseren Keramik Tiegeln. Das nicht Beobachten diesen Hinweisen kann das Leben Ihren Tiegel kürzen.»

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