Als der erste «Tatort» gedreht wurde, telefonierten wir noch mit Apparaten mit Wählscheiben und geringelten Kabeln, und wer in der guten Stube den TV-Kanal wechselte, drehte an einem Schalter am Gerät. Das war die mediale Steinzeit. Doch die Dinosaurier dieses uncoolen Zeitalters sind nicht ausgestorben. Wer heute etwas auf sich hält, schaut am Sonntag den «Tatort». Tags darauf verkündet er seine Meinung dazu auf einem ­Online-Portal. Die «Tatort»-Kritik ist zum ­Beispiel bei TA online einer der meistgelesenen Artikel, begleitet von Dutzenden von Leserkommentaren.

Auch dem Musiker und Virtual-Reality-Spezialisten Jaron Lanier ist aufgefallen, dass die neuen Medien ­massiv von den alten profitieren. «Es ist erstaunlich, wie viel Online-Geplauder davon lebt, was Fans über Dinge denken, die ursprünglich in der Sphäre der alten Medien kreiert wurden und die jetzt vom Internet zerstört werden», schreibt er in seinem Buch «You Are Not a Gadget». «Kommentare über TV-Shows, wichtige Filme, kommerzielle Musik und Videospiele müssen für ähnlich viel Internetverkehr verantwortlich sein wie Pornografie. Daran wäre nichts auszusetzen, ausser dass das Web im Begriff ist, die alten Medien umzubringen. Wir befinden uns daher in einem Zustand, in dem das Kulturschaffen seinen Samenbestand auffrisst.» Lanier weiss, wovon er spricht. Er hat verschiedene Start-ups gegründet, das Drehbuch zu Steven Spielbergs Zukunftsfilm «Minority Report» verfasst und ist heute als Berater von Microsoft tätig.

Dabei sollte alles ganz anders sein. Die Vordenker der IT-Szene versprechen eine Medienzukunft, in der nicht Superstars die Kultur beherrschen. Weil in der digitalen Welt Transport- und Lagerkosten entfallen, werde die Kunst demokratisch. Alle könnten mittun. «Das ist die Welt der Blogger, der Videofilmer und der Garagenbands, die plötzlich ein Publikum erhalten, weil sie von der digitalen Distribution profitieren», verkündet Chris Anderson, ehemaliger Chefredaktor der Kultzeitschrift «Wired». Der britische Maler David Hockney hat sich bereits damit abgefunden, dass die Ära der Superstars sich dem Ende zuneigt. «In Zukunft wird niemand mehr berühmt sein, oder wenn doch, dann höchstens lokal», stellt er fest.

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Mag sein, dass uns Roboter die Arbeit abnehmen und wir viel Musse für kulturelles Schaffen haben werden. Deswegen würden wir aber nicht in einem Kreativitätshimmel landen. Vielmehr drohten kulturelle Hölle, geis­tige Verarmung und materielle Not, prophezeit Lanier. Die Künstler seien die Bauern von morgen. Weil alle kreativ sein wollen, wird keiner mehr dabei verdienen, und weil alle von künstlicher und Schwarmintelligenz unterstützt würden, gehe die individuelle Originalität verloren. «In einer Welt der Schwarmintelligenz werden die Bauern der Noosphäre (eines kollektiven Gehirns, Anm. d. Red.) in einen jämmerlichen Zwiespalt geraten zwischen einer graduellen Ver­armung unter einem robotergetriebenen Kapitalismus und einem verzweifelten Sozialismus», glaubt Lanier.

Anzeichen für bleierne Eintönigkeit und endlose Wiederholung sieht er bereits heute. Es gebe nichts neues Kreatives mehr, klagt er. «Alles ist retro, retro, retro. […] Es ist, als ob die Kultur eingefroren wurde, kurz bevor sie ­digitalisiert wurde. All das, wozu wir scheinbar noch ­fähig sind, ist, die Vergangenheit auszuschlachten wie Plünderer eine Abfallhalde.» Bei den Chefideologen der künstlichen Intelligenz und den esoterischen Schwärmern der Noosphäre diagnostiziert er einen fundamentalen Denkfehler. Offene, freie Software wie Linux, Schwarmintelligenz und die Verschmelzung von künstlicher mit menschlicher Intelligenz würden uns nicht ­befreien, sondern vielmehr versklaven. Es entstehe somit kein kulturelles Paradies, sondern ein «Cyber-Totalismus», in dem «digitale Maoisten» und sogenannte Trolls herrschten, Menschen, die im Schutz der digitalen Anonymität zur Hatz auf Andersdenkende auffordern. Die Demokratisierung durch soziale Medien ist so gesehen ein gigantischer Irrtum.

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