Nun treten die Ersten ins Erwachsenenleben, die im Netz gross geworden sind. Sie twittern, youtuben und hantieren mit Hunderten von Apps. Bei vielen Älteren dagegen macht sich Ermüdung breit. Frank Schirrmacher, 50, der streitbare Feuilletonist der «Frankfurter Allgemeinen», bekennt in seinem jüngsten Buch «Payback», er sei den Ansprüchen des Digitalzeitalters nicht mehr gewachsen. Die Reizüber­flutung überfordert ihn. «Der Kopf kommt nicht mehr mit. Das Multitasking vermanscht das Gehirn», klagt er. Nicht er benutze das Internet, das Internet fresse ihn auf.

Wir sind, so der Befund, einem digitalen Dauerfeuer aus­gesetzt, das uns pausenlos in Alarm versetzt. «Ich-Erschöpfung» nennt der amerikanische Sozialpsychologe Roy Baumeister das neue Krankheitsbild, wenn Menschen ausbrennen unter dem Zwang, ständig auf neue Impulse zu reagieren.

Radikale Umwälzungen

Neue Technologien verändern seit je das Denken. Schrift, Buch­druck, Dampfkraft oder das Fliessband – solche Erfindungen polten unsere Hirne um. «Die technischen Instrumente zwingen uns, neue Fähig­keiten zu entwickeln, während andere verkümmern», sagt der Zürcher Soziologe Hans Geser.

«Wie verändert das Internet Ihr Denken?», fragt nun der US-Literaturagent und Vernetzer John Brockman in seinem Online-Magazin «The Edge». Er versammelt dort digitale Vordenker, IT-Spezialisten, Physiker, Evolutionsbiologen, Neuro­wissenschaftler, Psychologen, Historiker, Künstler, und stellt ihnen jedes Jahr eine solche Frage. Unter den 172 Autoren halten sich Optimisten und Pessimisten die Waage. Aber alle stellen seit Beginn der ­Internet-Epoche radikale Um­wälzungen fest.

Hans Geser, Soziologe an der Universität Zürich

Das alte und das neue Denken

Das Internet verändert jeden Aspekt des Denkens: Wahrnehmung, Kategorisierung, Aufmerk­samkeit, Gedächtnis, Spra­che, Orientierung, Vorstellungs­ver­mögen, Kreativität, Ent­schei­dungswege, Problemlösun­gen, soziale Interaktionen:

  • Gedächtnis: Wissen wird ins Internet ausgelagert und ist nicht mehr eine Frage der Gedächtnisleistung, sondern der Zugriffstechnik. Das Langzeitgedächtnis verkümmert, über uns wölbt sich allwissend das Netz als kollektives Hirn.
  • Konzentration: Bücher bündeln Aufmerksamkeit und halten Ablenkungen fern. Die Netz­technologie dagegen zersetzt die Konzentrationsfähigkeit.
  • Relativismus: Datenflut und Hypertext-Logik ebnen alle Wert­hierarchien ein. Wahrhei­ten, Lügen und Unsinn erhalten gleiches Gewicht, gleiche Präsenz und Dringlichkeit.
  • Gesetz der grossen Zahl: Die Masse ersetzt Experten. Man orientiert sich nicht mehr an Fachkundigen, sondern an Kom­mentaren anderer User. Statt des individuellen Sachverstands gilt nun die Weisheit und der Irrsinn der Masse.
  • Erfahrung: Die Mobiltechnologie überzieht die Welt mit einem Informationsfilm. Man nimmt Bilder und Orte nicht mehr individuell wahr, sondern in aufbereiteter Form. Das für alle gleiche Faksimile ersetzt subjektive Erfahrung.
  • Gegenwart: Der Facebook-Freund in Tokio ist so nah wie der Nachbar. Die elektronische Geselligkeit verändert die Zuge­hörigkeit und Beziehungsmerkmale wie Vertrauen, Respekt, Offenheit, Tiefe, An­teil­nahme, Loyalität, Verbindlichkeit.
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Frank Schirrmacher, Feuilletonist, «Frankfurter Allgemeine Zeitung»

Die Vernunft sitzt jetzt im Netz

Der Wandel ist epochal: Aus der Aufklärungsphilosophie Kants stammt die Idee, das ­autonome Ich sei Träger der Vernunft und ordne die Welt mit seinem Verstand. Diese fürs Abendland prägende Idee bricht weg. Nicht mehr im Individuum sitzt die Vernunft, sondern in der Institution, die jedes Men­schenleben überdauert. Der Phi­losoph Hegel und später der Soziologe Max Weber skizzier­ten das, indem sie Institutionen wie «den Staat» oder «das Recht» als Träger der Vernunft über das Individuum stellten.

Das Internet mit seinem Wissen, seiner Dynamik und Eigenlogik übersteigt jeden individuellen Horizont. «Das erlebt der Bildungsbürger als Kon­trollverlust», sagt Geser. So ist Schirrmachers Netz-Neurose auch zu verstehen als letzter Seufzer einer untergehenden Gattung.