Beobachter: Warum wollen heute bereits Kinder dauernd erreichbar sein?
Daniel Süss: Die Faszination der dauernden Erreichbarkeit beginnt früh. Jugendliche sind weniger mobil als Erwachsene; diesen Nachteil können sie mit dem Handy teilweise kompensieren. Dazu kommt das Gruppenverhalten: Um zur Clique zu gehören, braucht man heutzutage ein Handy. Ein Grund, warum viele Jugendliche ein Handy erhalten, ist aber auch die verstärkte elterliche Kontrolle: Du darfst nur in den Ausgang, wenn du das Handy dabeihast.

Beobachter: Warum plaudern die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz nicht direkt miteinander, sondern via Handy?
Süss: Das hat auch Vorteile: Bei der Kommunikation per SMS oder E-Mail können Teenager eher abwägen und überlegen, was sie mitteilen wollen; gegenseitiges Imponiergehabe tritt in den Hintergrund. Diesen Effekt gibt es auch bei manchen Erwachsenen, denen es leichter fällt, Vertrauliches am Telefon zu besprechen statt vis-à-vis.

Beobachter: Die Telekommunikationsbranche jubelt, weil wir alle viel mehr miteinander reden können. Skeptiker hingegen befürchten einen schleichenden Untergang des persönlichen Kontakts. Wie sehen Sie das?
Süss: Ich finde es wichtiger, dass die Kommunikation gefördert wird, dass es mehr Möglichkeiten gibt, sich auszutauschen. Das Lustvolle für Jugendliche ist doch, eine mediumsspezifische Ausdrucksform zu entwickeln, etwa mit den Abkürzungen und Bildzeichen wie dem «Smiley». Das vermittelt das Gefühl, man lebe in einer cooleren Welt, als wenn man einfach miteinander spricht.

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Beobachter: Also werden wir immer kommunikativer?
Süss: Sicher. Kommunikation nimmt einen immer grösseren Stellenwert in unserem Leben ein. Es gibt beispielsweise eine Gruppe, die immer intensiver Bücher liest; diese Gruppe wird nicht kleiner. Aber es gibt auch das Gegenteil: mehr Leute, die praktisch nie lesen. Also nimmt die Kluft zu zwischen Gruppen, die neue Medien sehr intensiv nutzen, und solchen, deren Kommunikation einseitiger wird.

Beobachter: Stellt das eine Gefahr dar?
Süss: Um in unserer Arbeitswelt bestehen zu können, muss man immer mehr Infos verarbeiten können. Wer das nicht kann, ist benachteiligt. Insofern ist diese Kluft eine Gefährdung für eine faire gesellschaftliche Entwicklung.

Beobachter: Laut Ihrer Studie («Kinder und Jugendliche im sich wandelnden Medienumfeld», Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, 2000) gibt es verschiedene Gräben. Zum Beispiel: Wer den Computer nutzt, hält diese Kenntnisse für wichtiger als jene, die ihn nicht nutzen.
Süss: Das ist einerseits ein Selbstschutz, aber vor allem auch eine Erfahrungsfrage: Wer den Computer nicht kennt, kann gar nicht richtig abschätzen, wofür man ihn brauchen kann. Solche bestehenden Ungleichheiten können sich sicher zum Teil ausgleichen, wenn die Schule korrigierend wirkt und wenn wir mehr öffentliche, nichtkommerzielle Orte besässen, wo das Internet benützt werden kann. Aber die technische Entwicklung wird ja nicht stehen bleiben: Die nächste Generation wird mit neuen solchen Gräben konfrontiert sein.

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Beobachter: Arbeiten wir jetzt eigentlich effizienter dank den vielen neuen Kommunikationsmöglichkeiten?
Süss: Bei Kindern stellt man ein Informations-Hopping fest: Im Fernsehen läuft die Lieblingsserie, parallel dazu chattet man im Internet, und daneben liegt das Heft mit den Hausaufgaben. Diese geteilte Aufmerksamkeit ist einerseits eine grosse Fähigkeit, wie sie etwa Piloten brauchen. Anderseits besteht das Risiko einer oberflächlicheren Verarbeitung; man reflektiert weniger selber, was zu einem Halb- oder Missverstehen führen kann.

Beobachter: Auch das Tempo nimmt zu: E-Mail hat die erwartete Reaktionszeit massiv verkürzt.
Süss: Ja, erst kürzlich hat eine Untersuchung gezeigt, dass Arbeitnehmende die eingehenden E-Mails als einen der grössten Stressfaktoren empfinden. Wir müssen darum eine neue Kommunikationskultur entwickeln. Unsere Autos könnten wohl 200 Kilometer in der Stunde fahren, trotzdem tun wir das nicht. Also müssen wir auch überdenken, ob es wirklich nötig ist, E-Mails sofort beantworten zu müssen, um nicht als unhöflich zu gelten.

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