Eigentlich ist es ganz einfach: Wer eine Information braucht, geht ins Internet. Dort weiss immer jemand Bescheid. Wer allerdings zu naiv fragt, kann auch schon mal sein blaues Wunder erleben und von der Netzgemeinde mit einem unbarmherzigen «RTFM» (read the fucking manual) abgespeist werden: «Lies das verdammte Handbuch!»

Unangenehme Erlebnisse im Internet lassen sich vermeiden, wenn man sich an die so genannte Netikette hält – an die Benimmregeln im Internet. Der Begriff hat seinen Ursprung im Usenet, wo Internauten in thematisch gegliederten Gruppen über aktuelle Fragen und Probleme diskutieren.

Werbung verstopft die Kanäle
Bei der Einführung der Netikette ging es zunächst vor allem um die Schonung der Speicherressourcen. «Es kommt immer wieder vor, dass Internetsurfer haufenweise Bilder oder Programme ins Usenet schicken. Diese oft üppigen Dateien können im schlimmsten Fall die Server überlasten und zum Verlust von guten Diskussionsbeiträgen führen», sagt Felix Rauch, Präsident des Vereins Swiss Internet User Group (SIUG).

Mittlerweile wurde die Infrastruktur zwar massiv ausgebaut, doch der sparsame Umgang mit den Speicherkapazitäten ist nach wie vor wichtig. Besonderen Ärger bereitet den Server-Verantwortlichen die steigende Flut von Werbemails. In vielen Diskussionsgruppen hat bereits die Hälfte der Nachrichten Werbecharakter. Aber auch mit E-Mails verknüpfte Dateien, die so genannten Attachments, verstopfen die Kanäle. «Humorbilder und Filme sind in der Bevölkerung sehr beliebt», sagt SIUG-Präsident Felix Rauch. «Wer seine Mailbox nicht regelmässig leert, riskiert, dass Nachrichten wegen fehlender Speicherkapazität zurückgeschickt werden.»

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Einen weiteren Grund für die Überlastung des Internets sieht die Zürcher Soziologin Evelina Bühler in der rapiden Zunahme von Neueinsteigern: «Anfänger kennen sich mit der Internetkultur noch nicht aus und verursachen oft störende Datenströme. Das kann zu regelrechten Krisensituationen führen.» Eine Grundregel der Netikette verlangt deshalb von den erfahrenen Internauten, den Einsteigern zu helfen.

Doch die Netikette befasst sich nicht nur mit technischen Tücken. Sie soll auch den Anstand in der grossen virtuellen Welt wahren helfen. Wichtigste Regel: Jeder soll mit den anderen Teilnehmern so umgehen, wie er selbst von ihnen behandelt werden möchte.

Eigentlich ein selbstverständlicher Grundsatz. «Doch leider gehen die Anstandsregeln im Internet oft vergessen», sagt Felix Rauch. Schuld daran sei vor allem, dass viele Internauten ihre Mitmenschen nicht vor sich sehen. Rauch: «Wegen der Anonymität ist die Hemmschwelle viel tiefer als im realen Leben.»

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Ein kurzer Blick in einen Chat-Raum bestätigt diese Feststellung. So begrüsst etwa ein Teilnehmer namens «Rambo» die Anwesenden mit einem plumpen «Hallo, ihr Penner», derweil «Don Juan» nur Gruppensex im Kopf hat – mit wem, ist ihm «wurscht».

Rote Karte gegen Belästiger
Noch deftiger geht es bei Diskussionen über bekannte Personen zu und her. Hier sind ehrverletzende Äusserungen an der Tagesordnung – obwohl die meisten Chat-Betreiber spezielle Beobachter beschäftigen, die in heiklen Fällen intervenieren. Mathias Heilig, leitender Chat-Administrator bei Bluewin: «Bei uns arbeiten 40 freiwillige Chat-Operators mit. Es sind Studenten und berufstätige Personen, die von zu Hause aus das Geschehen in den Chat-Räumen mitverfolgen und bei Verfehlungen nach ihrem Ermessen eingreifen.»

Den Unverbesserlichen können diese Schiedsrichter auch einmal ein oder zwei Tage Chat-Verbot aufbrummen. Eine Strafverfolgung habe er hingegen noch nie einleiten müssen, sagt Heilig.

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Grundsätzlich gilt: Obwohl Chats in der Regel anonym sind, sollte man sich bewusst sein, dass jeder Teilnehmer ausfindig gemacht werden kann – allerdings nur auf Antrag einer Behörde. Wie soll man sich also verhalten, wenn sich jemand daneben- benimmt? Mathias Heilig: «Solche Leute sollte man einfach ignorieren. Auf keinen Fall darf man mit ihnen einen Streit beginnen.»

Die geschilderten Fälle zeigen: Im Internet wird allerhand Unfug getrieben. Dennoch lehnt die Soziologin Evelina Bühler eine gesetzliche Regulierung ab: «Man darf nicht vergessen, dass sich im Internet Probleme ergeben, die gar nicht auf rechtlichem Weg gelöst werden können. Zudem würde eine gesetzliche Regulierung auch der Idee von der unbegrenzten Freiheit des Internets zuwiderlaufen.»

«Für die Durchsetzung der Netikette kommt es vor allem auf die Unterstützung der langjährigen Internauten an», sagt SIUG-Präsident Felix Rauch.

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Aber auch die Provider könnten einen Beitrag leisten, indem sie Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger über die elementaren Verhaltensregeln im Internet informieren. Zudem könnten sie Beschwerdestellen für Verstösse gegen die Netikette schaffen. Solche Meldestellen sind in den USA schon längst selbstverständlich.