Es sieht ganz so aus. Neue Leute kennen­lernen, alte Bekannte ausfindig machen, Fotos austauschen, zu hippen Partys und Vernissagen eingeladen werden, eine bezahlbare Wohnung in der Stadt finden - dank Facebook offenbar alles kein Problem. Als Claudia hinzufügt: «Facebook ist absolut tubelisicher. Sogar ich habs geschafft, mich anzumelden», ist der Fall klar: Das probier ich aus.

Kaum zu Hause, logge ich mich also ein. «Tatjana ist Facebook beigetreten», vermeldet das System wenig später lapidar. Die nächsten Stunden verbringe ich damit, herauszufinden, wie man Pinnwand­einträge schreibt, einer Gruppe beitritt, Fotos und Filme hochlädt und sein Profil anreichert, ohne Wesentliches preiszu­geben - denn der halben Welt intime Details aus meinem Leben zugänglich zu machen ist nicht mein Ziel.

Stattdessen suche ich nach Kolleginnen und alten Bekannten, verschicke Freundschaftsanfragen und erhalte selber welche. Es scheint, als hätten alle nur darauf gewartet, dass auch ich dabei bin. Und das bin ich mittlerweile täglich: Ich sammle «Freunde» - und weiss stets, was sich in deren Leben gerade tut: Dass Sarah «fleissig arbeitet», dass Sonja «sich Gedanken über das Sein macht», Simone «die Holländer vermisst», während Pascale «zum ersten Mal durch Buenos Aires joggt».

Ich bekomme Ein­ladungen für Partys und Vernissagen - und weiss auch, wer ebenfalls dort sein wird. Zudem bin ich nun immer informiert, wer als nächstes Geburtstag hat - eine praktische Sache.

Als mich allerdings ein mir unbekannter «Freund» eines «Freundes» als sein «Haustier» («pet») adoptieren will, lehne ich dankend ab. Wo bin ich denn da hineingeraten? Hatten meine Kollegen im Büro vielleicht doch recht, als sie meinten, Facebook sei ein Zeitvertreib für Spinner und gelangweilte Teenies? Anderseits: Ohne Facebook wäre ich jetzt nicht mit Samantha, der Freundin einer Freundin, zum Mittagessen verabredet. «Bist du auch auf Facebook?», hatte sie mir zugerufen, bevor sie ins Tram stieg. Ich hatte weder ihre Telefonnummer noch ihre E-Mail-Adresse - aber alles, was es auf Facebook braucht, ist der Name, und schwupps, ist man «connected». Ich hätte auch Lothar nicht wiedergefunden, eine alte Liebe aus der Gymizeit. Nach ein paar Mal hin- und herschreiben stand fest: Wir treffen uns Anfang Jahr in Indien.

Netzwerken funktioniert auf Facebook prima. Und was soll falsch daran sein, mit seinen Freunden spätabends zu chatten statt anzurufen oder zu smslen? Dank Facebook weiss ich auch, wer überhaupt gerade Zeit hat und online ist - wo immer auf der Welt er oder sie sich gerade aufhält. Facebook hat zwar nicht mein Leben verändert, aber die Art, wie ich kommuniziere. Nur: Auf ein paar hundert «Freunde» werde ich es online nie bringen. Echte Freunde lassen sich an einer Hand abzählen. An dieser menschlichen Grundkonstante wird auch Facebook nichts ändern.