Ein x-beliebiger Fremder kann Ihren exakten Tagesablauf kennen. Er weiss, wann Sie sich wo aufhalten, dass Sie auf dem Heimweg von der Arbeit vielleicht noch einen kleinen Abstecher machen, er kennt Ihren Arbeitsweg, das Lieblingscafé und den Lebensmittelladen um die Ecke. Das alles dank Ihrem Smartphone: Ein amerikanisch-belgisches Forscherteam hat herausgefunden, dass die angeblich anonymisierten Daten, die viele Anbieter via Smartphones über uns sammeln, so anonym nicht sind. Die Wissenschaftler um den Mathematiker Yves-Alexandre de Montjoye haben erstmals nachgewiesen, dass das Bewegungsprofil jedes Einzelnen viel individueller ist als bisher angenommen.

«Ich gebe doch meine Daten niemandem weiter», denken Sie jetzt vielleicht. Das brauchen Sie auch nicht – diesen Part übernimmt das Smartphone. Zum Teil hat das technische Gründe. Solange ein Handy eingeschaltet ist, loggt es sich jeweils in die nächstgelegene Antenne ein. Bewegt man sich aus deren Bereich heraus, springt es zur nächsten. Diese Datenspur landet ­automatisch beim Mobilfunkanbieter.

Doch das ist noch nicht alles. Jedes Smartphone hat ein GPS-Ortungssystem eingebaut und kann so jederzeit seinen ungefähren Standpunkt weiterleiten. Die Hersteller der Smartphones sammeln diese Daten teilweise. Wer etwa ein iPhone hat, stimmt auch zu, dass Apple Informationen an Partner und Lizenznehmer weitergibt.

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Auch immer mehr Entwickler von Apps sammeln Daten und interessieren sich für den jeweiligen Aufenthaltsort der Smartphone-Besitzer. Die Liste jener, die Daten bekommen, wird von Monat zu Monat länger. Eine US-Studie schätzte kürzlich, dass mehr als ein Drittel aller Apps die Position des Handybesitzers auszulesen versuchen.

Die Anbieter berufen sich bei der Aufzeichnung dieser Bewegungsmuster auf Anonymisierung: Ein Bewegungsprofil wird erstellt, aber nicht mit persönlichen Informationen wie dem Namen verbunden. Doch das hilft nur bedingt. «Wer auf einem grossen Platz voller Menschen sitzt, der hat vielleicht das Gefühl, in einer anonymen Masse zu verschwinden», sagt Mathematiker de Montjoye, der inzwischen am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forscht. Doch das sei ein Irrtum: «Sobald man sich bewegt, weicht der Weg, den Passant A nimmt, früher oder später von jenem ab, den Passant B einschlägt.»

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Die Entschlüsselung ist äusserst einfach

Für seine Forschungen wertete de Mont­joye die Daten eines europäischen Mobilfunkanbieters aus. Diese umfassten die Bewegungen von 1,5 Millionen Kunden während 15 Monaten. De Montjoye errechnete, dass nur vier Datenpunkte reichen, um 95 Prozent der Smartphone-Besitzer zu identifizieren. Ein Datenpunkt ist der Aufenthaltsort einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt. Bei über 50 Prozent der Smartphone-Besitzer reichen sogar zwei Datenpunkte für die Identifizierung.

Ein Beispiel: Herr Rot und Frau Blau wohnen im selben Haus. Wenn sie zu Hause sind, loggt sich ihr Handy bei der gleichen Antenne ein (Datenpunkt 1). Selbst wenn sie, was unwahrscheinlich ist, das Haus morgens zur selben Zeit verlassen, um zur Arbeit zu gehen, und vielleicht an derselben Bushaltestelle warten (Datenpunkt 2), steigt Frau Blau zwei Stationen früher aus als Herr Rot. Schon Datenpunkt 3 wird die beiden also unterscheiden. Herr Rot geht beim Schnellimbiss um die Ecke mittagessen, Frau Rot wiederum muss ein paar Besorgungen machen. Auch Datenpunkt 4 der beiden Profile wird sich also unterscheiden.

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Die Datenspur ist somit sehr individuell, aber noch immer anonym. Weil sie aber so individuell ist, kann sie leicht zugeordnet werden, sobald Informationen aus einer anderen Quelle hinzukommen. «Mit zusätz­lichen Informationen lassen sich die Daten einer konkreten Person zuschreiben», sagt de Montjoye.

Nur Apps aus seriöser Quelle nutzen

Lädt Herr Blau beispielsweise, während er zu Mittag isst, ein Foto von dem besonders grossen Burger, den er zu verdrücken gedenkt, auf sein Facebook-Profil, lässt sich aus der Kombination der beiden Daten­sätze leicht der Name herausfinden.

Da nützen auch die Datenschutzregeln nichts, denen die Telekomanbieter unterstehen. Personenbezogene Daten dürfen sie ohne Einwilligung nicht weitergeben, anonymisierte Standortdaten hingegen schon.

Noch viel weniger geregelt ist die Frage, was App-Entwickler mit den anfallenden Daten tun. Schützen kann man sich bis zu einem gewissen Punkt. Wer gar keine Datenspur hinterlassen möchte, muss sich allerdings von seinem Smartphone trennen. Alle anderen können mit einigen Einstellungen und vor allem einem vorsichtigen Umgang mit Apps zumindest einen Teil der Sammelei verhindern. Wo immer möglich, sollte man die Funktion der Lokalisierung ausschalten. Das kann man grundsätzlich für das ganze Smartphone tun und individuell bei jeder App.

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«Bei Smartphone-Apps ist die Situation teilweise schwierig einzuschätzen, da es oftmals an Transparenz und Informationen über die vorgenommenen Datenbearbeitungen mangelt», sagt Eliane Schmid, Sprecherin des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Man solle sich gut überlegen, welche Apps man lade und ob diese aus seriöser Quelle stammen.

Die Anbieter wollen Werbung schicken

Auch Forscher Yves-Alexandre de Mont­joye rät zur Vorsicht. «Man muss beim Umgang mit den Apps gesunden Menschenverstand walten lassen», sagt er. «Und sich bewusst sein, was alles möglich ist.» Doch allzu grosse Sorgen mache er sich nicht. Schliesslich sei das Hauptinteresse der meisten kommerziellen Anbieter nicht krimineller Natur. Sie wollen dem Smart­phone-Besitzer vor allem personalisierte und ortsbezogene Werbung schicken. Ob der sich darüber besonders freut, ist eine andere Frage.

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