«Ruf mich an, wenn du hier bist», hatte er gesagt. 350 Autokilometer später stelle ich fest, dass mein Mobiltelefon in der Granitschlucht des Yosemite-Nationalparks in Kalifornien keinen Empfang hat. Es folgt eine Odyssee durchs Tal, die vergebliche Suche nach Telefonkabinen, viele Combox-Nachrichten und endlich die Antwort auf einem Papierzettel, den ein Campingbetreuer an meine Hütte heftet: «Morgen, 9.00 Uhr, Camp 4» – bisweilen kommt uns die schöne neue Welt der Informationstechnologie vor wie ein grosser Betrug.

Das ist sie auch: ein Selbstbetrug. Allerdings nicht, weil sie uns nicht gebracht hat, was wir von ihr erhofft haben. Wir wollen vielmehr gar nicht erkennen, wie sehr sie uns schon verändert hat.

Unzählige Dinge und Gepflogenheiten sind vom Internet und seinen Endgeräten verschluckt worden. Und vieles wird folgen, dessen Verschwinden uns undenkbar erscheint. Zuerst alles, was an tabellarische Kriterien gebunden ist, dann alles, was an einen Ort, und schliesslich alles, was an eine Zeit geknüpft ist.

Weil wir uns all das nicht ausmalen können, werden wir Opfer des Selbstbetrugs, den Zukunftsforscher Roy Amara in einem Merksatz festgehalten hat: «Menschen tendieren dazu, die kurzfristigen Auswirkungen neuer Technologien zu über- und die langfristigen zu unterschätzen.»

Statt der lang versprochenen Kühlschränke mit integrierter Lagerverwaltung haben wir Satellitennavigation auf dem Mobiltelefon und elektronische Flugtickets aus dem Web erhalten. Ist das weniger revolutionär? Keineswegs. Aber es ist zu naheliegend, als dass es unsere Erwartungen erfüllen würde. Wir sitzen wie die Frösche im Schilf und sehen nicht, wie der Tümpel zuwächst.

Die Dinge brauchen keinen Ort mehr

Zunächst verschwinden Kleinigkeiten: Lexika und DVD-Player aus der Wohnwand, Fotoalben, Telefonbücher und gedruckte Kursbücher. In einem nächsten Schritt lösen sich Dinge und Dienstleistungen vom Ort, an den sie gebunden waren. Bereits heute verbindet uns ein Telefonanruf nicht mehr mit dem wohlbekannten Beistelltischchen im Vorraum zur Wohnung der Eltern – sondern mit einer Person, wo auch immer sie gerade steckt. Ein fester Büroarbeitsplatz ist schon keine Selbstverständlichkeit mehr: Wir arbeiten überall und immer.

Das Internet selbst hat sich von der Ortsbindung gelöst. Wir müssen uns nicht mehr an einen fest installierten Bildschirm setzen und den «Cyberspace» betreten; dank Smartphones und Wireless-Computern tragen wir dieses Portal überallhin mit. Das führt dazu, dass sich die virtuelle Welt wie eine zweite Informationsschicht über die reale legt. So ergibt sich die Möglichkeit, dass die Umgebung auf die Menschen darin zu reagieren beginnt. In nächster Zukunft werden wir nicht mehr aktiv im Internet nach Informationen suchen müssen, sondern von den Gebäuden, Denkmälern und natürlich den Geschäften am Aufenthaltsort direkt mit Auskünften «bedient» werden.

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Damit geht die Auflösung des letzten gesellschaftlichen Massstabs einher: der Zeit. Denn zeitliche Raster existieren vielfach nur, weil sie mit den Aufenthaltsorten verbunden sind. Radio- und TV-Programme beispielsweise werden schon heute immer mehr im Internet und von Kabeldienstleistern «on demand» bereitgestellt und irgendwann konsumiert statt zu einer festen «Ausstrahlungszeit».

Das Zauberwort heisst Echtzeit. Der reichlich absurde Begriff meint eigentlich, dass auf nichts mehr gewartet werden muss und Reaktionen praktisch gleichzeitig mit der Aktion stattfinden. Das geht so weit, dass Reaktionen gemessen und wiederum in Echtzeit beeinflusst werden können. Staus auf der Autobahn verschwinden künftig nicht nur wegen zunehmend flexibler Arbeitszeiten, sondern auch dank Echtzeit-Verkehrsleitsystemen. Im öffentlichen Verkehr werden Fahrpläne überflüssig. Statt leer im Takt zu fahren, werden die Busse genau dann losgeschickt, wenn sich auf einer Strecke ausreichend Fahrgäste angemeldet haben, die in den nächsten 20 Minuten fahren wollen.

Happy Hour am Tiefkühlregal

Die festen Preise in Migros und Coop werden verschwinden, wenn die Preisschilder auf Knopfdruck geändert werden können: Mit der Nachfrage sinkt der Preis, und wer zu Randzeiten ins Tiefkühlregal greift, wird mit Rabatten belohnt – wie die Gäste im Wirtshaus zur Happy Hour. Statt sich mit Arbeitsverträgen an einen Auftraggeber zu binden, werden sich qualifizierte Fachkräfte über spezialisierte Börsen genau das Portfolio an befristeten Aufträgen zusammenklicken, das ihren momentanen Bedürfnissen entspricht.

Welche Konsequenzen der Wegfall der Zeit in den komplexen Systemen der Wirtschaft sowie des gesellschaftlichen und politischen Lebens haben wird, darüber streiten Experten schon lange. Menschen sind langsam und brauchen Bedenkzeit. In der Echtzeit-Welt ist diese nicht mehr vorhanden. Die Filter- und Bewertungsfunktion der Medien fällt bereits heute bei grösseren Ereignissen angesichts der blitzschnellen «Konkurrenz» durch Berichte von Augenzeugen im Internet flach. Börsen werden zunehmend automatisiert und reagieren nach rein mathematischen Gesetzen auf Ereignisse, die eigentlich eine menschliche Einschätzung nötig machen würden. Eines der einleuchtendsten Beispiele für die Nachteile der Echtzeit ist jedoch die Politik: Welche Regierung könnte überhaupt noch etwas bewirken, wenn sie täglich mit einer «Echtzeit-Abstimmung» bestätigt werden müsste? Trotzdem werden uns viele dieser Entwicklungen ereilen, ohne uns gross aufzufallen.

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Innovation bestehe in dem, was die Menschen anzunehmen bereit sind, nicht in dem, was Tüftler erfinden, sagt Michael Schrage vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Deswegen ist der Siegeszug einer Technologie, und selbst einer mit dem immensen Potential des Internets, praktisch nicht spürbar. Denn wir benutzen neue Technologien zuerst als Ersatz für Altes, bevor wir uns auf wirklich Neues einlassen. Bis wir dazu bereit sind, ist das Neue nicht mehr spektakulär.

Peter Sennhauser ist Chefredaktor des Zürcher Online-Verlags Blogwerk AG. Er lebt in San Francisco.