Das Zeitalter der ­digita­len Bezahlzeitung beginnt jetzt. Die grossen Verlagshäuser Tamedia, NZZ, Ringier, Edipresse und der Buchhändler Orell Füssli schliessen sich mit der Swisscom zusammen, um digitalisierte Zeitun­gen und Bücher über einen neuen Online-Kiosk zu verkaufen. Die Leser sollen ein vergünstigtes Lesegerät erwerben, auf das sie Zeitungen und Bücher runterladen können. Die unter Ertragsschwund leiden­den Medienhäuser sehen die Zeit gekommen, von der ­Alles-gratis-Strategie abzurücken.

Beim Lesegerät handelt es sich nicht um eines der bekannten Produkte von Amazon (Kindle), Sony oder das angekündigte iPad von Apple. In der Evaluation steht ein in Europa noch kaum bekannter Reader, der – wie der Kindle – nur Schwarzweissdarstellung beherrscht. Im Frühling muss das Gerät vor 150 Testlesern be­stehen. Je nach Ergebnis ist der Marktauftritt für 2011 geplant.

Geld für komfortables Lesen

Laut Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer wird damit aber nicht das Ende der kostenlosen Medienangebote im Internet eingeläutet. «Mit dem neuen Angebot können Texte auf eine Art gelesen werden, die einer gedruckten Zeitung in Sachen Qualität und Komfort viel näher kommt. Wir sind überzeugt, dass Leser bereit sind, dafür zu zahlen.»

 

30%

mehr Smartphones wurden im letzten Quartal 2009 weltweit verkauft als in der Vergleichs­periode 2008.

 

40%

der verkauften Smartphones sind von Nokia, gefolgt von 20% Blackberrys und 16% iPhones.

 

99%

der Smartphone-Anwendungen verkauft Apple (iPhone).

Artikel werden via Internet auf dem Computer oder dem Handy aber weiter kostenlos zu lesen sein. «Unsere Erfah­rung mit ‹20 Minuten Online› zeigt, dass der Werbemarkt solche Angebote finanzieren kann.»

Ob ein attraktives Endgerät allein die Kunden zum Zahlen bewegen wird, ist jedoch fraglich. Die Verlage betonen denn auch, dass sie über die neue Plattform Mehrwerte anböten, etwa exklusive Nachrich­ten aus der Wohnregion des Kunden.

Händler wollen 30 Prozent

Mit dem eigenen Verkaufsportal umgehen die Verlage Zwischenhändler wie Amazon oder Apple, die für den Verkauf über ihre Plattformen hohe Provisio­nen einstreichen – bei Apple sind es 30 Prozent, Amazon hat sie nach Protesten von 70 auf 30 Prozent reduziert.

Ob die Strategie eine Absage an das angekündigte iPad von Apple bedeutet, bleibt unklar. «Wir werden verschiedene Wege auspro­bieren und uns nicht auf eine einzelne Plattform beschränken», so Zimmer. «Unsere Medien werden weiter Apps für iPhone und iPad anbieten.»

Der Axel-Springer-Verlag, der auch den Beobachter he­rausgibt, setzt zurzeit  vor allem auf die Apple-Verkaufsplattform. In Deutschland werden bereits mehrere Zeitungen als Apps gegen Bezahlung angeboten. «Wir sind natürlich auch für andere Vertriebskanäle offen. Dabei bieten sich für un­sere Medien vor allem multimedial einsetzbare Geräte an», sagt Tobias Fröhlich, Mediensprecher des Springer-Verlags.

Eine ungebremst wachsen­de Nachfrage nach mobilen Internetzugängen begünstigt den Schritt zur digitalen Bezahl­zeitung. So wurden im letzten Quartal 2009 weltweit 30 Prozent mehr Smartphones ver­kauft als im Vorjahreszeitraum. Hinzu kommen die neuen eReader und diesen Frühling das iPad von Apple. Die Käufer solcher Geräte sind ausserdem bereit, Geld – zumindest klei­nere Beträge – für Programme und Inhalte auf diesen Plattformen auszugeben. Apple hat mehr als 99 Prozent der Smartphone-Anwendungen verkauft und damit 4,2 Milliarden Dollar umgesetzt.

Entweder alle oder keiner

Für den Zürcher Medienökonomen Patrick Rademacher hängt der Erfolg des Bezahl­modells davon ab, ob alle Medienhäuser die gleiche Strategie fahren. «Sonst wechselt der Konsument einfach auf einen Kanal, der vergleichbare Inhal­te gratis anbietet.» Die Verlage müssen sich fragen, ob sie bis­he­rige Gratisangebote im Inter­net reduzieren sollen, damit das Bezahlangebot genügend attraktiv wird.

Das Lesegerät muss laut Rademacher für vielfältige Zwecke genutzt werden können, also zumindest Surfen im Netz und E-Mails erlauben, am besten auch das Abspielen von Musik und Filmen. «Andernfalls bin ich skeptisch, ob viele Leser ­bereit sein werden, ein zusätzliches Gerät nur für Zeitungen und Bücher zu erwerben.»