Beobachter: Wie bewegt sich ein Bundes­beauftragter für den Datenschutz im Netz? Nur mit Pseudonym? Oder gar nicht?
Peter Schaar: Ich verhalte mich da vermutlich so wie viele, die sich der Risiken zwar bewusst sind, aber Vorteile des Netzes nicht missen wollen. Ich achte aber da­rauf, dass ich bestimmte Spuren nicht hinterlasse und zum Beispiel bei meinem ­Facebook-Account gewisse Details eben gerade nicht preisgebe. Und dann stelle ich mir auch immer wieder die Frage, ob ich mich an gewissen Diskussionen im Netz beteiligen soll oder nicht. Tue ich das, dann nutze ich auch Pseudonyme – wohl wissend, dass diese auch gebrochen werden können. Ich habe auch einmal Anonymisierungsdienste ausprobiert, aber das ist nicht sehr prickelnd, da die Übertragungsgeschwindigkeit massiv sinkt. Meine berufliche Kommunikation ist selbstverständlich vollständig verschlüsselt.

Beobachter: Aber privat hinterlässt also auch der deutsche Datenschutzbeauftragte Datenspuren.
Schaar: Das kann man nicht verhindern. Insofern hat die elektronische Kommunikation ein ganz anderes Gewicht als die herkömm­liche, mündliche. Die ist ja überwiegend flüchtig – wenn einem nicht gerade ein ­Mikrophon vor den Mund gehalten wird. Es gibt einen weiteren Aspekt: Viele, die ­sagen, dass sie nichts zu verbergen haben, vergessen, dass sie vieles vergessen haben. Denn was man dann im Netz findet, ist den Betroffenen selber gar nicht mehr bewusst, kann sie aber kompromittieren.

Beobachter: Mich überrascht, dass Sie ein Facebook-Profil haben. Denken Sie denn, dass Sie dort die ­Kontrolle darüber haben, was über Sie ­verbreitet wird?
Schaar: Natürlich nicht. Aber als Datenschützer muss ich dort sein, wo die Menschen auch sind, und die virtuelle Öffentlichkeit ist heute ein wichtiger Teil der Öffentlichkeit, insbesondere der jüngeren Generation, aber zunehmend auch generationenübergreifend. Bei den Informationen, die ich selber preisgebe, habe ich das noch einigermassen in der Hand, zumal ich die Einstellungen für die Privatsphäre nutze. Keinen Einfluss hat man jedoch darauf, was andere über einen ins Netz stellen. Ich wurde zum Beispiel auf einem Foto als katholischer Messdiener markiert. Ich bin jedoch nicht katholisch und war nie Messdiener. Ich habe das dem Urheber mit­geteilt, und auf meiner Facebook-Seite erscheint es nicht, aber irgendwo im Netz ist das sicher noch vorhanden.

Beobachter: Gibt es denn Ihrer Ansicht nach so etwas wie Anonymität im Netz?
Schaar: Jein. Es gibt ein ganz altes Bild von einem Hund, der vor einem Computer sitzt, und jemand sagt ihm: «Im Internet weiss keiner, dass du ein Hund bist.» Genau so ist es: Man weiss nie, wer auf der anderen ­Seite ist. Das wird ganz schlimm, wenn mir jemand auf der anderen Seite vorgaukelt, er sei meine Bank, und in Wirklichkeit fängt jemand meine Daten ab. Eine ge­wisse Anonymität ist also vorhanden. Anderseits können Nutzer anhand ihrer IP-Adresse oder von Einstellungen ihres Systems, etwa der Browsereinstellungen oder der gewählten Sprache, weitgehend iden­tifiziert werden. Insofern gibt es im Netz keine vollständige Anonymität.

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Beobachter: Wenn man nun sieht, welche Datenmengen im Netz freiwillig verbreitet werden, kann man doch auch sagen: Das ist alles halb so schlimm, denn diese Datenmengen sind gar nicht zu ­verarbeiten.
Schaar: Auch das ist richtig und falsch zugleich. Wenn man diese Daten mit einer besonderen Software analysiert und verknüpft, ist es möglich, sehr umfangreiche Profile der Betroffenen zu gewinnen. Da sind die technischen Beschränkungen wie die genannten Privatsphäre-Einstellungen nicht allzu wirksam.

Beobachter: Aus dieser Erkenntnis kann man eigentlich nur eines schliessen: Wer wirklich sicher sein will, sollte sich schlicht überhaupt nicht im Internet bewegen.
Schaar: Das ist nicht meine Vorstellung. Man wird die technologische Uhr nicht zurückstellen können. Es geht vielmehr darum, ein Verständnis davon zu gewinnen, was im Netz geschieht und wo die Gefahren lauern. Auf der anderen Seite muss man das Netz auch zivilisieren, indem gewisse Regeln durchgesetzt werden und die Nutzer wirksame Mittel in die Hand bekommen, um ihre virtuelle Privatsphäre zu schützen.

Peter Schaar, 57, ist seit Ende 2003 Bundes­beauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit in Deutschland. Schaar ist Autor des Buchs «Das Ende der Privatsphäre. Der Weg in die Überwachungsgesellschaft».

Quelle: Ullstein Bild/Ipon